Spaniens Achtelfinal-Pleite Mit 1114 Pässen ins Verderben

Für Spanien war schon wieder früh bei einer WM Schluss. Der Trainerwechsel kurz vor Turnierbeginn verunsicherte den Topfavoriten. Und jetzt verliert die Mannschaft auch noch ihr Gehirn.

Gerard Piqué (l.) und Koke
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Gerard Piqué (l.) und Koke

Aus Moskau berichtet


Die 71. Minute des Spiels zwischen Spanien und Russland stand sinnbildlich für das Problem des Weltmeisters von 2010. Und das, obwohl in dieser Minute eigentlich nichts passierte. Die Spanier spielten sich den Ball 21-mal zu, ohne dass ein russischer Gegenspieler dazwischengekommen wäre. Hin und her und wieder hin und wieder zurück. Raumgewinn: Höchstens zehn Meter. Beim 22. Ballkontakt bewegte sich Mittelfeldhirn Andrés Iniesta in den Strafraum und verlor den Ball.

Am Ende dieser 120 Minuten von Moskau hatten die Spanier über 1000 Pässe gespielt, exakt waren es 1114, das ist in der Geschichte der WM-Turniere noch nie vorgekommen. Der Effekt dieser Tausend-und-einem-Pass-Strategie: Er war gleich null. Kaum Torchancen, kaum Torgefahr. Im Vergleich die Passbilanz der Russen: 290 Zuspiele.

Nach nur vier Spielen ist der vor der WM kurzfristig als Trainer eingesprungene Fernando Hierro schon wieder am Ende. Je länger das Spiel währte, desto ruhiger und stiller stand er da am Spielfeldrand, es sah fast schon so aus, als kämen ihm die Tränen.

Königreich für einen Steilpass

Selbst Iniesta, der schon hundertfach in der Karriere den entscheidenden Pass gespielt hat, fiel nichts ein. Welch trauriges Ende dieser großen Länderspielkarriere des Genius vom FC Barcelona. König Felipe saß auf der Tribüne neben Fifa-Boss Gianni Infantino, und seine Miene wurde immer länger, je mehr sich die Partie hinzog. Vermutlich wird er gedacht haben: ein Königreich für einen Steilpass.

35 Torschüsse, beziehungsweise Torschussversuche, 74 Prozent Ballbesitz - das hört sich so imposant an und war doch dermaßen brotlos. Hierro und seine Spieler - sie hatten schon vorher kein berauschendes Turnier gespielt, zwei Unentschieden und ein mühevoller 1:0-Erfolg über Iran. Aber jetzt, wo es in die K.-o.-Phase ging, da mussten die ganzen so erfahrenen Recken doch endlich aus ihrer Lethargie erwachen, jetzt endlich zeigen, was das wahre Spanien ist. Es kam nichts. Es kamen Querpässe.

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Russland besiegt Spanien: Tausend Pässe, aber schwache Nerven

Ramos ist "stolz auf die Mannschaft"

"Wir haben alles gegeben, diese Mannschaft hat eine Seele, ich bin stolz auf sie", tat Kapitän Sergio Ramos nach dem Abpfiff immerhin mit seinem Team nicht das, was er sonst so gerne mit seinen Gegenspielern macht: Er ließ sie ungeschoren, auch er selbst, der mit Nationalmannschaft und Verein schon alles gewonnen hat, konnte diesem Team keinen Schub geben.

Der jähe Trainerwechsel einen Tag vor dem Turnierbeginn von Lopetegui zu Hierro scheint die Mannschaft doch mehr berührt und durchgerüttelt zu haben, als man in der Gruppenphase angenommen hatte. Nichts war mehr zu sehen von dem Kombinationsspiel, das die Spanier noch im März gegen Deutschland im Testspiel aufgezogen hatten. Stattdessen stand den Russen eine müde, ideenlose Truppe gegenüber, gespickt mit großen Namen. Aber so etwas hat schon der deutschen Mannschaft nichts genützt. Eine Mannschaft ohne Feuer verliert so ein Spiel - wenn auch erst im Elfmeterschießen.

Jetzt wird auch in Spanien die große Erneuerungs- und Umbruchsdebatte losgehen, wieder einmal. Obwohl im Team schon junge Spieler stehen, wie Isco und Marco Asensio, die bei Real Madrid schon genug Champions-League-Reife gesammelt haben. Dennoch: Es wird dieselben Stimmen geben wie schon nach dem frühen Aus vor vier Jahren. Die Spanier enttäuschten danach auch bei der EM in Frankreich, schieden früh gegen clevere Italiener aus. Es ist nicht so einfach mit dem Umbruch, der DFB sollte also gewarnt sein.

Iniesta wird dieser Mannschaft nicht mehr angehören, eine spanische Elf ohne Iniestas kongenialen Nebenmann Xavi war schon schwer vorstellbar. Jetzt sind beide Schaltzentralen nicht mehr da, Hierro schien diesen Ernstfall schon zu testen, er brachte den Barcelona-Regisseur erst nach einer Stunde Spielzeit. Da hatte sich das Team schon längst komplett festgespielt. Die Passmaschine war heiß gelaufen, die Spieler aber nicht.



insgesamt 24 Beiträge
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Mach999 02.07.2018
1.
Kein Wunder. Das war ja auch kein Tiki-taka, sondern ein Tiehki-Taahka.
coyote38 02.07.2018
2. Das Spielsystem ist ausgelesen ... bis in alle Einzelheiten.
Und das war es bereits 2013/14 ... kann sich irgendwer an die beiden Champions-League-Halbfinals in der Saison 2013 erinnern ...? Als Real Madrid und der FC Barcelona von Bayern München unter Jupp Heynckes und Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp innerhalb von zwei Wochen viermal ZERSTÖRT wurden ...? Da wurde damals schnelles Umschaltspiel mit frühem Gegenpressing auf höchstem Niveau zelebriert. Die Möglichkeit, wie man DIESES Spielsystem hingegen lahmlegt, zeigte der FC Chelsea unter Roberto di Matteo bereits ein Jahr früher im sogenannten "Finale dahoam" gegen Bayern München: Nämlich indem man "brutalstmöglich Beton anrührt". --- Athletik, Schnelligkeit, Auffassungsgabe, Risikobereitschaft und Präzision sind somit heutzutage im Fußball wichtiger denn je. Das haben sowohl die Deutschen als auch die Spanier vermissen lassen ... und dementsprechend ähneln sich die Ergebnisse.
birka12 02.07.2018
3. Todlangweilig
Das langweiligste Spiel der WM, furchtbar dieses klein/klein, hin und her auf 5-10m. Gut, dass sie ausgeschieden sind.
hlka 02.07.2018
4. Hallo Spon, viele Grüße aus Russland
von einem Team, das nicht mal aus der Gruppe gekommen ist und nun in 1/4 Finale steht :-) Spanier waren besser, aber das hilft nicht, wenn man keine Tore schießt. Daher - selber schuld. Ein Hoch auf die totgeglaubte Mannschaft.
noalk 02.07.2018
5. Die Angst der getaktiketen Spieler
Ballbesitz um jeden Preis, bis hin zur Mutlosigkeit. Die Deutschen und die Spanier beherrschen das bis zum ... (mir fällt kein Vergleich ein). Warum? Weil sie keinen Plan haben, was bei Ballverlust zu tun ist. Undim Hinterkopf den Gedanken: Uns kann keiner. Kann er eben doch.
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