Deutschlands Auftaktgegner Mexiko Affäre Abschiedsparty

Nach einer ausschweifenden Feier vor WM-Beginn steht "El Tri" in Mexiko in der Kritik - mal wieder, denn wie das Land ist auch die Nationalmannschaft dauernd in der Krise.

Héctor Herrera (Mitte)
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Héctor Herrera (Mitte)

Von , Mexiko-Stadt


Das erste Training auf russischem Boden hatte etwas Befreiendes: keine Fragen, keine Rechtfertigungen, keine Widersprüche oder Gerüchte um Partys und Prostituierte, sondern endlich nur Fußball und Fans, die Selfies und Autogramme verlangten.

Hunderte mexikanische Fans waren ins Strogino-Stadion im Westen Moskaus gekommen, um die müden Stars ihrer Nationalmannschaft anzufeuern, die erst am Vorabend aus Dänemark eingeflogen waren. Selbst Héctor Herrera, eine der Stützen in Mexikos Mittelfeld, trainierte fleißig, was an sich schon eine Nachricht ist. Aber dazu später.

Die Reise nach Russland war das Ende einer mehrtägigen Flucht aus Mexiko. Einer Flucht vor der "Affäre Abschiedsparty", die das Team von Trainer Juan Carlos Osorio eine lange Woche verfolgte - und die Vorbereitung auf das WM-Turnier und das Auftaktspiel gegen Deutschland erheblich störte.

Was war passiert? Kurz nachdem sich die mexikanische Nationalmannschaft Anfang Juni mit einem schlappen 1:0-Sieg gegen Schottland daheim von ihrem Publikum verabschiedet hatte, veranstaltete sie noch am selben Abend eine große Feier in einer Villa in einem feinen Viertel von Mexiko-Stadt, mit Damenbegleitung. Nur, dass es sich dabei nicht um die Ehefrauen oder Partnerinnen der Spieler handelte. Die letzten Gäste sollen laut Augenzeugen am Nachmittag des nächsten Tages die Villa verlassen haben.

Héctor Herrera musste seine Frau beschwichtigen

Das blieb nicht unentdeckt: Immer neue Gerüchte kamen auf, auf Enthüllungen folgten Dementis, auf die wiederum neue Enthüllungen und neue Dementis folgten. Belegt hingegen ist, dass Héctor Herrera vom FC Porto kurzfristig das Team in Dänemark verließ und nach Portugal reiste, um seine Ehe zu retten. Anschließend drohte er damit, der WM in Russland ganz fernzubleiben, sollten die Anfeindungen gegen ihn und Teile des Teams nicht aufhören.

Wenn man wissen will, wie die mexikanische Gesellschaft über die WM-Vorbereitung der Nationalmannschaft denkt, lohnt es sich, Juan Villoro zu befragen. Der Schriftsteller und Fußball-Philosoph sagt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, die Party belege den "moralischen Verfall" im mexikanischen Fußball.

Und so wurde die Reise der mexikanischen Nationalmannschaft zu ihrer 16. WM mit einer Hintergrundmusik aus Häme, Empörung und der Furcht unterlegt: Bei einer solchen Vorbereitung werde das Viertelfinale, das lang ersehnte fünfte Spiel bei einer WM, kaum erreichbar sein.

In Russland soll wieder der Fußball im Mittelpunkt stehen

Jetzt, in Russland, ist aber nur noch Fußball Thema: Diego Reyes vom FC Porto kann verletzungsbedingt nicht spielen. Kann Nachwuchshoffnung Erick Gutiérrez den Innenverteidiger ersetzen? Raúl Jiménez, Mittelstürmer von Benfica Lissabon, entflieht seiner Ersatzbank-Existenz nach England zum Premier-League-Aufsteiger Wolverhampton Wanderers.

Die wichtigste Ansage machte der Trainer selbst: Er habe seine Startelf gegen Deutschland im Kopf, sagte Juan Carlos Osorio. Allein das sorgte für kollektive Erleichterung und Freude daheim im fußballverrückten Mexiko, denn der kolumbianische Coach macht seine Mannschaft und die Fans seit Amtsantritt mit konstanter Rotation verrückt. 48 Spiele hat Osorio mit "El Tri", der "Dreifarbigen", bestritten und nicht ein einziges Mal die gleiche Mannschaft aufgestellt.

Der Ärger über den Trainer hatte sich schon beim Abschiedskick gegen die Schotten entladen. Mehrfach riefen Teile der 80.000 Zuschauer im Aztekenstadion "Fuera Osorio!" (Osorio raus!).

"Unsere Nationalmannschaft ist wie unser Land ständig in der Krise"

Schriftsteller Villoro, der in Lateinamerika mit Büchern wie "Dios es redondo" ("Gott ist rund") bekannt geworden ist, sagt: "Der Sexskandal ist absurd und verwerflich. Außerdem belegt er, dass die Mannschaft keine Einheit ist." Den Gerüchten zufolge waren zwölf Spieler für die Organisation verantwortlich, die in Europa unter Vertrag stehen. "All das hat hier nicht dazu geführt, dass die Menschen viel Hoffnung auf ein gutes Abschneiden in Russland haben", sagt Villoro.

Die "Affäre Abschiedsparty" sei aber Ausdruck eines weiterreichenden Phänomens: Für Villoro ist der Fußball das Spiegelbild der mexikanischen Gesellschaft. "Unsere Nationalmannschaft ist permanent in der Krise, genau wie unser Land". Fehlende moralische und ethische Standards, Korruptionsskandale, mangelnde langfristige Entwicklungsstrategien, Fokussierung auf Geld, das man über den Erfolg stellt, seien die Übel des Sports und der Gesellschaft. "Mexiko hat innerhalb von zehn Jahren - und Sie können jeden Zehn-Jahres-Zeitraum nehmen, den Sie wollen - mehr Trainer verschlissen, als Deutschland in seiner ganzen Fußball-Geschichte."

Für das Spiel am Sonntag ist Schriftsteller Villoro dann auch wenig optimistisch für sein Land: "Illusionen im Fußball dauern so lange, bis man auf die Wirklichkeit trifft. Und in unserem Fall heißt die Wirklichkeit leider sehr oft: Deutschland". Mit einer 2:3-Niederlage, so findet der Autor, wäre Mexiko sehr gut bedient.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
clausina 16.06.2018
1. wo ist da Problem
auch für Fussballer gibt es ein Leben neben dem Sport. ich finde das total sympatisch.Haben doch gewonnen also lasst sie feiern.
ky3 16.06.2018
2. Diktatooooor
.
YourSoul Yoga 16.06.2018
3. Symphatisch
Es gibt In Mexiko einen Spruch denn dort jeder kennt, und er bei jeder WM wieder hochkommt: „die mexikanische Nationalmannschaft, sie spielt wie noch nie, und verliert wie immer.“ Ich finde das sehr sympathisch.
hallo???? 16.06.2018
4. Garant alter trick
Schon vor dem 74er-Finale wurde über die Holländer was von sexparties verbreitet, stellte sich später als deutsche lügenpropaganda heraus, um den übermächtigen Gegner psychologisch zu schwächen. Hat man so viel Angst vor Mexiko?
tales.dom 16.06.2018
5. Wen
interessiert noch diese WM. Erdogan hat es wirklich geschafft, sein Versprechen einzuhalten. Er hat uns die WM versaut.
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