Gastgeber in WM-Euphorie Russische Festspiele

Vor der WM wollte in Russland keine Fußballeuphorie aufkommen. Nach zwei Siegen der Sbornaja und dank der vielen fröhlichen Fans aus dem Ausland hat sich das Bild gewandelt - sogar bei der Polizei.

Ekaterina Anokhina

Aus Kasan, Moskau und Wolgograd berichten Tatiana Chuklomina, und


Anna kann es kaum glauben. Binnen weniger Minuten hat die russische Mannschaft gegen Ägypten drei Treffer erzielt - sie springt hoch, jubelt und landet in den Armen ihres Vaters. Anna ist 16 Jahre alt, steht in den hinteren Reihen des Fanfestes in Kasan und ist mit ihrem T-Shirt von der WM 1986 eine der wenigen unter den mehr als 20.000 Zuschauern, die mit klarem Fußballbezug gekleidet ist.

Dabei schaut Anna ansonsten gar keinen Fußball, geht auch nicht zum Erstligaklub Rubin Kasan. "Mein Vater hat mich heute mitgenommen, von ihm habe ich das T-Shirt", sagt sie - und tatsächlich ist ihr Outfit ein paar Nummern zu groß. Als es in der ersten Hälfte noch nicht so gut für die Sbornaja läuft, nimmt Anna aus Nervosität immer wieder die Hände vors Gesicht. Russland soll gewinnen, die WM ein Erfolg werden.

In Kasan bilden sich Minuten vor dem Anpfiff gegen Ägypten lange Schlangen am Eingang. Nach dem 5:0-Sieg im Eröffnungsspiel gegen Saudi-Arabien hat die Begeisterung im Land sprunghaft zugenommen. Typisches Fußballpublikum ist hier in der Hauptstadt der Republik Tartastan jedoch in der Unterzahl. Familien mit kleinen Kindern platzieren sich etwas abseits auf Decken, viele junge Paare nutzen den Abend für einen Ausflug und versprengt finden sich immer wieder spanische und iranische Fans, die beiden Teams spielen am Abend in der Kasan-Arena (20 Uhr MEZ Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD und Sky).

Video: Autokorsos in Wolgograd

Getty Images

Als der 3:1-Sieg in Sankt Petersburg feststeht und damit der Einzug ins Achtelfinale nur noch durch höhere Fußball-Mathematik zu verhindern ist, werden die "Rossija"-Sprechchöre nicht nur im Stadion sondern auch in Kasan häufiger und lauter, die wenigen Fahnen werden immer überzeugter geschwenkt.

In Wolgograd kommt es sogar zu Autokorsos. "Wow", sagt eine junge Frau mit blonden langen Haaren und schaut auf die vielen hupenden Autos, die noch lange in der Nacht den Lenin-Prospekt im Stadtzentrum hoch- und runterfahren. Die Menschen klatschen sich ab, rufen: "Wir haben gewonnen!" Es wirkt ein bisschen so, als ob die Wolgograder nicht fassen können, dass die russische Mannschaft die Gruppenphase überstehen wird.

Das Team von Trainer Stanislaw Tschertschessow hatte in den Freundschaftsspielen vor der WM wenig überzeugt. Die russische Sportpresse war voller Kritik angesichts der schwachen Auftritte gegen Österreich und die Türkei. Es ging sogar so weit, dass der Stürmer Artem Dzyuba vor die Presse ging und sagte: "Ich bitte euch, unterstützt uns!"

"Wir sind sehr stolz"

Jewgenij, 37 Jahre, hat das die ganze Zeit getan. Er steht auf der Fanzone mit Blick auf die Wolga. Hier versammeln sich während des Spiels so viele Menschen, dass die Organisatoren die Eingänge schließen und keine Leute mehr reinlassen. 21.447 Besucher sehen den Erfolg gegen Ägypten. "Wir haben sie immer angefeuert, das haben sie vermutlich gespürt, wir sind sehr stolz", ruft Jewgenij.

Fotostrecke

13  Bilder
Russische Fans bei der WM: Unverhoffte Party

Jewgenij ist völlig aus dem Häuschen: Nach dem 2:0 umarmt er die um ihn Herumstehenden, auch einen Ägypter, der etwas betreten dreinschaut. "Tor, Tor, Tor" ruft Jewgenij, beim 3:0 bekommt die SPIEGEL-ONLINE-Korrespondentin einen Kuss auf die Wange.

