K.-o.-Runde bei der WM "Superstars verschießen häufiger Elfmeter"

Die K.-o.-Phase der WM läuft, zwei Partien wurden bereits im Elfmeterschießen entschieden. Ein Sportwissenschaftler erklärt, welche Rolle die Psyche dabei spielt - und warum er die Engländer vorne sieht.

Argentiniens Stürmer Lionel Messi beim Elfmeter gegen Island
DPA

Argentiniens Stürmer Lionel Messi beim Elfmeter gegen Island

Ein Interview von Philipp Awounou


Zur Person
    Dr. Georg Froese ist Diplom-Psychologe und promovierter Sportwissenschaftler. Für seine Dissertation über "sportpsychologische Einflussfaktoren der Leistung von Elfmeterschützen" erhielt er 2012 den DFB-Wissenschaftspreis. Als Elfmeteranalyst beriet er unter anderem Borussia Dortmund, den FC Augsburg und den VfL Wolfsburg.

SPIEGEL ONLINE: Herr Froese, worauf kommt es beim Elfmeterschießen an?

Froese: Auf eine gute Vorbereitung. Elfmeterschießen ist kein Glücksspiel mehr, wenn man gut vorbereitet ist. Die Siegchancen steigen dann signifikant. Trotzdem findet das selbst im Top-Bereich nicht statt. Die Profis werden alleingelassen, und das Drama nimmt seinen Lauf.

SPIEGEL ONLINE: Woran erkennt man eine schlechte Vorbereitung?

Froese: Ein Beispiel wäre die deutsche Mannschaft vor zwei Jahren bei der EM. Im Elfmeterschießen gegen Italien war das Team überhaupt nicht vorbereitet und das wäre beinahe schiefgegangen. Man konnte das wunderbar an Mats Hummels Worten nach dem Spiel erkennen: Er verriet, dass er auf dem Weg zum Elfmeterpunkt vier Mal die Ecke gewechselt habe, in die er schießen wollte.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist schlecht?

Froese: Genau das darf nicht passieren! Der Schütze muss schon vor dem Spiel, eigentlich schon im Training und den Wochen davor, genau wissen, wie er einen Elfmeter in welcher Situation schießt. Er muss ihn hundert Mal probiert haben, eine klare Vorstellung haben und die dann umsetzen. Das gibt Sicherheit.

SPIEGLE ONLINE: Was empfehlen Sie also?

Froese: Natürlich kann man kein Elfmeterschießen um den WM-Pokal trainieren, aber man kann den Druck gut simulieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fußballweltmeister auf dem Weg zum Titel mindestens ein Elfmeterschießen überstehen muss, liegt bei mehr als 60 Prozent. Daher sollte also jedes Team Wert auf vorbereitende Maßnahmen legen, die langfristig und regelmäßig ins Training eingebaut werden müssen.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Froese: Drucksituationen lassen sich mit relativ einfachen Mitteln herstellen. Man kann zum Beispiel Mitspieler, Trainer oder Freunde zusehen lassen, wenn der Schütze antritt. Man kann Störfaktoren wie jubelnde oder pfeifende Zuschauer einbauen. Man könnte auch kleine Geldbeträge setzen oder sonstige Wetten auf den Elfmeter abschließen. So kann man psychologischen Druck simulieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist die psychologische Komponente wirklich so wichtig?

Froese: Absolut. Elfmeterschießen ist ein Mindgame. Natürlich sollte man auch an der Technik feilen und den Gegner studieren. Aber in Untersuchungen haben wir festgestellt, dass psychologische Aspekte und Persönlichkeitseigenschaften bei einem Elfmeterschießen die stärksten Erfolgskomponenten sind. Sie sind wichtiger als das fußballerische Können.

SPIEGEL ONLINE: Welche psychologischen Eigenschaften muss ein guter Schütze haben?

Harry Kane (vorne)
REUTERS

Harry Kane (vorne)

Froese: Er muss vor allem eine geringe Wettkampfängstlichkeit aufweisen. Sie lässt sich mit Fragebögen ermitteln und ist auch unter Profis sehr unterschiedlich. Bei Elfmeterschützen denkt man meistens an die besten Spieler oder an die Top-Torschützen, die sind aber oftmals gar nicht geeignet fürs Elfmeterschießen - weil sie erhöhte Angstsymptome zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem treten meistens die Superstars an, wenn es entscheidend wird.

