Schiedsrichter und Videobeweis Was die Bundesliga von der WM lernen kann

Die Schiedsrichter pfiffen bei der WM meist stark, der Videobeweis funktionierte. Aber es gab auch weniger gute Entscheidungen. Was kann die Bundesliga daraus lernen - und was sollte sie besser nicht übernehmen?

Schiedsrichter Pitana im WM-Viertelfinale
AFP

Schiedsrichter Pitana im WM-Viertelfinale

Von Alex Feuerherdt


Die Fußballweltmeisterschaft wird am Sonntag enden, wie sie begonnen hat: mit einem Pfiff von Néstor Pitana.

Der Argentinier ist erst der zweite Schiedsrichter in der WM-Geschichte, dem die Ehre zuteil wird, sowohl das Eröffnungsspiel des Turniers als auch das Finale leiten zu dürfen. Für ihn ist diese Berufung die verdiente Auszeichnung, denn er ragte unter den Unparteiischen in Russland nicht nur wegen seiner Körpergröße und seiner mächtigen Statur heraus.

Doch ganz generell lässt sich schon vor dem Finale zwischen Frankreich und Kroatien feststellen: Die Referees haben bei diesem Turnier überzeugt. Anders als vor vier Jahren in Brasilien, als sie von Beginn an in der Kritik standen, boten sie diesmal nur selten Anlass zur Aufregung.

Die großzügige Linie bei den Spielleitungen, auf die sie Pierluigi Collina, der Schiedsrichterchef der Fifa, eingeschworen hatte, kam bei Mannschaften und Fans gut an. Spielentscheidende Fehler blieben weitgehend aus, auch dank der Videoassistenten, mit deren Hilfe sich einige gravierend falsche Entscheidungen korrigieren ließen. Welche Konsequenzen sollte die Bundesliga aus den Auftritten der Unparteiischen und dem Umgang mit dem Videobeweis bei dieser WM ziehen?

Was die Bundesliga von der WM lernen kann

  • Mehr Transparenz beim Videobeweis: Immer wieder klagten die Fans in den Arenen der Bundesliga zuletzt darüber, bei Eingriffen der Videoassistenten im Unklaren gelassen zu werden, warum eine Entscheidung überprüft und geändert wird. Dieses Problem gab es beim Turnier in Russland nicht: Dort wurden in den Stadien nach dem Abschluss der sogenannten On-Field-Reviews diejenigen Bilder, die für eine Entscheidung des Schiedsrichters maßgeblich waren, auf der Videowand abgespielt. Die Fernsehzuschauer bekamen während einer Review sogar genau die Videosequenzen zu sehen, die auch dem Schiedsrichter gezeigt wurden, ergänzt um eine schriftliche Einblendung, was gerade geprüft wird. All das sollte auch in der Bundesliga möglich sein. Dass die Linie beim Einsatz des Videobeweises in Russland besser und einheitlicher war als im deutschen Fußball-Oberhaus, ist dagegen eher eine gefühlte Wahrheit. In der Rückrunde der vergangenen Bundesligasaison war die Eingriffsschwelle ähnlich hoch, und auch bei der WM gab es strittige (Nicht-)Eingriffe der Videoassistenten. Nur ist die emotionale Distanz der Zuschauer bei den weitaus meisten WM-Spielen größer und dadurch auch der Blick auf den Videobeweis nüchterner.
  • Abwarten beim Abseits: Bei knappen Abseitssituationen in Tornähe sollten die Schiedsrichterassistenten zunächst kein Fahnenzeichen geben, sondern den Abschluss des Angriffs abwarten. Der Grund dafür: Fällt dann ein Tor, kann der Videoassistent zur Überprüfung schreiten und es dem Referee mitteilen, falls ein strafbares Abseits vorlag. Wird die Fahne dagegen sofort gehoben und unterbricht der Schiedsrichter daraufhin das Spiel, ist eine solche Prüfung nicht möglich. Das heißt: Wenn sich dann herausstellt, dass die Abseitsentscheidung falsch war, ist die Torchance unwiderruflich dahin. Diese Anweisung galt auch in der Bundesliga, wurde dort aber nicht so konsequent umgesetzt. Bei der WM ging man sogar noch einen Schritt weiter: Hatten die Assistenten ein Abseits bemerkt, ihre Fahne aber anweisungsgemäß nicht gehoben, dann zeigten sie es mit Verzögerung an, wenn der Angriff nicht zu einem Tor führte. So wurde vermieden, dass aus einem nicht geahndeten Abseits etwa ein Eckstoß resultiert, den es nicht hätte geben dürfen und nach dem dann womöglich ein Tor fällt. Eine zwar gewöhnungsbedürftige, aber zweckmäßige Praxis.
  • Längere Nachspielzeit: In der Bundesliga werden oft nur zwei bis drei Minuten nachgespielt, bei der WM waren fünf bis sechs Minuten nicht nur keine Seltenheit, sondern die Regel. Und das nicht bloß in Spielen, bei denen Zeit durch einen Videobeweis verloren ging. Der Zeitverlust durch Auswechslungen und den oft aufwendig choreografierten Jubel nach Toren, der in Deutschland längst nicht immer zu Extraminuten führt, wurde in Russland meist konsequent durch eine entsprechende Nachspielzeit kompensiert. Das war gut und richtig.

