Plakat-Panne bei der Nationalmannschaft "Ich bin richtig sauer, so etwas darf nicht passieren"

Ein Poster auf der DFB-Website, auf dem nur 23 WM-Spieler abgebildet sind, hat beim deutschen Team für Ärger gesorgt. Dies sei keine Vorwegnahme der endgültigen Kader-Nominierung, versichert der Verband.

Screenshot von der DFB-Seite
Aktion Mensch

Screenshot von der DFB-Seite

Aus Eppan/Italien berichtet


Eigentlich wollte der DFB an diesem Mittag in Eppan ganz entspannt die Leistungen der Blindenfußball-Nationalmannschaft vorstellen. Es gab ein kleines Trainingsspielchen mit Spielern der Blindenfußballteams und den A-Nationalspielern. Thomas Müller hatte dazu einen Sichtschutz vor die Augen gesetzt bekommen und mühte sich danach sichtlich darum, die Richtung des Tores zu erahnen.

Auf der anschließenden Pressekonferenz rang der DFB dann allerdings selbst um Orientierung. Auf der Homepage des Verbands war ein Poster für eine Charity-Veranstaltung mit der "Aktion Mensch" aufgetaucht, auf dem neben den Porträtfotos des WM-Kaders die Namen der Spieler in Gebärden präsentiert wurden. Das Pikante: Es waren nur 23 Spieler, also genau so viele, wie der Bundestrainer zum Turnier nach Russland mitnehmen darf. Aus dem vorläufigen Aufgebot fehlten Torwart Kevin Trapp, Verteidiger Jonathan Tah, Mittelfeldspieler Sebastian Rudy und Stürmer Nils Petersen.

Die Entscheidung, welche vier Spieler aus dem bisherigen Aufgebot zu Hause bleiben müssen, wird Löw allerdings erst am Montag bekannt geben. Bei den DFB-Vertretern auf dem Podium, Manager Oliver Bierhoff und Pressesprecher Jens Grittner brach leichte Hektik aus, als sie auf dieses Poster angesprochen wurden - beide beeilten sich, zu versichern, dass dies gar nichts über den tatsächlichen Kader sage.

Vergleich mit den Panini-Heftchen

Bierhoff machte aus seinem Ärger über diese Panne aber auch keinen Hehl: "Ich bin richtig sauer, so etwas darf nicht passieren, und ich hoffe, dass in Frankfurt jetzt einer schnell auf den Knopf drückt." Und Grittner schob noch rasch nach, "bevor sich das hier verbreitet". Es handele sich bei den Namen um reine Spekulation, "so wie ja auch der Kader in den Panini-Heften nicht der wirkliche Kader ist".

Tatsächlich ist das Poster schon vor mehreren Tagen erstellt worden, "Aktion Mensch" hat den Kader gemeinsam mit der "Mühlenzeitung", einer Schülerzeitung, entworfen. Daher hätten Bierhoff und Co. eigentlich souveräner reagieren können.

Was das Ganze etwas brisant macht: Trapp, Tah, Rudy und Petersen - das sind tatsächlich vier Namen, um die seit Tagen im Trainingslager spekuliert wird, wenn es darum geht, das Quartett der Streichkandidaten zu benennen. Wenn es also wirklich nur Spekulation war, dann war es jedenfalls eine sehr gute. Bei der "Aktion Mensch" scheinen echte Fußballexperten zu sitzen.

Dass es einen der vier nominierten Torwarte treffen wird, ist ohnehin klar, der Bundestrainer darf nur drei Keeper mitnehmen. Dadurch, dass Manuel Neuer nach dem tagelangen Bohei um seine Fitness als Nummer eins jetzt so gut wie feststehen dürfte und Marc-André ter Stegen als Stellvertreter gesetzt ist, fällt die Entscheidung also zwischen Leverkusens Bernd Leno und PSG-Ersatztorwart Kevin Trapp. Und da in Eppan so viel von der wichtigen Spielpraxis der Torhüter die Rede war, hat Leno eindeutig die bessere Ausgangsposition.

Jonathan Tah dürfte seine fehlende Flexibilität schaden. Der Bayer-Verteidiger ist ohnehin vor allem als Back-up nominiert worden, falls die Genesung von Stammverteidiger Jérôme Boateng langsamer vonstattengegangen wäre als gedacht. Da Boateng aber Fortschritte macht und der Kader sowieso schon genug Innenverteidiger aufweist, rechnen viele damit, dass Tah die Reise nach Russland nicht mitmacht.

Petersen oder Gomez - oder doch beide?

