DFB-Manager Bierhoff Der Mann fürs Portemonnaie

Oliver Bierhoff hat den DFB grundlegend verändert, er ist mitverantwortlich für die Erfolgsgeschichte der Nationalelf. Aber wenn es nicht läuft, ist der Manager der erste, der kritisiert wird.

Oliver Bierhoff
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Oliver Bierhoff

Aus Samara berichtet


Gegenwind ist Oliver Bierhoff vertraut. Er weht ihm ins Gesicht, seit er sein Geld mit dem Fußball verdient. So heftig wie im Moment hat er ihn allerdings lange nicht gespürt. Die Reaktionen auf sein Interview in der "Welt" zu Mesut Özil und dem frühen WM-Aus waren scharf, womöglich schärfer, als Bierhoff selbst gedacht hätte.

Auch wenn der DFB-Manager seine eigenen Äußerungen mittlerweile als "missverständlich" bezeichnet hat: Ruhe wird um ihn und den DFB so schnell nicht einkehren. Der Chefredakteur der "11 Freunde", Philipp Köster, fordert seine Ablösung, es herrscht eine breite Anti-Bierhoff-Stimmung, und die hat der 50-Jährige mit seinem Interview selbst befeuert.

Bierhoff polarisiert, das hat er schon als Spieler getan. In der Bundesliga fiel er in Mönchengladbach, bei Uerdingen und dem Hamburger SV durch, zu steif, zu unbeweglich, nicht agil genug. Zudem war dieser junge Kerl, dessen Vater Vorstand beim Energiekonzern RWE war und der mit dem Abitur in der Tasche Fußball spielte, vielen im Fußballgeschäft fremd. Im Grunde kämpft er bis heute mit dieser Fremdheit, die ihm entgegenschlägt.

In Italien wurde er zum Torjäger

Bierhoff hat sich damals einen anderen Weg gesucht, beileibe keinen leichteren, den übers Ausland. In Italien wurde er zum Torjäger, das haben manche vielleicht vergessen, erst in der Serie B bei Ascoli, später bei Udinese und dem großen Klub AC Mailand. Am Ende seiner Laufbahn hatte er 102 Tore in der Serie A erzielt. Das sind mehr, als es Marco van Basten oder Paolo Rossi gelangen - auch mehr als Diego Maradona.

Zum Liebling des deutschen Fußballfans wurde er aber auch dadurch nicht. In der Geschichte des DFB-Teams hat er sich durch sein Golden Goal im EM-Finale 1996 natürlich unvergessen gemacht, aber Bierhoff war selbst danach nie der Publikumsliebling. Dabei kann er auf 70 Länderspiele verweisen, 37 Tore, darunter jener Hattrick gegen Nordirland mit drei Toren innerhalb von sechs Minuten.

Seine Spielerkarriere ist fast sinnbildlich für seine Laufbahn beim DFB. Auch hier hatte er gerade in den Anfangsjahren mit heftigsten internen Widerständen im Verband zu tun. Wie Jürgen Klinsmann, Joachim Löw und er ab 2004 den DFB und die Nationalmannschaft umkrempeln wollten, das wollten viele der Funktionäre nicht. Ganz und gar nicht. Als Bierhoff dem Verband einen lukrativen Ausrüstervertrag an Land gezogen hatte, ließen ihn die DFB-Oberen einfach abblitzen und vertrauten lieber der Firma, die dem alten Netzwerk des Verbands angehörte. Wir machen das mit den Fähnchen.

Ab 2010 wuchs Bierhoffs Einfluss

Noch als er bereits sechs Jahre im Amt war, ließen sie ihn ihre Macht und ihre Abneigung spüren. 2010, wenige Monate vor der WM in Südafrika, verweigerten sie Bundestrainer Joachim Löw und ihm die Vertragsverlängerung. Es war mehr oder weniger der letzte Großangriff der alten Garde gegen die Erneuerer im DFB. Nach vier Tagen war der Machtkampf entschieden. Löw und Bierhoff bekamen neue Verträge, es war der Anfangspunkt, den DFB nach den Vorstellungen des Managers zu verändern. Der DFB ist heute ein Bierhoff-DFB. Die alten Männer haben nichts mehr zu melden.

Bis vor dem WM-Turnier in Russland, eigentlich bis zu dem "Welt"-Interview galt Bierhoff daher als mittlerweile unantastbar, als der starke Mann des Verbands. Er hatte dem Team das Campo Bahia in Brasilien hinstellen lassen, jenes Quartier, das nach dem Weltmeistertitel von Rio mythisch überhöht wird. Er hat der Nationalmannschaft die Sponsoren besorgt, er zieht die Fäden beim Bau der Akademie, er ist zudem unbelastet von der Sommermärchen-Affäre, jenem Skandal, der den DFB bis heute erschüttert und die vorherige Verbandsspitze weggefegt hat. Bierhoffs Bilanz beim DFB kann man als eine Erfolgsgeschichte lesen.

