Spiel um Platz drei Die bronzene Ananas

Niemand braucht "das kleine Finale" der Fußball-WM. Die Partie Belgien gegen England ist überflüssig. Dass das Spiel um den dritten Platz ausgerechnet in Deutschland so oft verklärt wird, dürfte am Sommer 2006 liegen.

Szene aus der Vorrundenpartie zwischen Belgien und England
REUTERS

Szene aus der Vorrundenpartie zwischen Belgien und England

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Belgien und England sind bei dieser WM-Endrunde schon einmal aufeinandergetroffen: am letzten Gruppenspieltag. Leider waren beide Teams zu diesem Zeitpunkt bereits für das Achtelfinale qualifiziert, der Kick verkam so zum bedeutungslosen Schaulaufen der Ergänzungsspieler. 16 Tage später spielen Belgien und England zum zweiten Mal gegeneinander - bemerkenswerterweise im einzigen WM-Duell, das noch überflüssiger ist.

Am Samstag (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) steigt "das kleine Finale"- schon das ist ein Euphemismus der übelsten Sorte. Die beiden Halbfinalverlierer spielen in Sankt Petersburg um den dritten Platz. Weil das schon immer so war, Tradition ist Tradition. Einen sportlichen Wert hat dieses Spiel nicht.

"Wenn du mit den Spielern sprichst", sagte Ex-Fußballprofi Chris Waddle, "dann kenne ich niemanden, der in diesem Spiel spielen will". Der Engländer weiß, wovon er spricht. Er musste einst bei der WM 1990 nach dem verlorenen Halbfinale noch einmal gegen Italien (0:1) auflaufen. Für die aktuelle Spielergeneration wünscht er sich nur: "Schickt die Jungs einfach nach Hause."

Beim Fußball bleiben beide Verlierer

Die Uefa hat sich übrigens schon nach der Europameisterschaft 1980 dagegen entschieden, dieses Spiel um die bronzene Ananas auszutragen, auch in der Champions League käme kaum jemand auf eine solche Idee. Oder hätten Sie sich am Vorabend von Real Madrid gegen Liverpool ein Match zwischen Bayern München und AS Rom gewünscht?

Bei Olympischen Spielen ist das anders. Dort ist der Drittplatzierte noch Sieger, ausgezeichnet mit einer Bronzemedaille, der Vierte geht leer aus. Bei der Fußball-WM dagegen bleiben beide Teams Verlierer, egal, was auf der Plakette steht. Belgiens Turnier endete mit Samuel Umtitis Kopfball, Englands Traum von der Heimkehr des Fußballs mit Mario Mandzukics Tor in der Verlängerung. Die K.-o.-Runde heißt nicht zufällig so. Ein Team wird Weltmeister - und alle anderen werden es nicht.

Man kann jedes Spiel bedeutsam reden, niemand weiß das besser als Sportjournalisten: Harry Kane gegen Romelo Lukaku - das Duell um die Torjägerkrone. Oder lieber die Mär von den unbeschwert aufspielenden Superstars, die sich unbedingt mit einem positiven Erlebnis von ihren Anhängern verabschieden wollen? Es bleiben: 90 Minuten Garbage Time, im schlimmsten Fall sogar 120. Normalerweise nutzen Trainer diese finale Showveranstaltung vor allem dazu, auch jenen Spielern, die in den Wochen zuvor nicht zum Zug gekommen sind, wenigstens einen Einsatz zu schenken.

Sonderfall Sommermärchen

Dass das Spiel um den dritten Platz gerade in Deutschland noch immer viele Fans hat - das zumindest suggerieren die konstant guten TV-Quoten -, dürfte am Jahr 2006 liegen. Damals, als einen ganzen Sommer die Sonne auf die Autofähnchen schien, hatte Deutschland sich an sich selbst berauscht. Die Welt war "zu Gast bei Freunden" gewesen und der Deutsche ausnahmsweise mal der Freund. Dazu hatte die junge Nationalelf, die damals noch nicht "die Mannschaft" hieß, aber eine war, ein ordentliches Turnier abgeliefert.

Als die Party dann jäh mit Fabio Grossos Treffer endete, gierten viele Anhänger nach einem letzten Absacker. Sie alle bekamen ihren lauwarmen Goleo Sunrise beim 3:1 gegen Portugal. Platz drei, Licht an, Heimweg. Doch auch damals in Stuttgart spielten nicht die besten Spieler des Turniers für den DFB, sondern ein 37-jähriger Torwart namens Olli Kahn, auch Jens Nowotny, Marcell Jansen, Thomas Hitzlsperger und Mike Hanke durften noch einmal ran. So viel bei aller Verklärung zur sportlichen Einordnung.

Am Samstag in Sankt Petersburg gibt es diesen emotionalen Bogen aber nicht. Dort spielen einfach zwei Teams, die lieber schon daheim wären, aber nicht dürfen. Es ist unerheblich, wer danach den fragwürdigen Beinamen "der WM-Dritte von 2018" führen darf. Wahrscheinlich sollten wir uns sogar besser angewöhnen, ihn einfach nicht mehr zu benutzen - und stattdessen von "WM-Halbfinalisten" reden.



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
christof.schroeter 14.07.2018
1. Bei Olympischen Spielen ist das anders
"Bei Olympischen Spielen ist das anders. Dort ist der Drittplatzierte noch Sieger, ausgezeichnet mit einer Bronzemedaille, der Vierte geht leer aus. Bei der Fußball-WM dagegen bleiben beide Teams Verlierer, egal, was auf der Plakette steht." Je steiler die These, um so weniger benötigt sie einen Beleg oder Argumente?
white_rd 14.07.2018
2. So ein Quatsch
Kein Mensch interessiert sich für das Spiel um den dritten Platz. Was soll diese an den Haaren herbeigezogene Aussage, daß das Spiel um den dritten Platz ausgerechnet in Deutschland so oft verklärt wird? Es wird eben auch im Fernsehen gezeigt, so wie alle anderen Spiele einer WM auch.
hileute 14.07.2018
3. Als Zuschauer finde ich das Spiel um platz 3 ganz nett,
für die Mannschaften natürlich kein Spaß, aber für den neutralen Zuschauer meistens deutlich angenehmer zu sehen als das Finale, da beide Mannschaften befreit aufspielen, da es eben egal ist wer gewinnt. Darf auch gerne in EM und cl eingeführt werden, dürfte den Funktionären doch nur Recht sein, kann doch zusätzliche Kohle gescheffelt werden. Die Wünsche der Spieler sind denen ja sowieso egal. Wäre ich auf jedenfall eher dafür als 48er WM oder 24er em oder getrennte Anstoßzeiten in der cl
insigma 14.07.2018
4.
„Bei Olympischen Spielen ist das anders. Dort ist der Drittplatzierte noch Sieger, ausgezeichnet mit einer Bronzemedaille, der Vierte geht leer aus. Bei der Fußball-WM dagegen bleiben beide Teams Verlierer, egal, was auf der Plakette steht.“ Ach, und die 1,5 Mio Euro Unterschied im Preisgeld zwischen Platz 3 und Platz 4 sind nichts?
didohaun 14.07.2018
5. Es geht ums Geld
Ein zusätzliches Spiel, das vermarktet werden kann. Aber: Zumindest die Anhänger der beteiligten Mannschaften wollen wohl nicht darauf verzichten. Die Spieler sollten es deshalb mit Anstand, sprich ausreichend Einsatz, hinter sich bringen. Letztendlich profitieren sie ja auch von diesem Turnier, indem sie ihren Marktwert steigern können - oder eben nicht.
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