Russlands Sieg gegen Ägypten Der beste Gastgeber der WM-Geschichte

Ein Sieg gegen Saudi-Arabien heißt nichts? Gegen Ägypten reicht es für Russland nicht? Von wegen. Noch nie ist ein Gastgeber besser gestartet. Und wie die Tore bei diesem Turnier fallen, bleibt kurios.

Roman Zobnin und Artem Dzyuba
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Roman Zobnin und Artem Dzyuba

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Der unterschätzte Gastgeber: Fußballweltmeisterschaften wurden schon in Frankreich ausgespielt, in Brasilien oder England, in Deutschland oder Italien. Große Fußballnationen. Weltmeister. Aber nach zwei Vorrundenspielen bei der WM 2018 steht fest: Russland ist eine von zwei Nationen, die am erfolgreichsten in ein Turnier im eigenen Land gestartet sind. Zwei Spiele, zwei Siege, 8:1 Tore - die gleiche Bilanz war zuvor nur Italien gelungen (1934). Beide Länder liegen damit auf dem geteilten ersten Platz. Frankreich startete 1998 mit zwei Siegen und 7:0 Toren.

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WM 2018: Das russische Viertel

Das Ergebnis: Nach dem 5:0-Auftaktsieg gegen Saudi-Arabien gewinnt Russland gegen Ägypten 3:1 (0:0). Der Einzug ins Achtelfinale ist dem Team kaum noch zu nehmen.

Rechenspiele: Es scheint alles klar. Russland ist weiter, Ägypten ist raus. Oder? Noch nicht ganz. Ägypten (null Punkte) könnte ein Szenario retten, in dem Russland neun und die restlichen drei Teams allesamt drei Punkte haben. Und der Gastgeber (sechs Punkte) könnte noch ausscheiden, wenn Russland, Saudi-Arabien und Uruguay allesamt sechs Punkte haben und Russland die schlechteste Tordifferenz stellt. Beide Szenarien sind aber extrem unwahrscheinlich. Nach dem Spiel zwischen Uruguay und Saudi-Arabien am Mittwoch (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) sollten sie dann endgültig unmöglich sein.

Die erste Hälfte: Ein erschütterndes Stück Fußballgeschichte. Es war wirklich langweilig. Der eine kleine Aufreger: Mohamed Salah setzte einen Schuss aus der Drehung neben das Tor.

Die zweite Hälfte: Ein großes Stück Fußballgeschichte für Russland. Saudi-Arabien, das wohl schlechteste Team des Turniers, vom Platz schießen? Geschenkt. Aber Vizeafrikameister Ägypten mit Superstar Salah? Das dürfte schon eng werden. Nichts da. Unmittelbar nach der Pause drehte Russland auf, kam durch ein Eigentor von Ahmed Fathi (47. Minute) und Treffer von Denis Cheryshev und Artem Dzyuba zu drei Toren in 15 Minuten. Salah verkürzte noch per Elfmeter.

WM der Standards? WM der Elfmeter! In den ersten 17 Spielen wurden bereits zehn Strafstöße gepfiffen - vor vier Jahren in Brasilien gab es im gesamten Turnier 13. Auch das erklärt den hohen Anteil der Treffer durch Standardsituationen bei dieser Endrunde (21 von 42 Treffern fielen mittlerweile auf diesem Weg).

Die fünf Unglücksraben: Was haben Fathi (Ägypten), Aziz Behich (Australien), Aziz Bouhaddouz (Marokko), Oghenekaro Etebo (Nigeria) und Thiago Cionek (Polen) gemeinsam? Ihnen allen ist bei dieser WM bereits ein Eigentor unterlaufen. Und jedes Mal verlor das Team des unglücklichen Schützen auch. Die Zahl der Treffer ins eigene Tor in Kombination mit den Strafstößen bedeutet: Fast ein Drittel (31 Prozent) der bisherigen WM-Treffer fiel durch Elfmeter oder Eigentore.

Hilfloser Superstar: Auch Salah, der Held einer ganzen Generation, war machtlos gegen die Niederlage. Sein Drehschuss vor der Pause war lange seine einzige gefährliche Aktion. Ein weiterer Abschluss in Hälfte zwei wurde geblockt. Dann holte er immerhin noch einen Elfmeter heraus und verwandelte selbst, sein erstes WM-Tor.

Fazit des Spiels: Die russische Mannschaft wurde vor diesem Turnier belächelt. Hatte sie sich doch auch bei der EM vor zwei Jahren noch so blamiert. Nun aber wird der Gastgeber wohl in die K.-o.-Runde einziehen. Zwar spielt die Sbornaja auch in der wohl einfachsten Gruppe. Wie Russland diese Vorrunde aber meistert, ist durchaus beeindruckend. Und bei Ägypten ist spätestens jetzt klar: Ein Mohamed Salah allein reicht dann doch nicht. Die Nation wartet bei der dritten Teilnahme weiter auf den ersten Sieg. Die wohl letzte Chance für dieses Jahr bietet sich dem afrikanischen Team am kommenden Montag gegen Saudi-Arabien.

