Uruguays Mittelfeldstar Bentancur Kämpfer in Himmelblau

Klar, die Superstars von Uruguay sind Luis Suárez und Edinson Cavani. Doch hinter ihnen entwickelt sich ein Talent rasant zum Führungsspieler: Mittelfeldmann Rodrigo Bentancur.

Rodrigo Bentancur
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Rodrigo Bentancur


Vor rund einem halben Jahr erreichte Rodrigo Bentancur nach einem Sieg von Uruguay über den Mitfavoriten Portugal das Halbfinale der Weltmeisterschaft. Das interessierte aber nicht so viele - es handelte sich um die U20-WM in Südkorea. Gegen Venezuela waren dann auch nur 3486 Zuschauer im Stadion von Daejeon. Für Bentancur war die Partie trotz der Niederlage nach Elfmeterschießen der Startschuss in eine ereignisreiche Saison. Der 21-Jährige hatte sich in den Fokus gespielt - und wechselte drei Wochen später zu Juventus.

Heute hat Bentancur erneut die Chance, ins WM-Halbfinale einzuziehen - allerdings mit der A-Nationalmannschaft: La Celeste ("Die Himmelblauen") trifft im ersten Viertelfinale auf die favorisierten Franzosen (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF). Es ist der vorläufige Höhepunkt in Bentancurs steiler Karriere, die nicht in Uruguay, sondern in Argentinien begann.

Die ersten 13 Lebensjahre lebte er in Nueca Helvecia, einer Kleinstadt 120 Kilometer östlich von Uruguays Landeshauptstadt Montevideo. Doch sein Vater gab ihm den Rat, es in Argentinien zu versuchen. Dort spielte er beim Traditionsklub Boca Juniors vor, beeindruckte und durchlief einige Jugendmannschaften. Im April 2015 gab er sein Profi-Debüt für den Verein aus Buenos Aires, er war zu diesem Zeitpunkt gerade 17 Jahre alt. Schnell wurden europäische Top-Klubs auf ihn aufmerksam.

Durch Tévez zu Juventus

Juventus sicherte sich bereits im Sommer 2015 im Zuge des Wechsels von Carlos Tévez zu den Boca Juniors ein Vorkaufsrecht für Bentancur, zwei Jahre später folgte der Transfer. Juventus bezahlte rund 9,5 Millionen Euro für den Mittelfeldspieler. Nach der ersten Saison in Italien kann der Klub zufrieden sein mit den Leistungen des Jungprofis, 27 Pflichtspiele absolvierte er in der vergangenen Spielzeit. Außerdem gelang ihm durch starke Auftritte im Klub der Sprung in die Nationalmannschaft. Bei der WM in Russland ist er bereits Stammspieler.

Bentancurs größte Fähigkeit ist die Ruhe am Ball. Auch unter gegnerischem Druck behält er mit einer nahezu aufreizenden Gelassenheit die Übersicht. Außerdem hat er ein sauberes und intelligentes Passspiel. In der vergangen Champions-League-Saison erreichte Bentancur eine Passquote von durchschnittlich 91 Prozent. Das liegt in erster Linie daran, dass er kaum mit hohen Bällen arbeitet. Kurzpässe, die in den meisten Fällen auch Raumgewinn bedeuten, prägen sein Spiel. Außerdem ist er extrem zweikampfstark. In der vergangen Saison gewann er in der Serie A im Durchschnitt acht Zweikämpfe pro Partie, mehr als jeder andere Profi seines Teams.

Bentancur und Luis Suárez
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Bentancur und Luis Suárez

Doch Bentancur hat auch eine große Schwäche: Er ist kaum an Toren beteiligt. In drei Jahren als Profi hat er nur einen Treffer erzielt, nur drei Tore bereitete er vor. "Ich bin jung und muss noch sehr viel lernen", sagt er selbstkritisch. Die Fans der uruguayischen Landesauswahl werden es ihm verzeihen. Für die Tore sind ohnehin andere zuständig, die Superstars des Teams: Luis Suárez vom FC Barcelona und Edinson Cavani von Paris Saint-Germain.

Das Sturm-Duo hat fünf der bisherigen sieben Treffer im Turnier beigesteuert. Logisch, dass mehr über diese beiden Stars berichtet wird als über Bentancur. Für den Youngster ist das kein Nachteil, er kann im Schatten der zwei Angreifer in den kommenden Jahren zum Führungsspieler einer neuen Generation heranreifen. Und so lange Suárez, Cavani und Bentancur gemeinsam für die Nationalmannschaft auflaufen, kann sich Letzterer auch noch etwas von der Kaltschnäuzigkeit der beiden anderen abgucken.

Von Suárez bekam Bentancur bereits Lob. "Ich habe großes Vertrauen zu ihm, er hat besondere Fähigkeiten und kann das Spiel kontrollieren", sagte der 31-Jährige über den zehn Jahre jüngeren Teamkollegen. Suárez weiß, wie wichtig Bentancur für das Spiel der Mannschaft ist. Bentancurs ehemaliger Trainer Guillermo Barros Scheletto hatte ihn schon während seiner Zeit bei den Boca Juniors mit Paul Pogba verglichen. Im direkten Duell der beiden wird sich zeigen, inwiefern das berechtigt war.

Sollte Uruguay Frankreich schlagen, stünde das Team im WM-Halbfinale. So wie Bentancur mit der U20 vor etwas mehr als einem Jahr in Südkorea. Das öffentliche Interesse dürfte dann jedoch etwas größer sein - und die Zuschauerzahl im Stadion wird nicht 3486 heißen.

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