DFB-Matchwinner Kroos R-E-S-P-E-C-T

Schweinsteiger nicht mehr da, Lahm nicht mehr da - "Führungsspieler" im deutschen Team soll nun Toni Kroos sein. In jener unglaublichen 95. Minute des Schweden-Dramas zeigte er, dass er diese Rolle angenommen hat.

Toni Kroos, Marco Reus
DPA

Toni Kroos, Marco Reus

Aus Sotschi berichtet


Als alles vorbei war, schickte Toni Kroos noch eine Botschaft in die Welt. "Still Alive" twitterte er, ein Bild der jubelnden deutschen Mannschaft zeigend.

Kroos' Kunstschuss in der allerletzten Minute zum 2:1 über die Schweden hatte das DFB-Team bei dieser WM am Leben gehalten. Nachdem Kroos selbst den Hoffnungen des Titelverteidigers zuvor fast den Todesstoß versetzt hätte.


Die spannendsten Szenen des Spiels - hier im Video:

Es war ein dramatisches, teilweise kurioses, ungewöhnliches Länderspiel, diese zweite Partie der WM-Gruppenphase, und das ganze Spiel kann man um Toni Kroos erzählen. Auch davon, wie eng in dieser Sportart Hosianna und Kreuziget zusammenhängen. Und an welch seidenem Faden dieser Unterschied hängt.

In der 33. Minute fabrizierte Toni Kroos einen für seine Verhältnisse ungewöhnlichen Fehlpass, noch in der eigenen Hälfte, Ola Toivonen war am Ende der Szene der Nutznießer, und es stand 0:1. "Das geht klar auf meine Kappe. Das war ein relativ leichter Fehlpass, der mir so nicht passiert. Wenn du 400 Pässe spielst, kommen auch mal zwei nicht an und der eine hat zum Tor geführt", sagt Kroos, und es gehört zu seiner Persönlichkeit, dass auch in der Selbstkritik sein Selbstbewusstsein durchschimmert.

Danach habe es nur zwei mögliche Reaktionen gegeben, sagt er: "Entweder es macht dein Spiel kaputt, oder du versuchst, alles reinzuhauen." Wenn man das Endergebnis kennt, weiß man, für welche Richtung sich Kroos entschieden hat.

Befreiungsschlag in eigener Sache

Dabei war es vor dieser 95. Minute wirklich nicht seine Partie gewesen. Kroos arbeitete sich zwar in der zweiten Hälfte in das Spiel hinein, aber ihm unterlief noch ein weiterer Fehlpass, der fast wieder fatale Folgen gehabt hätte. "Das ist etwas, was ihm wahnsinnig selten passiert", sagt Bundestrainer Joachim Löw und war wohl selbst etwas erstaunt, dass seinem Weltklassespieler so etwas unterlaufen kann.

Aber Spieler dieser Qualität zeichnet eben auch aus, dass sie in der letzten Minute noch einen Geniestreich auf Lager haben. "Wie er den Ball getroffen hat, ist einfach überragend", sagt Teamkollege Marco Reus: "Großen Respekt für ihn, dass er ihn so geschossen hat." Eigentlich wollte Reus selbst den Freistoß schießen, erzählt Kroos später: "Aber das hat mich nicht so überzeugt." Also überlegte man sich eine andere Variante. Der Dortmunder legte ihm den Ball quasi serviergerecht hin, Kroos schlenzte daraufhin ins lange Eck. Und der Rest war Jubel.

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Ein Jubel jedoch der gemischten Gefühle, ein Jubel, der sich den Platz mit Genugtuung teilen musste.

Kroos nutzte die Emotionen des Triumphes zu einem Rundumschlag gegen all jene, welche die Nationalmannschaft nach der Niederlage gegen Mexiko kritisiert hatten. Und damit meinte er vor allem die Journalisten. "Bei mir kommt da ein Gefühl rüber, es macht viel mehr Spaß, schlecht über uns zu schreiben", nahm er die Berichterstatter ins Visier. "Von den Leuten, die uns Körpersprache und andere Dinge absprechen, bekommen wir keine Hilfe", sagte er. Sein Satz: "Viele Leute in Deutschland wünschen uns, dass wir ausscheiden. Aber so einfach machen wir es ihnen nicht", dürfte jetzt schon der nächste Aufreger in der zurzeit an Aufregern nicht armen Debatte um die Mannschaft werden.

