WM 2018 ohne Italien "Das ist die Apokalypse"

Italien verpasst die WM 2018 - und der Trainer zieht keine Konsequenzen. Den Neuaufbau wird Ventura trotzdem nicht verantworten dürfen. Dann werden neben Torhüter Buffon weitere Weltmeister von 2006 fehlen.


Im entscheidenden WM-Playoff-Spiel gegen Schweden lief die Nachspielzeit. Torhüter Gianluigi Buffon eilte bei zwei Eckbällen mit nach vorne, um doch noch das eine Tor zu erzielen, das Italien in die Verlängerung gebracht und der WM in Russland zumindest ein Stück näher gebracht hätte. Das Tor fiel nicht, es blieb beim 0:0 und somit verpasst die stolze Squadra Azzurra erstmals seit 60 Jahren eine Weltmeisterschaft.

Buffons Ausflug in den gegnerischen Strafraum war ein Akt der Verzweiflung. Italien war zwar die bessere Mannschaft, doch der Mangel an Kreativität und Spielfluss endete in der zweiten Hälfte, als Schweden in der Offensive überhaupt nicht mehr stattfand, in einem Offenbarungseid. Und anstatt mit Neapels Lorenzo Insigne einen der wenigen Kreativspieler im Kader einzuwechseln, dachte Trainer Gian Piero Ventura zwischenzeitlich darüber nach, Daniele De Rossi zu bringen. Einen defensiven Kämpfer, 34 Jahre alt, wie einige seiner Teamkollegen längst über dem Zenit.

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WM-Aus: Italiens "unerträgliche Fußball-Schande" in Bildern

Insigne kam nicht, De Rossi zwar auch nicht, aber Ventura wurde mit italienischer Inbrunst ausgepfiffen. An einen Rücktritt denkt der 69-Jährige vorerst nicht. "Ich habe noch nicht mit dem Verbandspräsidenten gesprochen", sagte Ventura. "Es kommt nicht auf mich an, ich bin nicht die Person, die diese Entscheidung zu treffen hat."

Der Chef des Fußballverbands, Carlo Tavecchio, wollte sich Zeit nehmen, um Konsequenzen aus der verpassten Qualifikation zu verkünden. Dass es Ventura sein wird, der die Mannschaft bis zur Europameisterschaft 2020 wieder aufbaut, gilt als unwahrscheinlich.

"Dieser sportliche Misserfolg erfordert Lösungen, die wir zusammen ergreifen müssen. Daher habe ich für Mittwoch ein Treffen aller Verbandsmitglieder einberufen. Wir werden die Lage analysieren und die Beschlüsse für die Zukunft fassen", sagte Verbandschef Carlo Tavecchio. Er steht selbst massiv in der Kritik. "Weg mit den Mumien, die den italienischen Fußball leiten, und mehr Raum für junge Leute auch außerhalb des Spielfelds", forderte Ex-Nationalspieler Paolo Cannavaro.

"Unerträgliche Fußballschande"

Anders als der Trainer nahmen einige Routiniers die Schmach zum Anlass, um ihre Nationalmannschaftskarrieren zu beenden. Allen voran Rekordnationalspieler Buffon, aber auch Andrea Barzagli und De Rossi, allesamt Weltmeister von 2006, werden nicht mehr für Italien auflaufen. "Die Ära einiger Veteranen geht zu Ende, die von hungrigen, jungen Spielern beginnt. So sollte das auch sein", sagte Ventura.

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Endstation WM-Qualifikation: Große Teams, große Blamagen

Ob der Trainer mit dieser Einschätzung richtig liegt, wird die Zukunft zeigen. Denn der italienische Fußball braucht dringend Reformen, er liegt derzeit am Boden. Das war auch der Tenor in der Presse. Von einer "unerträglichen Fußballschande" und einem "unauslöschlichen Fleck" schrieb der "Corriere dello Sport", für die "Gazzetta dello Sport" stand fest: "Italien, das ist die Apokalypse."

Bei Buffon flossen schon Sekunden nach dem Schlusspfiff die Tränen. "Ich verlasse mit Sicherheit eine Nationalmannschaft mit fitten Jungs, die von sich reden machen werden", sagte der Torwart im italienischen Fernsehen und gestand: Es sei schlimm, dass seine Karriere so ende.

"Ich glaube, das ist die größte Enttäuschung meines Lebens", sagte Barzagli. "Es ist ein schwarzer Moment für unseren Fußball und ein tiefschwarzer für uns Spieler", kommentierte De Rossi. Nach dem Spiel habe eine Atmosphäre wie bei einem Begräbnis geherrscht. "Dabei ist niemand gestorben."

krä/dpa/sid



insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
paysdoufs 14.11.2017
1.
Die italienischstämmigen Kollegen auf der Arbeit nehmen es sportlich: Wer in 180min kein Tor schiesst, kann halt auch nicht erwarten zu gewinnen...
breguet 14.11.2017
2. Danke!
Die Füße der Spieler aus anderen Ländern werden aufatmen. Ohne Italien sinkt die Verletzungsgefahr um 50%.
schwerpunkt 14.11.2017
3.
Für Buffon tut es mir unendlich leid. So abtreten zu müssen hat dieser Spieler nicht verdient. Man sollte auf dem Höhepunkt der Mannschaft abtreten können, wie Philip Lahm die Chance hatte und diese auch ergriffen hat.
CancunMM 14.11.2017
4.
Vor dem Spiel war ich neutral, vielleicht mit einer Tendenz zu den Italienern. Nach dem Aspielen der Hymnen, war ich eindeutig für die Schweden. Wer bei der Hymne eines anderen Landes sich so benimmt, soll doch zu Hausen unter Seinesgleichen spielen. Ausgenommen Herr Buffon. Hut ab !
romeov 14.11.2017
5. Ironie des Schicksals
...ausgerechnet die Schweden gewinnen mit dem guten alten Catenaccio. Als Bayern-Fan kennt man ja die Situation: Der Gegner Parkt den Bus vor dem Tor und wartet auf fünf Konterchancen. Die Italiener gestern hatten aber nicht die individuelle Klasse den Abwehrriegel zu knacken. Die Schweden hatten Glück, das allein wird bei der WM nicht reichen.
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