Schwedens Stürmer Berg ... und dann ging er leider zum HSV

Marcus Berg galt in jungen Jahren als Ausnahmestürmer in Europa - bis der Hamburger SV ihn kaufte. Mittlerweile ist er das Sinnbild einer schwedischen Mannschaft, die auch ohne Stars Erfolg hat.

Marcus Berg
AFP

Marcus Berg

Aus Samara berichtet


In Deutschland denkt man gerne an die erfolgreiche U21-Europameisterschaft von 2009 zurück. Damals waren sie alle noch frisch, jung, und wild: Sami Khedira, Mesut Özil, Mats Hummels und Jérôme Boateng. Torschützenkönig dieser damaligen EM war allerdings keiner der siegreichen Deutschen. Es war Marcus Berg aus Schweden. Sieben Treffer in vier Spielen, das hat vorher und nachher kein anderer mehr geschafft.

Heute ist Marcus Berg 32 Jahre alt, seine Karriere-Erfolge im Vergleich zu Özil und Boateng sind deutlich geringer, aber eines hat er ihnen voraus: Mit Schweden steht er im Viertelfinale dieser WM in Russland. Özil und Boateng sind längst heimgefahren.

Wenn einer Berg heißt und eine solche Laufbahn hatte wie der schwedische Stürmer, dann fordert das die Wortspiele geradezu heraus. Tatsächlich war die Karriere des Spielers eine "Berg- und Talfahrt", wie die "11 Freunde" mal in einem Text über ihn getitelt haben.

Mit 21 schon Torschützenkönig

Berg galt als europäisches Ausnahmetalent, Top-Vereine rissen sich um den jungen Stürmer, der mit 21 Jahren schon Torschützenkönig in seiner Heimat war, obwohl er damals nur eine Halbserie absolvierte. Mitten in der Saison wechselte er zum FC Groningen in die Niederlande und traf auch dort, wie er wollte. Da wuchs ein Wunderstürmer heran, die Fachleute waren sich sicher.

Dann wechselte Marcus Berg zum Hamburger SV.

Drei Jahre Hamburg, und wenn man HSV-Fans noch heute nach Marcus Berg fragt, ist das Wort Fehleinkauf nicht weit. Berg saß fast nur auf der Bank, der Hamburger SV hatte zehn Millionen Euro ausgegeben, so viel hatte er vorher noch nie für einen Spieler bezahlt, aber beide Seiten wurden nie miteinander warm. Also folgte wieder ein Vereinswechsel, diesmal nach Griechenland - und Berg schoss für Panathinaikos Athen in 112 Spielen 72 Tore.

Seit dem Vorjahr spielt Berg in den Vereinigten Arabischen Emiraten, er ist auch dort der beste Torschütze, man könnte sagen, dass Berg eher der Mann für die kleineren Ligen ist. Eine Weltmeisterschaft ist allerdings das Größte, was man sich für einen Fußballer vorstellen kann. Es ist also folgerichtig, dass Berg bei der WM bisher noch nicht getroffen hat.

Zeiten der Glamourstürmer sind vorbei

"Man muss sich vor Augen führen, dass wir Schweden jahrelang Stürmer hatten, die hießen: Hendrik Larsson und Zlatan Ibrahimovic. Jetzt ist unser Sturm Marcus Berg und Ola Toivonen. Das ist nicht so einfach für uns", sagt Tomas Nilsson. Er begleitet die schwedische Nationalmannschaft seit Jahren als Reporter des "Helsingborg Dagblad". Er hat die Zeiten der Glamourstürmer Larsson und Ibrahimovic aus der Nähe erlebt, jetzt sind die Angreifer eben ein paar Kategorien weiter unten: "Wir sind trotzdem zufrieden mit ihnen, es sind nun einmal die Besten, die wir haben."

Ins Viertelfinale gegen England hat es das schwedische Team dennoch geschafft, und daran hat Berg genauso viel Anteil wie seine zehn Mannschaftskollegen auf dem Platz. Der Teamgeist der Skandinavier ist bei diesem Turnier oft und viel beschworen und beschrieben worden, tatsächlich scheint er keine Phrase und kein Marketingkonstrukt zu sein. Schweden tritt bisher als Einheit auf, von Missklängen war überhaupt nichts zu hören, Trainer Janne Andersson hat einen Kader zur Verfügung, der spielerisch sicher seine Grenzen hat. Er hat andere Qualitäten.

