Schweizer Spielmacher Dzemaili "Ich bin mit dem Kopf so schlecht"

Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri spielen spektakulärer. Aber ohne Blerim Dzemaili wäre die Schweiz nicht ins WM-Achtelfinale eingezogen. Jetzt will er sein Team zum Sieg über Schweden führen.

Blerim Dzemaili
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Blerim Dzemaili


Nach seinem Führungstor gegen Costa Rica hob Blerim Dzemaili die rechte Hand. Für einen Moment könnten Verantwortliche der Fifa und des Schweizerischen Fußballverbands zusammengezuckt sein. Einen Tag zuvor waren Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri für ihren Doppeladler-Jubel beim Sieg gegen Serbien mit einer Geldstrafe belegt worden.

Und jetzt also wieder ein Torschütze mit albanischen Wurzeln - auch wenn Dzemaili in Tetovo im heutigen Mazedonien geboren wurde. Ein erneuter Skandal blieb jedoch aus. Der Spielmacher verzichtete auf politische Symbole und formte mit der Hand ein L. Es war ein Gruß an seinen Sohn Luan. Dabei hatte Dzemaili Tränen in den Augen. Seit Ende 2017 streitet er mit Ex-Frau Erjona Sulejmani um das Sorgerecht.

Der private, eher nach innen gewandte Jubel ist bezeichnend für Dzemaili. Anders als Xhaka, Shaqiri oder auch Valon Behrami ist er kein Lautsprecher, sondern eher ein Mann für die leisen Töne. Einen sehenswerten Seitfallzieher, mit dem er die Schweiz im März zum Testspielsieg in Griechenland geschossen hatte, kommentierte er mit den Worten: "Ich wollte den Ball erst mit dem Kopf nehmen , aber ich bin mit dem Kopf so schlecht, darum habe ich gedacht, dass ich lieber etwas anderes mache."

Dzemailis zurückhaltende Art und die in den Aussagen mitschwingende Selbstironie sind mehr als Understatement. Er musste früh lernen, sich und seine Karriere nicht so ernst zu nehmen. Dabei galt der Mittelfeldspieler einst als eins der größten Schweizer Talente. An der Seite von Behrami und Johan Djourou erreichte Dzemaili das Halbfinale der U19-Europameisterschaft 2004 und gab zwei Jahre später unter Trainer Jakob "Köbi" Kuhn sein Debüt in der A-Nationalmannschaft. Bei der WM 2006 in Deutschland gehörte er zum Kader, kam aber nicht zum Einsatz.

Im folgenden Jahr sollte der internationale Durchbruch folgen: Der damals 21-Jährige gab seinen Wechsel vom FC Zürich zu den Bolton Wanderers bekannt - aber dann riss er sich kurz darauf im Training das Kreuzband. Wegen der langen Verletzungspause kam er zu keinem Premier-League-Einsatz und verpasste die Heim-EM 2008 sowie die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika.

Über Neapel zurück in die Nationalmannschaft - und dann nach Montreal

Nach einigen Jahren, in denen er von einen Verein an den nächsten verliehen wurde, fand Dzemaili 2011 in Neapel eine neue Heimat und zurück zu alter Stärke. Gemeinsam mit Gökhan Inler, mit dem er schon in Zürich zusammengespielt hatte, und später auch Behrami bildete er bei Napoli einen Schweizer Mittelfeldblock, wurde zweimal italienischer Pokalsieger und zog zweimal ins Champions-League-Achtelfinale ein. Durch die guten Leistungen im Verein - bei Napoli wie auch im Anschluss bei Galatasaray - arbeitete sich Dzemaili zurück in die Nationalmannschaft.

Blerim Dzemaili (rechts) schießt bei der WM 2014 ein Tor gegen Frankreich
DPA

Blerim Dzemaili (rechts) schießt bei der WM 2014 ein Tor gegen Frankreich

Bei der WM 2014 bestritt er alle vier Spiele für die Schweiz, erzielte per direkt verwandeltem Freistoß einen Treffer gegen Frankreich und hätte das Team im Achtelfinale gegen den späteren Finalisten Argentinien fast ins Elfmeterschießen gerettet - doch sein Kopfball in der Nachspielzeit der Verlängerung landete am Pfosten.

Unter Trainer Vladimir Petkovic ist Dzemaili im zentral-offensiven Mittelfeld gesetzt. Und das, obwohl er sich zwischenzeitlich aus Europa verabschiedet hatte und bei Montreal Impact in der Major League Soccer gelandet war. Für Spitzenvereine reicht es nicht mehr. Inzwischen ist er in die Serie A zurückgekehrt, wo er mit dem FC Bologna gegen den Abstieg gespielt hat. "Für Petkovic ist es das Wichtigste, dass seine Spieler regelmäßig zum Einsatz kommen, und das ist bei mir der Fall", sagt der 32-Jährige.

"Nummer 8 auf der Position der 10"

Sein Spiel ist ähnlich wie sein Auftreten außerhalb des Platzes: Die Abschlüsse nicht so spektakulär wie die von Shaqiri, das Fordern des Balls nicht so aufdringlich wie bei Xhaka und die Defensivarbeit nicht so aggressiv wie bei Behrami. Und trotzdem von unschätzbarem Wert fürs Team. Obwohl seine Position hinter den Spitzen eigentlich nach Kunst und Kreativität klingt, stellt sich Dzemaili als unauffälliger Arbeiter in den Dienst der Mannschaft, geht weite Wege und sichert seine extrovertierteren Mannschaftskameraden ab, wenn es nötig ist.

Blerim Dzemaili (links) im Zweikampf mit Neymar
Getty Images

Blerim Dzemaili (links) im Zweikampf mit Neymar

Die "Neue Zürcher Zeitung" bezeichnete ihn als "Nummer 8 auf der Position der 10". Im ersten Gruppenspiel gegen Brasilien bestritt er die meisten Zweikämpfe aller Schweizer (17), gegen Costa Rica erzielte er nicht nur das wichtige 1:0, sondern zeigte gemeinsam mit Rechtsverteidiger Stephan Lichtsteiner auch die meisten Tacklings (4).

Ausgerechnet auf Kapitän Lichtsteiner und Innenverteidiger Fabian Schär müssen die Schweizer im Achtelfinale gegen Schweden verzichten. Beide sahen im letzten Gruppenspiel ihre zweite Gelbe Karte und fehlen gesperrt. Für den Spielmacher darf das keine Ausrede sein. "Wir müssen nicht schauen, wer nicht da ist, sondern, wer da ist", sagt Dzemaili. Er wird da sein.



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