Die Stimmung sei ausgezeichnet, auch im neuen Stadion. Er sei beim Spiel England gegen Tunesien dabei gewesen, sagt Jewgenij. "Was für ein Ereignis." Die vielen neutralen Zuschauer hatten am vergangenen Montag mit ihren "Rossija"-Rufen kurz die Stimmung in der Wolgograd-Arena an sich gerissen.

Südamerikaner erobern Moskau

Ohnehin scheinen viele Russen überrascht von der Atmosphäre in ihren Städten. In Wolgograd versammeln sich viele Tunesier mit ihren Fahnen und Gesängen schon in den Mittagsstunden im Zentrum. Einige Bewohner machen Fotos, manche klatschen und tanzen sogar mit - der Fußball-Funke springt über.

Das Fanfest in der Hauptstadt Moskau ist bereits vor Anpfiff wegen Überfüllung geschlossen. Schon in der Metro gibt es Durchsagen, dass niemand mehr auf das Gelände vor der Staatlichen Universität MGU gelassen werde, das Platz für 25.000 Besucher hat. Der 35-jährige Kirill hat es dennoch geschafft, er ist überrascht von dem Erfolg der Nationalmannschaft: "Ich habe das wirklich nicht erwartet: drei Tore, unglaublich. Ich habe nicht an die russische Mannschaft geglaubt."

Video: Nicht alle freuen sich über die Fan-Feste

SPIEGEL ONLINE

In Moskau, wo ansonsten ja ein Versammlungsverbot herrscht und schon zehn Menschen auf einem Fleck argwöhnisch betrachtet werden, rotten sich seit Tagen rund um den Roten Platz immer wieder größere Fangruppen zusammen, meist aus Südamerika oder Mexiko, um ihre Lieder zu singen.

"Das ist einfach cool"

Auch die Staatsgewalt macht dieser Tage eine Wandlung durch: Polizisten, die auf den Straßen von Wolgograd, Moskau oder Kasan patrouillieren, gehen inzwischen vorbei, wenn sich Gruppen bilden und feiern. Das war in den ersten WM-Tagen noch anders, da wurde genau und mit ernstem Blick in einigem Metern Abstand verfolgt, was die Fans da machen.

"Ich bin überrascht darüber, wie die Leute feiern", sagt Jewa, 17 Jahre, aus Wolgograd. "Ich bin wirklich stolz auf mein Land. Das ist ein Feiertag für uns. Die Menschen haben Spaß, du kannst mit allen reden, die hier zum Fußballgucken gekommen sind, egal aus welchem Land sie kommen und mit ihnen sprechen und trinken. Das ist einfach cool."

Auch wenn viele Fans glauben, dass Spanien oder Portugal im Achtelfinale zu stark sein wird: Die Weltmeisterschaft 2018 ist in Russland angekommen.



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kurt-C. Hose 20.06.2018
1. Super
Wäre doch toll, wenn die Russen so auch ihr Sommermärchen bekommen.
H-Vollmilch 20.06.2018
2.
Zitat von Kurt-C. HoseWäre doch toll, wenn die Russen so auch ihr Sommermärchen bekommen.
Dann mal abwarten, wer sie im Halbfinale dann rauswirft....
robrien 20.06.2018
3. erinnert in der Tag ein wenig an 2006
Vor dem Turnier war die deutsche Mannschaft auchnicht gerade hoch gehandelt, aber die ersten beiden Spiele entfachten eine Euphorie, die die Mannschaft bis ins Halbfinale trugen. In Dortmund gegen Italien platzte dann der Traum, ähnlich wird'sirgendwann den Russen gehen. Bis dahin heißt es jeden Tag genießen....
alexander_gourvitch 20.06.2018
4. Es reicht den Russen diese zwei Siege
Wenn vor der WM auch der Gang aus Gruppe zweifelhaft war, sind schon diese 2 Siege ausreichen für endlose Feiern. Was weiter passiert ist absolut egal für Russen. Und Vergleich mit Deutschland ist falsch - DE ist immer der Favorit und RU - Außenseiter. Man misst dann die Mannschaften mit unterschiedlichem Maß. Für einige sind zwei Siege (egal gegen wen) schon riesen Erfolg, für andere ist die Niederlage in Halbfinale eine Katastrophe.
Rhinkiekerrees@gmail.com 20.06.2018
5. Ist das nicht toll
Man sieht lachende und freundliche und begeisterte Menschen. Und Fans unterschiedlicher Mannschaften feiern zusammen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.