Was die Bundesliga nicht von der WM übernehmen sollte

Zu viel Nachsicht bei unsportlichem Verhalten: Das Bestürmen des Unparteiischen nach einem Pfiff, das Zeichnen der Umrisse eines Monitors mit den Fingern, um einen Videobeweis zu fordern, das Wälzen auf dem Platz nach harmlosen Fouls - all diese Unsitten ließen die Schiedsrichter meist durchgehen. So sinnvoll ihre lange Leine bei der Zweikampfbeurteilung war, so ärgerlich war die Nachsicht bei solchen Unsportlichkeiten, die auf eine entsprechende Instruktion von Collina zurückging. Das sollte sich die Bundesliga keinesfalls zum Vorbild nehmen. Schon mit Blick auf die Nachahmungseffekte bei Millionen von Amateurfußballern.



insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spoon123 13.07.2018
1. Zustimmung
Gut zusammengefasst, entspricht genau meinen Einschätzungen. So könnte es doch noch etwas werden mit dem Videobeweis in der Bundesliga.
Epsola 13.07.2018
2.
Guter Artikel. Insbesondere die Rudel-Bildung um den Schiri sollte als nächstes angegangen werden. Das macht Fußball zum Proletensport und gibt es so in keiner anderen Sportart. Dort sollte zunächst mit Null Toleranz vorgegangen werden um die Spieler zu erziehen. Schiri berühren = rot + 5 Spiele Sperre, Schiri körperlich nötigen ohne Berührung = rot + 3 Spiele Sperre, Rudelbildung = rot + 1 Spiel Sperre für alle Beteiligten, zum Schiri zurückkehren nachdem man weggewiesen wurde = gelb. Es darf maximal ein Spieler (Betroffener oder Kapitän) mit dem Schiri reden und zwar außerhalb des körperlichen Schutzzone des Schiris.
rambazamba1968 13.07.2018
3. Komplett andere WM gesehen
es war noch nie so schlimm, und das liegt auch daran, das die Schiedsrichter unglaublich schlecht waren. Klar, wer gerne Schwalben sieht, oder Kopfstöße, oder wie sich Spieler auf den Fuß treten, oder auf Zeit spielen, unfassbar langsam ausgewechselt werden, dabei allen die Hand geben und Krämpfe immer bei der führenden Manschaft auftreten, der fand die WM voll gut. Ich nicht.
rambazamba1968 13.07.2018
4. Neuer Pokal
vielleicht führt man auch einen Pokal ein, für die langsamste Auswechslung ohne gelbe Karte. Es ist einfach der größte Fehler zu glauben, wenn Schiedsrichter wenige gelbe Karten geben, haben sie das Spiel im Griff. Das ist der größte Schwachsinn, der dazu führt, dass die Spieler machen, was sie wollen.
jnek 13.07.2018
5. Soweit so gut, aber ...
Es wird schwierig, wenn einerseits "Die großzügige Linie bei den Spielleitungen" positiv hervorgehoben wird, dann aber andererseits "Zu viel Nachsicht bei unsportlichem Verhalten" bemängelt wird. Es ist doch meist eben diese "großzügige Linie" die zu letzterem führt. Wer bei Rempeleien etc. fünf gerade sein lässt, der wird nur schwerlich bei Theatralik eine gelbe Karte zeigen. In der Theorie mag das vorstellbar sein, aber in der Praxis wird es schwierig. Hinsichtlich der Nachspielzeit bin ich der gleichen Ansicht. Hier sollte großzügiger vorgegangen werden. Aber am besten wäre sowieso, wenn man eine Nettospielzeit (z.B. 2x30 Min.) und ganz konkrete Fälle einführen würde, in denen der SR die Zeit anhält (Verletzungen, Tor, Auswechslungen ...).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.