Russland - Ägypten 3:1 (0:0)
1:0 Ahmed Fathi (47., Eigentor)
2:0 Cheryshev (59.)
3:0 Dzyuba (62.)
3:1 Salah (73., Elfmeter)
Russland: Akinfeev - Mario Fernandes, Kutepov, Ignashevich, Zhirkov - Gazinsky, Zobnin - Samedov, Golovin, Cheryshev - Dzyuba
Ägypten: M. El Shenawy - Fathi, Gabr, Hegazy, Abdel-Shafy - Elneny, Hamed - M. Salah, El-Said, Trezeguet - Mohsen
Zuschauer: 68.134
Schiedsrichter: Caceres (Paraguay)
Gelbe Karten: Smolov - Trezeguet

insgesamt 8 Beiträge
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fixik 19.06.2018
1.
Eine gute Analyse. Natürlich muss alles relativiert werden, dass Russland die vielleicht leichteste Gruppe erwischt hat. Und Saudi Arabien dazu trotz sowieso schon begrenzter Möglichkeiten auch für eigene Verhältnisse schlecht gespielt hat. Um den Titel wird Russland natürlich nicht spielen. Spätestes Viertelfinale ist Schluss. Sieg gegen Portugal im Achtelfinale ist machbar. Russland hat in letzten Jahren oft gegen Portugal gewonnen. Mit etwas Glück auch jetzt machbar. Aber schlecht wie Russland hier auf SPON letzte Tage geredet wurde, das war Russland nie. Es war auch nicht zu erwarten, dass Russland in dieser Gruppe Schwierigkeiten kriegen wird. 8-1 habe ich jetzt auch nicht erwartet aber 6 Punkte sehr wohl. Selbst gegen Uruguay sind die Chancen 50/50.
peeka(neu) 20.06.2018
2. Ganz stimmt das nicht
Es war vor allem"SPIEGEL-ONLINE", die der russischen Mannschaft die Qualität ansprach und das Vorrundenhaus prophezeite sogar nach dem Auftaktsieg. Der Gastgeber hat meistens einen Vorteil. Auch wenn die nächste Runde mit Spanien oder Portugal vermutlich wirklich schwer wird. Aber das gesamte Spiel war heute endlich einmal so, wie ein Spiel ohne Abseitsregel sich wohl gestalten würde. Wenig Mittelfeld, es ging immer gleich zur Box.
Stäffelesrutscher 20.06.2018
3.
»Zwei Spiele, zwei Siege, 8:1 Tore - die gleiche Bilanz war zuvor nur Italien gelungen (1934).« Das ist falsch. Nach zwei Spielen hatte Italien einen Sieg und ein Unentschieden bei 8:2 Toren in der Bilanz. Italien gewann damals das erste Spiel 7:1 gegen die USA (Achtelfinale), spielte im zweiten Spiel, dem Viertelfinale, aber 1:1 gegen Spanien. Das 1:0, das SPON hier zum 8:1 nach zwei Spielen umbiegt, war das »Wiederholungsspiel«, also die dritte Partie. Unter regulären Umständen hätten die Italiener allerdings dieses Spiel 0:2 bis 0:4 verloren, denn den Gegnern wurden zwei Tore aberkannt und zwei Elfmeter verweigert, während das italienische Siegestor irregulär war. (Die quasi von Mussolini persönlich angeordneten Schiri-Manipulationen im Halbfinale und Finale wären auch noch mal eine Betrachtung wert.)
lepuslateiner 20.06.2018
4. Arroganz
Hoffentlich hindert Überheblichkeit und eine gewisse Arroganz den Bundestrainer nicht daran, Taktik, Struktur und Spielerauswahl für die nächsten Spiele relativ grundlegend zu ändern ! Ohne eine deutlich relevante Neugestaltung dürfte ansonsten schon in der Vorrunde die weitere WM-Teilnahme zu Ende sein. Bei 20 Feldspielern im (nicht optimal genannten) Kader ist gemessen an der Notwendigkeit 10 Feldspieler aufzubieten, die Auswahl mehr als ausreichend dotiert. "Stehspieler" auf dem Platz sind fehl am Platz.
tomaraya 20.06.2018
5. Das stimmt!
Die Gegner haben es den Russen bislang zwar nicht sehr schwer gemacht, trotzdem bin ich gespannt, wie weit sie auf der Welle der Euphorie noch kommen werden. Zwischendurch gelingen Ihnen durchaus anschauliche Spielzüge, was andere Mannschaften mit uninspiriertem Ball hin und her Geschiebe nicht von sich behaupten können...
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