Verantwortung ist noch größer geworden

Kroos hatte nach seinem Siegtor Prokura, solche Kritik zu üben. Wenn ihm der Schuss nicht gelungen wäre, hätte man das Nur-Remis gegen die zwar defensivstarken, aber spielerisch auch mittelmäßigen Schweden vor allem an dem Star von Real Madrid festgemacht. Der Siegtreffer hat nicht nur der Mannschaft extrem geholfen, er war auch eine Befreiungsaktion in eigener Sache.

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Deutschland in der Einzelkritik: Müller ist weiter auf der Suche

Kroos hat bei diesem Turnier noch mehr Verantwortung als bei vergangenen Großereignissen. Die Führungsfiguren der Vergangenheit von Lahm über Schweinsteiger bis Klose sind nicht mehr da, die heutigen von Khedira bis Müller schwächeln. Alles schaut auf Kroos. Er soll Struktur und Takt in die Mannschaft bringen, und wenn das nicht funktioniert wie gegen Mexiko oder über weite Strecken auch gegen die Schweden, ist er derjenige, der sich die Watschen abholt.

Egal, wie lange diese deutsche Mannschaft noch im Turnier stehen und bestehen wird: Mit dem Spiel gegen die Schweden hat Kroos die Führungsrolle in die Hand bekommen. Er sagt: "Es wird uns niemand zum Titel schreiben, das muss aus uns selbst kommen. Wir wissen, dass wir viele Fans hinter uns haben, den Rest müssen wir selbst machen." Einen ersten Teil dazu hat er beigetragen.

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DFB-Sieg gegen Schweden: Rudys blutige Nase und ein Last-minute-Traumtor
insgesamt 194 Beiträge
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robinato 24.06.2018
1. Danke Toni!
Fürs Tor und auch für die Worte...
sekundo 24.06.2018
2. Der Untergang
der deutschen Nation wurde in letzter Minute verhindert. Ein Mecklenburger Recke spitzelte das Spielgerät mitten in's Herz der drei Kronen.
gammoncrack 24.06.2018
3. Man muss sich ja nur einmal durch die Foreneinträge
arbeiten um festzustellen, dass Kroos mit seiner Bemerkung Recht hat. Etliche Foristen haben, da weder ein Trainer Löw, noch der Kader, ihren Vorstellungen entsprach, das Vorrundenaus, liest man zwischen den Zeilen, herbeigewünscht. Sie opferten den Wunsch nach einem sportlichen Erfolg dem Wunsch der Bestätigung ihrer Kritik.
multimusicman 24.06.2018
4. Auch ich muss zugeben, dass ich nach dem ersten
Spiel die Mannschaft in der Vorrunde hab scheitern sehen und das auch bestimmt wie viele andere während des Spiels gestern. Wie die Mannschaft aber sich gestern dagegen gestellt hat und auch tollen Fußball gezeigt hat, war großartig und einer dieser spannenden Momente, die es so dann nur im Fußball gibt. Und richtig spannend wird es nur wenn nicht alles rund läuft. Danke dafür!
steveleader 24.06.2018
5. Unsere Mannschaft!...
hat Charakter. Toni hat Recht! Was wir im Vorfeld bereits mit unserer Mannschaft anstellen ist unfair und auch gefährlich. Wir gehen mit diesen jungen Menschen genauso hart ins Gericht wie mit unseren Politikern. Kritik wenn sie konstruktiv ist, kann einen weiterbringen aber in unserem Land wird Kritik langsam zerstörerisch. Wir können einfach nur Stolz sein wie es unsere Mannschaft! geschafft hat,im wahrsten Sinne, mit Blut,Schweiß und Tränen den Karren im letzten Moment aus dem Dreck zu ziehen.
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