Und doch wiederholt sich auch hier, was Bierhoff schon als Spieler zu spüren hatte. Der Manager ist zweifellos geachtet, aber er wird von vielen Fans auch für das verantwortlich gemacht, das die Nationalmannschaft so kalt, so unpersönlich hat werden lassen. Wenn von der Entfremdung des Fußballs vom Publikum die Rede ist, dann fällt auch immer sein Name. Weil Bierhoff der Mann für die Werbeverträge ist. Kein Turnier vergeht, ohne dass er einen Sponsor in die Pressekonferenz schleppt.

Kalkuliert, ohne Gespür für Stimmungen

Bierhoff gilt der Öffentlichkeit als der Mann fürs Portemonnaie, nicht fürs Herz. Daher wurden seine Äußerungen über Mesut Özil auch so vehement aufgenommen. Hier war er wieder zu hören, der kühle Manager Bierhoff, kalkuliert, ohne Gespür für Stimmungen. Einer, für den Werte vor allem ein Mittel sind, ein Produkt zu verkaufen.

Bierhoff hat sich immer wieder gegen solche Vorwürfe gewehrt, zuletzt im ZDF am Freitag beim Oliver-Stelldichein mit den Fragern Welke und Kahn, aber sie fallen ihm dennoch bei jeder erstbesten Gelegenheit vor die Füße. Wenn es bei der Nationalmannschaft knirscht, dann ist er der Erste, der die Kritik abzufangen hat. Weil er mit dem, wofür er steht, am leichtesten zu schlagen ist. Weil er in dieser Welt der Lothar Matthäus', Reiner Calmunds und Rudi Völlers bis heute ein Fremdkörper ist. Weil ihm als Torschützenkönig der Serie A, als Europameister 1996 und als 70-facher Nationalspieler bis heute der berühmt-berüchtigte Stallgeruch abgesprochen wird. Und Bierhoff tut wenig, um diesen Eindruck zu entkräften.

Der Manager weiß natürlich, dass er nicht der Darling des Fußballvolkes ist, und er hat sich damit arrangiert. Als Deutschland Weltmeister wurde, wurde Joachim Löw der rote Teppich ausgerollt, Bierhoffs Anteil daran wurde erwähnt, viel mehr aber auch nicht. Bierhoff ist bei der Nationalmannschaft für die Fans das, was ihnen RB Leipzig für die Bundesliga ist. Sie werden nicht warm mit ihm. Das wird sich nicht mehr ändern.



insgesamt 58 Beiträge
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hans-rai 07.07.2018
1. Bierhoff hatte doch Recht...
...mit seiner Kritik an Özil und der Idee, ihn sportlich nicht mehr mitzunehmen. Was ich bei den Spielen gesehen habe, ist, dass ein lustloser Özil über den Platz gelaufen ist. Nicht jedes Wort jetzt auf die Goldwaage legen.
siebke 07.07.2018
2. Er passt !
Warum soll ein Manager ein hemdsärmelig Typ sein. Er hat viel für den deutschen Fußball getan und zwar mit Köpfchen. Und da er selbst ein sehr guter Spieler war, mit Hirn, weiß er von WAS er spricht ! Das aber schon wieder eine gewisse "Meute" von Couchpotatos-Trainer in den Startlöchern stehen um ihre "fachliche" Meinung wundert mich nicht ! Wir Deutsche sind ein Volk der Neider, Besserwisser und Stammtischredner !
Proserpin de Grace 07.07.2018
3. Klandestin
Transformationen laufen erfolgreich im Stillen ab. Dazu muss man die Unsichtbarkeit der grauen Eminenz lieben und weniger die Eitelkeit einer Primadonna zelebrieren. Bierhoff fehlte jede Souveränität des Verborgenen. Als Chef-Schwätzer braucht er die Bühne.
Pinin 07.07.2018
4. Nein ...
... die WM 2014 hat die damalige Nationalmannschaft gewonnen, trotz Löw und nicht wegen Bierhoff.
muxkopp 07.07.2018
5. Bierhoff
Der eigentliche Versager ist Bierhoff. Man hätte die beiden aus dem Kader entfernen müssen - und zwar sofort. Nicht weil sie Erdogang nahestehen, sondern weil diese Aktion die Vorbereitung der Mannschaft massiv gestört hat. Jetzt ist die Sache vorbei, es besteht kein Anlass sie jetzt noch abzustrafen. Aber Bierhoff muß gehen!
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