Froese: Dabei verschießen gerade die Superstars häufiger Elfmeter. Studien zeigen: Je höher der Status eines Spielers in der Mannschaft ist, desto eher versagt er beim Elfmeterschießen.

SPIEGEL ONLINE: Der Weg vom Mittelkreis bis zum Elfmeterpunkt kann für einen Schützen sehr lang werden. Wie schafft man es, dass Druck und Angst nicht Überhand nehmen?

Froese: Ich würde empfehlen, sich auf das zu konzentrieren, was man umsetzen will: ein Abschluss ins linke untere Eck zum Beispiel. Diesen Schuss kann man dann immer wieder vor dem geistigen Auge visualisieren. Auch Atemtechniken können helfen.

SPIEGEL ONLINE: Welches der verbliebenen WM-Teams sehen Sie in dieser speziellen Disziplin am stärksten?

Froese: Auf Grundlage meiner Forschungen sind für mich entgegen der landläufigen Meinung die Engländer beim Elfmeterschießen favorisiert. Nach ihren Elfmeter-Traumata in der Vergangenheit könnte ich mir gut vorstellen, dass sie großen Wert auf eine gute Vorbereitung gelegt haben - und auf die kommt es wie gesagt an.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
bernhard.geisser 02.07.2018
1.
Es ist aber auch ein Fehler der Trainer, das Penalty-Schiessen wird in der Regel relativ "frisch" trainiert. Zusätzlich sollte aber eigentlich nach jedem anstrengenden Meisterschaftsspiel noch inoffziell und mannschafts-intern anschliessend ein Penalty-Schiessen durchgeführt werden, mit richtig wackligen Beinen.
horstenporst 02.07.2018
2. Was denn nun?
"Dabei verschießen gerade die Superstars häufiger Elfmeter. Studien zeigen: Je höher der Status eines Spielers in der Mannschaft ist, desto eher versagt er beim Elfmeterschießen." Vor 2 Tagen hat SPON das Gegenteil behauptet: "Für einige wenige internationale Stars sind Daten der Uefa verfügbar. So gehören Robert Lewandowski (89 Prozent Erfolgsquote), Zlatan Ibrahimovic (87 Prozent), Eden Hazard (85 Prozent), Alexandre Lacazette (85 Prozent) und Cristiano Ronaldo (84 Prozent) wohl zu den besten Schützen. Neymar und Lionel Messi folgen mit 80 bzw. 79 Prozent. Alles Werte, die über dem Durchschnitt liegen, was bei internationalen Top-Stürmern mit herausragender Schusstechnik aber auch nicht weiter überrascht." http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-2018-worauf-es-beim-elfmeterschiessen-wirklich-ankommt-a-1215586.html
fräulein_w_aus_d 02.07.2018
3. Dynamik
Wenn ein Toptorhüter in eine Ecke springt, hat er den Ball ziemlich oft. Wie gesehen, kann er sogar einen mittig geschossenen Ball mit dem Fuß kriegen, wenn er schon in die Ecke gesprungen ist. Das heißt, dass es einen Glücksfaktor gibt. Man stelle sich vor, ein Roulettespieler nimmt sich vor, immer auf rot zu setzen, obwohl die letzten drei Kugeln schon rot waren. Das fällt dann schwer.
hileute 02.07.2018
4.
und dann England da gute Siegchancen zuspricht ist mir schleierhaft. Die bekommen doch immer von allen gesagt das sie das nicht können, da spielt es keine Rolle das das in der Realität nicht zutrifft. Das ist so tief in den Köpfen verankert, das kriegt man durch paar Freunde die zugucken im Training nicht weg
child3k 02.07.2018
5. Nicht wirklich ...
Zitat von fräulein_w_aus_dWenn ein Toptorhüter in eine Ecke springt, hat er den Ball ziemlich oft. Wie gesehen, kann er sogar einen mittig geschossenen Ball mit dem Fuß kriegen, wenn er schon in die Ecke gesprungen ist. Das heißt, dass es einen Glücksfaktor gibt. Man stelle sich vor, ein Roulettespieler nimmt sich vor, immer auf rot zu setzen, obwohl die letzten drei Kugeln schon rot waren. Das fällt dann schwer.
Kommt halt drauf - wenn man so Elfmeter schießt wie das bspw. Harry Kane bei der WM bisher getan hat, dann hat der Torhüter absolut gar keine Chance.
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