Sebastian Rudy ist ebenfalls ein Name, der häufig fällt, wenn von denen gesprochen wird, die daheim bleiben müssen. Rudy hat schon 2016 den Sprung ins endgültige Aufgebot verpasst, "das ist natürlich doppelt hart, wenn es jemanden noch einmal trifft", sagt Bierhoff. Aber auf solche Erwägungen könne man keine große Rücksicht nehmen: "Es geht allein darum, die beste Mannschaft nach Russland mitzunehmen."

Petersens Nominierung kam ohnehin überraschend. Der Freiburger hat sich im Trainingslager allerdings gut präsentiert, zudem hat Löw ihn bei der Vorstellung des vorläufigen Aufgebots ausdrücklich gelobt. Dennoch ist es denkbar, dass Löw sich noch zwischen den zwei Mittelstürmern im Kader, Petersen und Mario Gomez, entscheidet. Für Gomez spräche viel Erfahrung, das Vertrautsein mit der Turniersituation. Für Petersen, dass damit ein frischer Impuls gesetzt würde.

Das "Aktion Mensch"-Poster mit dem Kader blieb am Ende dann doch auf der DFB-Homepage stehen. Mit dem Hinweis, dass das Poster ab dem 4. Juni ausgeliefert werde. Dem Tag, an dem Löw seinen endgültigen Kader bekannt gibt. Übrigens: Vor vier Jahren gab es diese Aktion schon einmal.

Damals waren fünf Spieler auf dem Poster, die nicht mit nach Brasilien gefahren sind.

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insgesamt 34 Beiträge
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djeduschka_egon 31.05.2018
1. Perfekte Sabotage
Wer auch immer das war, zumindest hat er eine Verunsicherung der vermeintlich offenbarten Streichkandidaten gesorgt. Und der Trainer ist nun nicht mehr so frei. Was, wenn die Entscheidung nachher auf genau die 4 Kandidaten fällt? Der Eindruck, es würden schon seit 'ner knappen Woche feststehen, wird sich schwer entkräften lassen. Wollen wir hoffen dass das ganze keinen Einfluss auf die Entscheidungen haben wird.
hundini 31.05.2018
2. ^^
Trapp, Rudy, Tah und Peterson waren eh die ersten Kandidaten... Es gibt ja noch 2 Länderspiele. Von unserem südlichen Nachbarn gibt es dann kräftig was auf die Knochen. Da fällt zumindest der Reus für die WM schon mal aus...
Mister Stone 31.05.2018
3.
Lass bloß den Peterson drin. So einen unverbrauchten hungrigen und wenig berechenbaren (weil kaum bekannten) Stürmer braucht die Mannschaft. Schick dafür lieber Gomez, Brandt oder chilling Schlankfuß-Özil nach Hause. Ich darf hinzufügen, ich ich auch Rudy lieber dabei hätte als z.B. Khedira.
ignaatzkehrdenweg 31.05.2018
4.
Locker bleiben, jemand hat einen Fehler gemacht mehr nicht... Manche machen hier eine Staatskrise daraus.
Mühlezeitung 31.05.2018
5. Aufregung
Gehörlose Schülerinnen und Schüler haben zusammen mit dem Dachverband der Gehörlosenfanclubs in Deutschland ein Poster zusammengestellt, auf dem die Nationalspieler mit ihren Gebärdennamen abgebildet sind. Ein inklusives Projekt unterstützt vom DFB und Aktion Mensch. Seit 2014 erscheint zu jedem Fußballgroßereignis (WM, EM) eine aktualisierte Fassung. Viele soziale Einrichtungen und Schulen ordern das Poster, welches eine gutes Medium ist, um über das schöne und spannende Thema Fußball zu kommunizieren, auch wenn man nicht sprechen kann. Bei der Entscheidung, welche Spieler auf das Poster kommen, spielten vor allem Sympahtie und Vereinszugehörigkeit eine Rolle. Glaubt jemand hier im Ernst es handelt sich hier um eine Vorentscheidung oder ähnliches bezüglich des endgültigen Kaders? Der DFB und Aktion Mensch haben als Förderer des Projekts den Beteiligten den Gestaltungsrahmen natürlich gelassen, was auch gut war. Alle Fußballfans in Deutschland diskutieren über den endgültigen Kader und auf Bierdeckeln in den Kneipen werden Aufstellungen gekritzelt. Und ein paar fußballverrückte gehörlose Kinder sollen dies nicht tun dürfen? Die aktuelle Berichterstattung hat leider nur die vermeintliche Plakat-Panne beim DFB im Fokus und nicht die kreative Leistung der jungen gehörlosen Menschen. Sehr schade .........
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