Marcus Berg ist insofern eine Art Sinnbild dieser Mannschaft. Er läuft, so sehr ihn die Füße tragen, er versucht, Chancen zu kreieren, Räume freizumachen für Mitspieler. An der Seite von Ibrahimovic war er stets die kleine Nummer, er hat sich daran gewöhnt. Zur Not tut es auch ein verwandelter Elfmeter von Kapitän Andreas Granqvist zum 1:0-Erfolg wie im Auftaktspiel gegen Südkorea oder ein abgefälschter Ball von Stürmer Emil Forsberg wie im Achtelfinale gegen die Schweizer zum 1:0-Sieg. Keiner fragt dann, ob Berg getroffen hat oder nicht.

Für den Stürmer und seine Mitspieler ist England wahrscheinlich so eine Art Wunschgegner. Viele Schweden haben in den vergangenen 25 Jahren auf der Insel ihr Geld verdient, im aktuellen Kader stehen immerhin noch sechs Profis, die in Großbritannien unter Vertrag stehen. Auch wenn Victor Lindelöf der einzige ist, der mit Manchester United für einen prominenten Premier-League-Klub spielt - und dort bei José Mourinho meistens auch nur Ersatz ist. Wahrscheinlich spielen die Schweden mittlerweile englischer als England selbst.

Eine spielerische Offenbarung wird man von den Schweden auch im Viertelfinale nicht erleben, stattdessen Einsatz, Kampf, Laufbereitschaft. All die Sekundärtugenden des Fußballs, die trotz allem Tugenden sind. Und vielleicht passiert ja sogar das Erstaunliche: Marcus Berg schießt ein Tor. In Hamburg würden viele mit ungläubigem Lächeln vor dem Fernseher sitzen.



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mullertomas989 07.07.2018
1. Also, diesmal muss ich ausnahmsweise....
... auch einmal einen SPON-Titel "tendenziös" nennen. Viele Hamburger werden sehr wohl gewusst haben, welch großes Talent Berg war. Und es liegt auch nicht immer nur am Verein, wenn ein Spieler sich hier nicht durchsetzt. Durch mehrmaliges Widerholen wird diese These "leider" nicht richtiger.... Hier werden beide Seiten einen Anteil am Misserfolg gehabt haben. Ein Spieler wie Marcus Berg gehört vielleicht einfach zu denen, die mit dem medialen Rummel und Leistungsdruck in einer Großstadt nicht so gut umgehen können. In der griechischen Provinz hat er ja auch wieder getroffen. Ergo müssen sich auch Spieler mal fragen, ob sie in einer Metropole zum nächsten (Reifungs-)Schritt bereit sind. Die Schuld nur auf den HSV zu schieben, ist sachlich sehr .... unpräzise und passt deshalb eigentlich nicht zum Nachrichtenmagazin SPIEGEL.
steppenrocker 07.07.2018
2. @1
Panathinaikos Athen griechische Provinz zu nennen, ist schon ein starkes Stück. ;-) Schlagen Sie mal nach, wen der HSV falsch eingeschätzt und/oder zu schnell wieder verkauft hat. Vincent Kompany, Heung-min Son, Jonathan Tah, Kerem Demirbay, Valon Behrami ...., um nur ein paar zu nennen. Der HSV ist nicht zu Unrecht da, wo er jetzt ist.
mullertomas989 07.07.2018
3. @2: Ok...
.... dass es Athen war, habe ich erst später festgestellt. Aber trotzdem ist es völlig absurd, hier nur die Schuld beim HSV zu sehen!! Einige Spieler sind eben nicht bereit, auch einen Schritt in der Persönlichkeitsentwicklung zu machen - wie etwa auch Götze bei Bayern - und wollen nicht auf Ihre Verhätschelungs-Oase im Leben verzichten.... Und die Spieler, die Sie genannt haben, haben überwiegend durchaus beim HSV reüssiert, nur muss man eben auch wirtschaftlich denken....
Leto13 08.07.2018
4. hm
Der HSV war wohl in der Zeit, wo Berg dort war, nicht mehr das Gelbe vom Ei in der Bundesliga, da hat es Berg eventuell weniger Spass gemacht als später bei Panathinaikos hier in Athen, einem Verein mit einer Fanbasis von mehreren Millionen in Griechenland und überall, wo Griechen leben, der (fas) jede Saison in Europa auftritt (wenn auch seit einiger Zeit nicht mehr so erfolgreich wie noch einige Jahre zuvor, wo man z.B. den HSV aus der CL geworfen hat).
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