Russlands Aleksandr Golovin Der Junge aus dem Schlammfeld

Aleksandr Golovin ist die große Hoffnung des russischen Fußballs. Dass er es werden konnte, grenzt bei den Strukturproblemen im russischen Fußball jedoch an ein kleines Wunder.

Aleksandr Golovin
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Russland steht bei der Heim-WM im Achtelfinale und trifft um 16 Uhr auf Spanien (Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF). Ein Erfolg, der die eigentlichen Probleme des WM-Gastgebers nicht löst: Die schwache Nachwuchsarbeit im russischen Fußball beschäftigt den Verband seit Jahren. Es gibt nur wenige Trainingsplätze, die über das ganze Jahr genutzt werden können. Viele sehen das und die gleichzeitigen Ausgaben für die WM kritisch.

"Der Umbau des Luschniki-Stadions war so teuer wie der Bau von 200 Trainingsplätzen. Wenn ihr etwas für die Kinder und den Fußball tun wollt, dann baut nach der Weltmeisterschaft 200 Trainingsplätze in den Städten", appellierte ein fußballbegeisterter Junge in einem Internetvideo, das russische Fußballaktivisten im Februar veröffentlichten.

Es ist eine Botschaft, die viel über die Strukturprobleme im russischen Fußball aussagt. Durch die offiziell zehn Milliarden Euro, die Russland für die WM ausgegeben hat, gibt es zwar nun auch in der Fußballprovinz Hochglanzarenen, doch Trainingsmöglichkeiten bleiben selbst in einer Metropole wie Moskau rar. Und die wenigen Plätze, die es gibt, sind oft in miserablem Zustand, schreiben russische Sportjournalisten.

Doch all das ist nichts gegen die Bedingungen in Kaltan. Noch im April ist der einzige Fußballplatz des westsibirischen Ortes ein Acker aus tauendem Schnee und Schlamm. Lediglich die metallenen Tore lassen hier ein Spielfeld erkennen. Und da jegliche Beleuchtung fehlt, müssen auch im Sommer mit der Abenddämmerung die Bälle eingesammelt werden. So erscheint es wie ein Wunder, dass ausgerechnet auf diesem Platz die Karriere der momentan größten Hoffnung des russischen Fußballs begann: die Karriere von Aleksandr Golovin.

Akeksandr Golovin
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"In der Nationalmannschaft gibt es einige talentierte Spieler, die besser werden können als ich", sagte kürzlich Andrey Arshavin und meinte vor allem den 22 Jahre alten Golovin von ZSKA Moskau. In Russland, wo Arshavin seit der für die Sbornaja furiosen EM 2008 Heldenstatus genießt, ist das ein kleiner Ritterschlag. Auch der ehemalige Nationalspieler Aleksandr Kerzhakov hob Golovin bereits im vergangenen Jahr zum besten Spieler der russischen Premjer Liga hervor. Der Rekordtorschütze der russischen Nationalmannschaft und heutige Trainer des U-17-Auswahlteams gesellte sich damit in die lange Reihe der Bewunderer des jungen Mittelfeldspielers.

Viel Lob - das sich Golovin verdient hat. Für seinen Klub ZSKA absolvierte er in der vergangenen Saison 43 Partien, bei denen er sieben Treffer erzielte und sechs Torvorlagen lieferte - das sind ordentliche Zahlen.

Wie wichtig Golovin mittlerweile in der Sbornaja ist, zeigte das letzte Gruppenspiel gegen Uruguay. Ohne den aus Sibirien stammenden Profi, den Trainer Stanislav Cherchesov wegen der bereits sicheren Qualifikation fürs Achtelfinale schonte, kreierten die Russen kaum gefährliche Torchancen und verloren 0:3. In den Spielen zuvor gehörte Golovin, der bereits mit 19 in der A-Nationalmannschaft debütierte, zu den Leistungsträgern, wie er unter anderem beim Eröffnungsspiel gegen Saudi-Arabien mit einem Tor und zwei Vorlagen eindrucksvoll bewies.

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Bolzplätze in Russland: Tribünen aus Stroh, Tore ohne Netz, Ziegen als Keeper

Was Golovins Weg in die höchste Auswahl des Landes ebenfalls bemerkenswert erscheinen lässt: In seiner Heimat Kuzbass, einer vom Bergbau und Schwerindustrie geprägten Region, sind Eishockey und das in Russland populäre Bandy, ein Vorläufer des heutigen Eishockeys, Sportarten Nummer eins. Vater Sergej brachte Golovin zum Fußball. Ein Bergmann, der in seiner Freizeit noch als Fußballtrainer tätig ist.

Dank dessen Bemühungen kam Golovin auf die Sportschule des FK Nowokusnezk und wurde Teil der Jugendauswahl Sibiriens. Bei einem Turnier entdeckten ihn dann Scouts des ehemaligen Armeeklubs ZSKA, in deren Akademie, eine der besten des Landes, Golovin 2012 wechselte. Ein Glück, das viele andere talentierte Spieler nicht haben. "Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich groß, dass der russische Messi irgendwo in Sibirien als Wachmann oder an einer Tankstelle arbeitet", sagte Sergej Krivokharchenko, einer der bekanntesten Fußballkommentatoren in Russland, in einem Interview dem SPIEGEL.

Fraglich ist, wie lange Golovin noch das Trikot des russischen Spitzenklubs tragen wird. Der FC Chelsea soll bereit sein, 30 Millionen Euro für den Mittelfeldspieler zu bezahlen. Golovin wäre der erste russische Profi seit Jahren, der für viel Geld in eine europäische Top-Liga wechselt. Nach den missglückten Gastspielen von Arshavin (FC Arsenal) oder Yuri Zhirkov (FC Chelsea), verloren die westlichen Spitzenklubs ihr Interesse an russischen Fußballern.

Ob die auch durch Kolovin in Russland bei der WM entfachte Euphorie für die Sbornaja zu den nötigen Veränderungen in der Nachwuchsarbeit führen wird, bleibt offen. Golovin nutzt zwar seine Popularität und ist Schirmherr von Jugendturnieren in seiner Heimat Kuzbass. Doch an anderen Stellen werden die Probleme größer. Bestes Beispiel dafür ist das Nachwuchszentrum von Toljatti. Die einst von Roman Abramovich geförderte und in Russland renommierte Fußballakademie, an der auch einige aktuelle Nationalspieler ausgebildet wurden, verfällt. Deren Unterhalt ist der Oblast Samara zu teuer.



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hm2013_3 01.07.2018
1. Spanien müsste nach dieser Statistik gewinnen
aber das letzte Freundschaftspiel endete 3:3 und Russland hat Heimvorteil.
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