Gruppensieg für Spanien Doppeltes Glück

Spanien wollte den ersten Platz in der Gruppe B und hat ihn durch zwei späte Tore bekommen. Was bleibt, ist das fehlende Tempo im spanischen Spiel. Das dürfte gegen Russland aber nicht zum Problem werden.

Spanische Nationalspieler
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Aus Kaliningrad berichtet


In der Nachspielzeit wurde es richtig emotional. Nachdem der usbekische Schiedsrichter Ravshan Irmatov mit Hilfe des Videobeweises das Tor von Iago Aspas zum 2:2 für Spanien gegen Marokko anerkannt hatte, kam es an der Mittellinie zu einem größeren Auflauf als nach dem Siegtor von Deutschland gegen Schweden. Die marokkanischen Spieler, Betreuer und Trainer, wollten es nicht wahrhaben, obwohl in der Wiederholung auf der Videoleinwand klar zu erkennen war, dass Aspas beim Pass von Dani Carvajal nicht im Abseits gestanden hatte.

Marokkos Coach Hervé Renard ging es in seiner Aufregung aber gar nicht um die Abseitsstellung, er echauffierte sich über den zuvor auf der verkehrten Seite ausgeführten Eckball. "Ich weiß nicht, ob es erlaubt ist, die Ecke auf der anderen Seite auszuführen", sagte Renard. "Ich wollte das nach dem Spiel mit dem Schiedsrichter klären, aber die Tür war zu." Irmatov war im Spiel selbst davon ausgegangen, dass das Spiel von der linken Eckfahne aus fortgesetzt wird, brauchte einige Sekunden zur gedanklichen Verlegung auf die rechte Seite, ließ die Spanier beim Stand von 1:2 in der 91. Minute aber gewähren.

In den Fifa-Regeln ist über die zu wählende Seite bei Eckbällen nichts zu finden, aber die Experten vom Schiedsrichter-Podcast "Collinas Erben" bestätigten dem SPIEGEL Renards Sichtweise. Allerdings sei "ein diesbezüglicher Fehler eine Lappalie, weil er an der Spielfortsetzung nichts ändert." Und wenn der Schiedsrichter der Ausführung von der anderen Seite zustimme, könne das auch nicht nachträglich geändert werden. Das Tor war somit korrekt - und drehte zusammen mit dem fast zeitgleich gefallenen Tor Irans gegen Portugal (Endstand 1:1) die Konstellation in der Gruppe B.

Iniesta lässt seinen Fehler vergessen

Spanien, nach den beiden Toren von Khalid Boutaib (19. Minute) und Youssef En Nesyri (81.) sogar vom WM-Aus bedroht, hatten nach einem durchwachsenen Spiel gleich doppelt Glück. Die Furia Roja überholte Portugal in der Tabelle, sicherte sich den Gruppensieg und spielt nun gegen Gastgeber Russland statt gegen das deutlich stärker einzuschätzende Uruguay. "Wir haben einen Fehler gemacht", sagte Spaniens Trainer Fernando Hierro, "aber wir haben schnell reagiert und dann guten Fußball gespielt."

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Spaniens Remis gegen Marokko: Last-minute-Ausgleich zum Gruppensieg

Doch war das wirklich so? Wie schon gegen Iran hatte das zu zögerlich wirkende spanische Team Probleme, die gut organisierte und kompakte Defensive Marokkos zu Fehlern zu zwingen und klare Torchancen herauszuspielen. Boutaibs Tor war ein Missverständnis zwischen Andrés Iniesta und Sergio Ramos vorausgegangen, das dem Angreifer von Malatyaspor einen Alleingang auf das spanische Tor ermöglichte. Iniesta machte seinen Fehler wenig später wett, als er Isco das 1:1 mit einem sehenswerten No-Look-Pass in den Rücken der Abwehr auflegte.

"Sie haben außergewöhnliche Spieler", sagte Renard: "Uns fehlt in solchen Spielen noch die Erfahrung, aber wir haben gezeigt, dass wir mit zwei der besten Teams mithalten können." Marokko war eine der spielerischen Überraschungen dieser Weltmeisterschaft - und muss nun mit nur einem Punkt die Heimreise antreten.

Renard sieht spanische Schwächen

Analog zur deutschen Mannschaft hat Spanien aber auch Probleme bei der Verteidigung von gegnerischen Kontern. "Da sind sie anfällig, das wussten wir", gab Renard Einblicke in seine Spielvorbereitung. "Es ist einfacher zu verteidigen, als anzugreifen", sagte Hierro und spielte damit auf die Probleme einiger Favoriten bei dieser WM an.

Nun geht es also gegen Gastgeber Russland, was im Vergleich zur defensiv so überzeugenden uruguayischen Mannschaft eine glückliche Fügung ist. Es wird zwar das dritte Spiel in Folge sein, wo weite Teile der Zuschauer gegen Spanien sein werden. "Es ist nur wichtig, was auf dem Platz passiert, die Atmosphäre im Stadion darf uns nicht beeindrucken", sagte Hierro, der sich wegen seiner fehlenden Erfahrung als Trainer weiter rechtfertigen muss: "Ich habe nicht mit Julen Lopetegui gesprochen", sagte der 50-Jährige, "er hat seinen Job, und ich habe meinen. Wir sind Freunde und werden als Freunde kommunizieren, aber wenn ich eine Entscheidung zu treffen habe, muss ich mich nicht mit Lopetegui absprechen."

