Timo Werner Der Stürmer, auf den Löw gewartet hat

Er ist fast der Jüngste in der deutschen Mannschaft, und doch gehört Timo Werner schon zu den Wertvollsten. Weil er der Stürmertyp ist, den der Bundestrainer nie hatte und immer wollte.

Timo Werner (l.)
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Timo Werner (l.)

Aus Moskau berichtet


Es ist sechs Jahre her, dass Marco Reus bei einem Turnier zuletzt in der Startelf der deutschen Nationalmannschaft stand. Die Gründe sind bekannt, Reus hatte einfach zu viel Verletzungspech. Damals gewann Deutschland bei der EM 2012 gegen Griechenland, der Bundestrainer hatte vor dieser Partie viel gewechselt, Reus hatte frischen Wind gebracht. Und daher durfte er danach auch vor die Presse, um über das schöne Gefühl zu berichten.

Die Parallelen sind schon auffallend: Auch als Reus bei der WM in Russland gegen die Schweden beginnen durfte, belebte er das Angriffsspiel. Es gibt nur einen Unterschied: Vor sechs Jahren saß anschließend André Schürrle neben ihm auf dem Podium der Pressekonferenz, jetzt ist es Timo Werner.

Von Schürrle redet beim Nationalteam aktuell niemand mehr, er darf sich die WM im Urlaub anschauen, dafür ist der Leipziger Werner jetzt die erste Option im Sturm. Er gehört mit 22 Jahren zu den Jüngsten im Kader, in der erfahrenen Mannschaft ist er mit 16 Länderspielen noch ein Frischling. Aber er ist der Stürmer, auf den Joachim Löw all die Jahre gewartet hat.

Werner bringt alles mit

Der Bundestrainer, das ist nichts Neues, hat diese Mannschaft nach seinen Vorstellungen nach und nach umgebaut, zu einem Team, das den Erfolg mit spielerischen Mitteln, mit dem Flachpass, mit Tempo, mit Technik zu erringen sucht. Ein Team, das über viele Mittel verfügt, nur nicht die Brechstange.

Löw hatte für dieses Ziel sämtliche Instrumentarien zur Verfügung. Aber ihm fehlte letztlich der Stürmer, der alles in sich vereint: Technische Fähigkeiten, Schnelligkeit und Torinstinkt. So flexibel und ausgeschlafen Miroslav Klose auch war, so torgefährlich Mario Gomez: Beiden fehlten Elemente zu diesem Gesamtkonstrukt. Mario Götze hätte die Rolle vielleicht ausfüllen können, wenn seine Entwicklung weitergegangen wäre. Aber Götze stagnierte, und als echten Stürmer hat man ihn auch nicht wirklich betrachtet.

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Werner bringt dies alles mit. Er ist schneller als seine Konkurrenten, er kann die Position wechseln, links, rechts, zentral, er ist torgefährlich. In der Bundesliga hat er für RB in zwei Jahren 34 Treffer erzielt. Wenn Gomez sagt, "ihm gehört die Zukunft", wenn Reus sagt, "er kann eine gewaltige Waffe für uns sein", dann widerspricht man besser nicht.

"Mit Anlauf kommen, mit Tempo draufgehen"

Gegen Schweden spielte Werner zunächst in der Spitze, er verknäulte sich, er lief sich fest. Also wurde er in der zweiten Hälfte über die Flügel geschickt, dort wurde er zum gefährlichsten Spieler in dieser Partie. "Es ist diese Flexibilität, unberechenbar zu sein, die den Timo ausmacht", sagt Löws Assistent Marcus Sorg. Werner selbst hat seine Rolle im Schwedenspiel so beschrieben, dass es ihm gegen die abwehrstarken Skandinavier "in der zweiten Hälfte gutgetan hat, mit Anlauf zu kommen, dann konnte ich auch mit Tempo draufgehen".

Aus der Nationalmannschaft ist er derzeit schwer wegzudenken - auch weil er ein Problem losgeworden ist. Noch vor einem Jahr war Werner so eine Art "Hau den Lukas" für die deutschen Fans, wenn sie in Pöbellaune waren. Dann wurde der Ballermann-Hit angestimmt, mit dem Werner in den Kneipen an der Schinkenstraße von Mallorca verspottet, oder besser verunglimpft, wird.

