Perus Stürmer Guerrero Einen im Tee. Vielleicht

Paolo Guerrero sicherte Peru die WM-Teilnahme, hätte selbst aber beinahe nicht mitspielen dürfen: Er wurde positiv getestet. Das ganze Land setzte sich für ihn ein - genau wie die Gruppengegner.

Paolo Guerrero
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Paolo Guerrero

Von , Mexiko-Stadt


Der erste Dopingskandal der Weltmeisterschaft in Russland hatte schon weit vor Turnierbeginn begonnen. Die Frage, was genau zur positiven Dopingprobe bei Perus Mittelstürmer Paolo Guerrero führte, ist zwar nicht abschließend beantwortet, aber sie ist erst einmal auf Eis gelegt. Und damit ist auch die Herzschlagfrequenz eines ganzen Landes wieder auf Ruhepuls gefallen, das seit 36 Jahren bei keiner WM mehr war und schon die Teilnahme so gefeiert hat, als wäre es der Titel.

Nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn Paolo Guerrero die WM vor dem Fernseher hätte verfolgen müssen, so wie es der Internationale Sportgerichtshof Cas im schweizerischen Lausanne am 14. Mai entschieden hatte, als er Guerrero für 14 Monate aus dem Verkehr zog.

Der 34 Jahre alte Stürmer von Flamengo Rio de Janeiro ist mit 33 Toren nicht nur der erfolgreichste Schütze der Peruaner, er ist das, was Messi für Argentinien ist, Neymar für Brasilien und James für Kolumbien: die Figur, an dem sich das Team auf dem Feld orientiert. "Er ist fundamental wichtig für die Mannschaft und das Land", befindet sein Mitspieler Edison Flores, der bei Aalborg BK in Dänemark spielt, gegen das Peru am Samstag die WM eröffnet (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Guerrero, der Kapitän der Peruaner, war schon immer einer der besten Stürmer der mit vielen guten Angriffsspielern gesegneten Nation, aber seit dem letzten Qualifikationsspiel im Oktober in Kolumbien hat er Heldenstatus. Er erzwang ein Eigentor von Kolumbiens Keeper David Ospina zum 1:1-Endstand, wodurch Peru in die Ausscheidungsspiele gegen Neuseeland rutschte.

Die gefundene Substanz taucht in Koka-Tee, aber auch in Kokain auf

Diese allerdings mussten die Südamerikaner dann ohne den "Krieger" Guerrero bestreiten. Er war nach dem Qualifikationsspiel gegen Argentinien in Buenos Aires am 5. Oktober positiv auf Benzoylecgonin getestet worden, eine Substanz, die im peruanischen Koka-Tee, aber auch in Kokain enthalten ist.

Wegen der zwingenden Dopingsperre hätte der frühere Profi von Bayern München (2004 bis 2006) und des Hamburger SV (2006 bis 2012) die Chance auf eine WM-Teilnahme verpasst. Irgendwie passte das zu Guerrero, der in seiner aktiven Karriere in Hamburg zwar 51 Tore schoss, aber auch viele Fettnäpfchen zielsicher traf. Mal warf er einem Fan nach einem unflätigen Kommentar eine Trinkflasche an den Kopf, mal grätschte er Torhüter Sven Ulreich (damals VfB Stuttgart) mit einem Kung-Fu-Tritt an der Eckfahne ab. Dann parkte er seinen weißen Porsche Panamera in Hamburgs City auf dem Behindertenparkplatz.

Guerrero glaubt an Verschwörungstheorie

Der Dopingsperre folgte ein juristisches Hin und Her, erst wurde die Strafe von ursprünglich einem Jahr auf sechs Monate reduziert, später sogar noch ausgedehnt. Guerrero behauptet, der Tee sei ihm im Mannschaftshotel in Lima von den dortigen Angestellten untergeschoben worden. Zudem hätte das Hotel mit der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada kollaboriert. In Lateinamerika liebt man Verschwörungstheorien. Die peruanischen Fans jedenfalls brachten die Seite der Hotels in Lima in einem Shitstorm zum Absturz. "Vaterlandsverräter" war noch die freundlichste Beschimpfung.

Aber Guerrero gab nicht auf, sprach bei Fifa-Chef Gianni Infantino vor, sicherte sich den Beistand von Kollegen und Verbänden. Die Nationalmannschaftskapitäne der Gruppengegner, Hugo Lloris (Frankreich), Mike Jedinak (Australien) und Simon Kjaer (Dänemark) plädierten in einem offenen Brief für die Aussetzung der Sperre. Auch die internationale Spielervereinigung FIFPro mahnte, das Strafmaß sei "unfair und unverhältnismäßig".

Selbst Staatschef Martín Vizcarra nahm Stellung zur Causa Koka-Tee und sicherte dem Spieler präsidialen Rechtsbeistand zu - der Fall Paolo Guerrero war längst zu einer Angelegenheit von nationaler Bedeutung geworden.

"Nicht vorsätzlich oder grob fahrlässig gehandelt"

Schließlich reiste der Stürmer in Begleitung von Edwin Oviedo, Präsident des peruanischen Fußballverbandes FPF, in die Schweiz, zog vor die ordentliche Gerichtsbarkeit, beantragte die vorläufige Aussetzung der Strafe und hatte dort überraschend Erfolg.

Ende Mai befand das Schweizerische Bundesgericht, vergleichbar mit dem deutschen Bundesgerichtshof oder dem Bundesverwaltungsgericht, dass die Sperre für den Fußballer nicht angemessen sei. Das Bundesgericht trug dabei "den diversen Nachteilen" Rechnung, die der bereits 34 Jahre alte Guerrero erleiden würde, "wenn er nicht an einer Veranstaltung teilnehmen könnte, welche die Krönung seiner Fußballerkarriere darstellen wird", hieß in der Begründung. Zudem habe Guerrero nicht vorsätzlich oder grob fahrlässig gehandelt.

In der Heimat wurde die Nachricht aus der Schweiz fast so sehr gefeiert wie die WM-Qualifikation. Guerrero teilte dem Staatschef am frühen Morgen des 31. Mai per Telefon seinen vorläufigen Freispruch mit, und Vizcarra freute sich, dass "die peruanische Mannschaft jetzt komplett ist und von ihrem großen Kapitän in Russland angeführt wird".



insgesamt 5 Beiträge
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salkum 16.06.2018
1. Bin ein grosser Fan von ihm
Es freut mich, dass so einer, der den Fussball wirklich lebt, dabei sein kann. Ich wünsche ihm heute den Siegtreffer.
hamburger.jung 16.06.2018
2.
Ich glaub ihm kein Wort. Als Spieler mit seinen hinterhältigen Schwalben ein Betrüger über viele Jahre. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Ein Kokser als Kapitän. Unfassbar! Hoffentlich gewinnt Dänemark.
gis 16.06.2018
3. Kann sich
Noch jemand an sein Foul gegen Ulreich erinnern? Das hat im Endeffekt seine Bundesligakarriere beendet.
harryklein 16.06.2018
4. Strafe
Hm, ja, eine Strafe, die dem Spieler weh tut, das geht natürlich nicht.
kahabe 16.06.2018
5. Hilfestellungen
Selbst ein Herr Zwayer konnte Peru nicht helfen. Guerrero schon mal gar nicht. Wollen wir immerhin hoffen, das er nun betraft genug ist. Wie auch der 11m-Schütze nach seiner erfolgreichen Schwalbe.
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