Möglicherweise gibt es nun aber doch einen Anruf, denn im vergangenen November hatte Spanien unter Ex-Trainer Lopetegui ein Testspiel gegen Russland absolviert. Das 3:3 war einer der wenigen Achtungserfolge der Sbornaja im Vorfeld der WM. Spanien sollte also doch gewarnt sein.

Spanien-Marokko 2:2 (1:1)
0:1 Boutaïb (14.)
1:1 Isco (19.)
1:2 En Nesyri (81.)
2:2 Aspas (90.+1)
Spanien: De Gea - Carvajal, Piqué, Sergio Ramos, Jordi Alba - Busquets, Thiago (74. Asensio) - Silva (84. Rodrigo), Iniesta, Isco - Diego Costa (74. Aspas)
Marokko: El Kajoui - Dirar, da Costa, Saïss, Hakimi - El Ahmadi, Boussoufa - Amrabat, Belhanda (63. Fajr), Ziyech (85. Bouhaddouz) - Boutaïb(72. En Nesyri)
Schiedsrichter: Irmatow (Usbekistan)
Gelbe Karten: - / El Kajoui, Hakimi, El Ahmadi, Amrabat, da Costa, Boussoufa



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
tomkey 26.06.2018
1. Schade Marokko
Eine der Mannschaften die leider ausgeschieden sind, obwohl sie mehr auf dem Kasten haben. Gescheitert an sich selber - die schlechte Chancenverwertung in den Spielen gegen Iran und Portugal. Spielerisch um einiges besser als Russland und Uruguay. Ich hätte es ihnen wirklich gegönnt. Aber wie sagte schon ein großer Fußballprophet:"Wäre wäre Fahrradkette!". Spanien dürfte gegen die Russen ohne Probleme weiterkommen.
Nonvaio01 26.06.2018
2. das sehe ich so noch nicht
Zitat von tomkeyEine der Mannschaften die leider ausgeschieden sind, obwohl sie mehr auf dem Kasten haben. Gescheitert an sich selber - die schlechte Chancenverwertung in den Spielen gegen Iran und Portugal. Spielerisch um einiges besser als Russland und Uruguay. Ich hätte es ihnen wirklich gegönnt. Aber wie sagte schon ein großer Fußballprophet:"Wäre wäre Fahrradkette!". Spanien dürfte gegen die Russen ohne Probleme weiterkommen.
die Russen werden sehr agressiv spielen und den Spaniern keinen platz geben. Gegen Uruguay das zaehlt nicht weil man eh schon weiter war. Ich denke es wird ein knappes 2-1 fuer Spanien.
haarer.15 26.06.2018
3. Spanische Schwächen
Die Spanier hatten ziemliches Dusel bei diesem Unentschieden und sie haben keineswegs überzeugend gespielt. Klar war es doppeltes Glück. Nur ist das nicht ständig wiederholbar. Deswegen dürften die Chancen gegen Russland im nächsten Spiel zu bestehen ausgewogen sein. Da müssen sich aber beide steigern. Für Russland dürfte es eher eine glückliche Fügung sein, gegen Spanien und nicht gegen Portugal antreten zu müssen. Es bleibt spannend. Herrn Krämers Einschätzung kann ich nicht teilen.
haarer.15 26.06.2018
4.
Zitat von tomkeyEine der Mannschaften die leider ausgeschieden sind, obwohl sie mehr auf dem Kasten haben. Gescheitert an sich selber - die schlechte Chancenverwertung in den Spielen gegen Iran und Portugal. Spielerisch um einiges besser als Russland und Uruguay. Ich hätte es ihnen wirklich gegönnt. Aber wie sagte schon ein großer Fußballprophet:"Wäre wäre Fahrradkette!". Spanien dürfte gegen die Russen ohne Probleme weiterkommen.
Spanien wird sich aber mächtig steigern müssen, um überhaupt weiterzukommen. Bei denen haben sich eklatante Schwächen offenbart. Die Chancen gegen Russland sind nach Lage der Dinge fifty-fifty.
tomkey 26.06.2018
5. Spasiwo & Doswidanja
Zitat von haarer.15Spanien wird sich aber mächtig steigern müssen, um überhaupt weiterzukommen. Bei denen haben sich eklatante Schwächen offenbart. Die Chancen gegen Russland sind nach Lage der Dinge fifty-fifty.
So limitiert wie die Russen bisher aufgetreten sind - und das gegen 2 schwache Gegner - so klar werden sie auch gegen die Spanier (die sich natürlich steigern müssen und werden) verlieren. Ich tippe ein Sieg mit mindestens 2 Toren Unterschied für Spanien.
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