Gerecht oder nicht Pro und Contra Videobeweis

Der Einsatz der Video Assistant Referees (VAR) wird bei der WM fast unisono gelobt. Zu Recht?

Frankreich - Australien, Schiedsrichter Andres Cunha schaut sich den Videobeweis an
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Frankreich - Australien, Schiedsrichter Andres Cunha schaut sich den Videobeweis an

Von Michel Massing und


"Der Videobeweis sorgt für mehr Gerechtigkeit", sagt SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Michel Massing

Björn Kuipers war sich in der 79. Minute ganz sicher. Er pfiff und zeigte sofort auf den Punkt, Elfmeter für Brasilien. Für die protestierenden Costa Ricaner lehnte er sich zurück, ahmte die Berührung und Neymars Fall nach hinten nach. Bei jeder bisherigen Weltmeisterschaft wäre in diesem Moment eine Fehlentscheidung möglicherweise für das Ausscheiden einer Mannschaft verantwortlich und in der Retrospektive das bestimmende Thema des Spiels gewesen.

Schiedsrichter Björn Kuipers
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Schiedsrichter Björn Kuipers

Dank des Video Assistant Referees (VAR) bedurfte es nur eines kurzen Eingriffs, und der Fußball stand wieder im Mittelpunkt. Kuipers erkannte, dass der Kontakt von Giancarlo González an Neymar nicht für dessen theatralisches Fallen ursächlich sein konnte und nahm seine Entscheidung zurück. Brasilien musste sich den Sieg auf ehrliche Art und Weise verdienen. Diese Szene steht exemplarisch für den gelungenen Einsatz der neuen Technologie.

Der VAR sorgt für mehr Gerechtigkeit. Was aber mindestens ebenso wichtig ist: Der Ablauf wurde verbessert. Die Kommunikation zwischen Videoassistent und Schiedsrichter verläuft schnell und unkompliziert. Anders als in den Stadien der Bundesliga wird die Entscheidung des Schiedsrichtergespanns zudem über die Video-Leinwand kommuniziert und die strittige Szene gezeigt. Damit ist der Zuschauer nicht mehr ausgeschlossen. Die Transparenz sorgt für die gestiegene Akzeptanz. Der angekratzte Ruf des VAR wird durch diese WM deutlich aufpoliert.

"Der Videobeweis sorgt nicht für mehr Gerechtigkeit, sondern nur für mehr Elfmeter", sagt SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Malte Müller-Michaelis

Die Lobeshymnen, die während der WM auf den VAR gesungen werden, sind nicht nachvollziehbar. Vor allem dann nicht, wenn man bedenkt, wie sehr der Videoassistent im Laufe der vergangenen Bundesligasaison verteufelt wurde. Denn die Technologie funktioniert in Russland nicht besser als in Deutschland.

Das Einzige, wofür die Videoassistenten bislang sorgten, war eine wahre Elfmeterflut. Zwölf Strafstöße wurden in den bisherigen 20 Spielen gegeben. Vor vier Jahren waren es im ganzen Turnier nur 13. Viele Szenen werden zu Recht überprüft, trotzdem gab es in der ersten WM-Woche auch Fehlentscheidungen - manche nach VAR-Einsatz, andere, die aus unerfindlichen Gründen gar nicht überprüft wurden.

Ein Beispiel: Harry Kane wurden im ersten Gruppenspiel der Engländer gleich zwei Elfmeter verwehrt, während Gegner Tunesien einen umstrittenen Strafstoß zugesprochen bekam. Eine einheitliche Linie bei der Bewertung strittiger Zweikämpfe im Strafraum ist auch bei der WM nicht zu erkennen. Mehr Elfmeter bedeuten eben nicht automatisch mehr Gerechtigkeit.

Aleksandar Mitrovic im Ringkampf mit Fabian Schär und Stephan Lichtsteiner (links)
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Aleksandar Mitrovic im Ringkampf mit Fabian Schär und Stephan Lichtsteiner (links)

Auch in der Partie zwischen Serbien und der Schweiz hätte es Strafstoß für die Serben geben müssen, als Fabian Schär und Stephan Lichtsteiner gemeinsam Aleksandar Mitrovic niederrangen. Schiedsrichter Felix Brych entschied auf Stürmerfoul - eine absurde Fehlinterpretation. Dass die Videoassistenten nicht eingriffen, um den Fehler zu korrigieren, ist ebenso unverständlich wie die Tatsache, dass es keinen so großen öffentlichen Aufschrei gab, wie es in der Bundesliga mit Sicherheit der Fall gewesen wäre.