Werner schien der Ungeliebte zu sein: Schnöseliger Jungprofi mit ein paar unglücklichen, vielleicht auch unbedachten Äußerungen, dazu noch bei RB Leipzig, dem Verein, der so vieles in sich vereint, was der Traditionsanhänger am heutigen Fußball ablehnt. Werner und DFB-Team - das schien eine sehr schwierige Beziehung zu sein.

"Noch mal aufgerappelt"

Er spielt immer noch für RB, auch wenn viele Bayernfans ihn gern in München sehen würden. Er ist immer noch ein Jungprofi, der ein recht deutlich artikuliertes Selbstvertrauen ausstrahlt - aber die Dinge und die Zeiten haben sich verändert. Während Mesut Özil und Ilkay Gündogan zuletzt das Missfallen auf sich vereinigten, ist Werner jetzt wohlgelitten. Stimmungen sind witterungsabhängig, und Werner kann schon mit 22 Jahren von sich sagen, dass er das durchgestanden hat.

Als am Sonntag das erlösende Tor gegen die Schweden fiel, als sich in der Nachspielzeit der Schuss von Toni Kroos ins lange Eck senkte, da fiel Timo Werner einfach um. "So ein Spiel habe ich noch nie erlebt, ich konnte einfach nicht mehr, körperlich und vom Kopf her. In die Jubeltraube habe ich es einfach nicht mehr geschafft."

Der Schiedsrichter ging dann zu ihm hin und bat ihn, aufzustehen. Es sei noch eine Minute zu spielen. "Ich hab mich dann noch mal aufgerappelt und bin irgendwie nach hinten gelaufen, um noch ein Gegentor zu verhindern." Aufgestanden, sich aufgerappelt und weitergemacht. Das beschreibt den Weg des jungen Timo Werner in der Nationalmannschaft ganz gut.



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Seite 1
thermo_pyle 25.06.2018
1. Ist dann nicht Löw...
...eine Fehlbesetzung ? Der Stürmer den er nie hatte aber immer wollte wurde doch vom ihn bislang nicht eingesetzt ?! Dabei hatte er ihn doch sozusagen vor der Nase ? Ok, ich bin Fussball-Laie, aber ich stelle mir immer wieder die Frage: Warum besetzt Löw die Nationalelf mit Fußballern, die woanders Top spielen aber in der Nationalelf nichts reissen ? Ich erinnere mich nicht an herausragende Leistungen von z.B. Özil oder auch Müller, zweifelsohne hervorragende Fußballer... aber egal, ist ja alles nur Spiel und Popcorn-Kino ;-)
hinz.und.kunz 25.06.2018
2.
Zitat von thermo_pyle...eine Fehlbesetzung ? Der Stürmer den er nie hatte aber immer wollte wurde doch vom ihn bislang nicht eingesetzt ?! Dabei hatte er ihn doch sozusagen vor der Nase ? Ok, ich bin Fussball-Laie, aber ich stelle mir immer wieder die Frage: Warum besetzt Löw die Nationalelf mit Fußballern, die woanders Top spielen aber in der Nationalelf nichts reissen ? Ich erinnere mich nicht an herausragende Leistungen von z.B. Özil oder auch Müller, zweifelsohne hervorragende Fußballer... aber egal, ist ja alles nur Spiel und Popcorn-Kino ;-)
Immer die gleiche Leier. Lesen Sie doch einfach den Bericht, dann wird's auch einem Fußballlaien klar, was gemeint ist.
widower+2 25.06.2018
3. Der Autor schreibt es doch selbst
Als Werner als Sturmspitze in der Mitte spielte, "verknäuelte" er sich und war weitgehend wirkungslos. Richtig aufgedreht hat er erst, als Gomez in der Spitze spielte und er über Außen kommen konnte. Insofern ist er immer noch nicht die Sturmspitze, die Deutschland braucht. Warum also gegen Südkorea nicht wieder mit Gomez in der Mitte (gerade gegen körperlich unterlegene Südkoreaner als Zielspieler nützlich) und Werner als "Freigeist" im Sturm, der Lücken reißt, in die Gomez und andere hineinstoßen können?
digepu2010 25.06.2018
4. Gündogan und Özil braucht man nicht
....weil Sane auch noch wichtig gewesen wäre und Petersen als Joker nicht so viele Chancen wie Gomez braucht.
nonalino 25.06.2018
5. @thermo_pyle
Nein, es isr nicht nur ein spiel. Es ist ein Milliaedengeschaeft mit mehreren hundertausend jobs weltweit. Steuern die gezahlt werden usw.
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