insgesamt 26 Beiträge
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herm16 23.06.2018
1. ich find
den Video-Beweis bei der WM super. In der Bundesliga kann es nicht funktionieren, da von vorne herein zu viel Negatives berichtet wurde. Komischer Weise funktioniert es bei anderen Sportarten,
jnek 23.06.2018
2. Doch, er sorgt für MEHR Gerechtigkeit
Aber Hr. M.-M. scheint etwas entscheidendes zu verwechseln - er verwechselt "sorgt für mehr Gerechtigkeit" mit "sorgt automatisch für mehr Gerechtigkeit" oder "sorgt für absolute Gerechtigkeit". Letzteres meint er wohl erwarten zu dürfen, wenn schon der VAR eingesetzt wird. Darunter macht er es wohl nicht. Wenn der VAR für mehr EM sorgt, dann doch nur, weil es bislang etliche EM-würdige Fouls gab die nicht erkannt wurden. Erst gestern wieder bei den Isländern. Es hätte beim SR keinen EM gegeben, trotz Foul - der VAR griff ein und es gab den berechtigten EM. Bei Neymar lief es umgekehrt. Beide male gab es 100% mehr Gerechtigkeit. Also sorgt der VAR sehr wohl für wesentlich mehr Gerechtigkeit - sowohl im Vergleich zu früheren WMs und im Vergleich zu den Szenen ohne Eingreifen des VAR. Wo wurde denn vereinbart, dass es beim VAR eine "einheitliche Linie" geben muss, also eine gegenüber den sonstigen Anforderungen an Einheitlichkeit der SR stärkere? Ich dachte, dass es weiterhin die gleichen Regeln sind nach denen entschieden wird, nur eben nun auch unter Zuhilfenahme der Technik. Fehlerfrei wird es auch mit VAR nie werden - das hat aber auch nie jemand versprochen. Und weiterhin wird es so sein, dass verschiedene SR (und solche sitzen auch am VAR) verschiedene Situationen verschieden auslegen werden. Beim einen reicht es schon, beim anderen eben nicht. Der eine fährt die lockere Linie, der andere die eher kleinliche. So war es schon immer und so wird es immer sein. Eine Szene in Hoffenheim konnte auch vor 5 Jahren zum EM führen während eine nach Meinung des Reporters oder Fans vergleichbare in Hamburg nicht zum EM führte. Damit hat man immer gelebt. Nun aber wo es den VAR gibt zieht man dies als Gegenargument heran. Das wirkt sehr aufgesetzt und bemüht. Immerhin sind den VAR-Kritikern bei der WM ihre bislang stärksten Argumente leider verloren gegangen - denn es geht schnell und es ist transparent. So was dummes. Dann reitet man halt auf der "Gerechtigkeitsschiene". Richtig ärgerlich wird es, wenn sich ein Reporter erdreistet es besser als vier SR zu wissen - aufgrund der TV-Bilder die auch diese zur Verfügung hatten. Woher kommt die Sicherheit von "hätte EM geben müssen" und "eine absurde Fehlinterpretation"? Meines Wissens nach sah es der Ex-Fifa-SR im ZDR auch als "kein EM". Ist der auch blind? Hat der auch keine Ahnung? Trotz der TV-Bilder? Und selbst wenn es ein Fehler gewesen wäre? Na und? Vorher und nachher werden dennoch mehr Fehler erkannt als neu gemacht.
Crom 23.06.2018
3.
Das es mehr Elfmeter gibt, ist eigentlich positiv. So werden mittelfristig die Abwehrspieler dazu erzogen die Grenzen einzuhalten, was schlussendlich dazuführt, dass auch wieder mehr "normale" Tore fallen werden. Mir ist auch aufgefallen, dass bei strittigen Abseitssituationen erst einmal weitergespielt wird, so dass dann in Ruhe geschaut werden kann. In der Bundesliga wurden ja oft Angriffe abgepfiffen die gar kein Abseits waren. Im Großen und Ganzen bin ich mit dem Videobeweis bei der WM zufrieden und hoffe, die Bundesliga wird sich daran ein Beispiel nehmen.
meinlieber 23.06.2018
4. Eigentlich ein Skandal
Wenn trotz Videobeweis eine komplette Fehlentscheidung des Referees, wie gestern in der Partie Serbien - Schweiz (Elfmeter/Stürmerfoul) die Spielentscheidend war und nicht eingegfriffen wurde, dann ist das ganze Videozeugs für die Katz.
alex_atenas 23.06.2018
5. Vorbild Tennis
Jede Mannschaft sollte pro Spiel zweimal die Möglichkeit haben, den VAR anzufordern. Hat sie Unrecht, so verfällt die Möglichkeit, hat sie Recht, so bleibt es bei zwei weiteren Einspruchsmöglichkeiten.
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