TV-Bilanz zur WM-Vorrunde Solide Arbeiter am Ball

Die Hälfte der WM ist vorbei, das DFB-Team ist raus, ARD und ZDF sind weiter im Rennen. Dort scheint die Zeit der Bescheidwisser vor der Kamera vorbei, stattdessen wird unaufgeregt auf der Linie geklärt.

Oliver Welke und Oliver Kahn moderieren im ZDF
imago/ Agentur 54 Grad

Oliver Welke und Oliver Kahn moderieren im ZDF

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Anders als der DFB haben sich ARD und ZDF mühelos für das Achtelfinale der WM qualifiziert. Punktgleich, möchte man meinen. Diese Bilanz fällt leicht, weil sich beide Teams die Bälle zugeschoben haben, ohne Konkurrenz fürchten zu müssen. Keine Spur auch von "Selbstüberschätzung" oder "grober Leichtfertigkeit", wie Gerhard Delling sie in messerscharfer Analyse der deutschen Mannschaft attestierte - nach deren Ausscheiden, versteht sich. Keine Sekunde früher.

Tatsächlich scheint sich 2018 bei den Öffentlich-Rechtlichen ein Kulturwandel vollzogen zu haben. Die Zeit der pensionierten Köche mit den leckereren Rezepten ist vorbei, sie sind auf die Tribüne verwiesen. Lothar Matthäus darf auf dem Boulevard den Bescheidwisser und besseren Bundestrainer spielen, vor der Kamera nicht.

Und Mario Basler kann zwar bei Frank Plasberg Mesut Özil eine Körpersprache "wie ein toter Frosch" attestieren, muss sich dafür danach aber bei Markus Lanz rechtfertigen: "Ich habe meine eigene Meinung, und da lasse ich mich auch nicht von abbringen", denn: "Mich interessieren Argumente nicht." Begründung: "Ist doch schön, wenn du mal einen Satz sagst, und ganz Deutschland regt sich darüber auf!" Ganz so weit weg von einem "Ohne #Özil hätten wir gewonnen!" aus den Reihen der AfD ist das nicht.

Schlimme misogyne Minderheit

Es lässt sich der Stammtisch eben nicht mundtot machen. Er verschafft sich, im Gegenteil, über die sozialen Netzwerke erst so richtig Gehör. So hat Claudia Neumann (ZDF), einzige weibliche Kommentatorin weit und breit, ein beachtliches Maß an Hass auf sich gezogen. Nicht von der Mehrheit, versteht sich.

Statt Claudia Neumann, wie geschehen, wortreich gegen den anonymen Dreck in Schutz zu nehmen, sollten die Verantwortlichen mehr tun, als "mittelfristig" noch mehr Kommentatorinnen aufzubauen. Es ist, bei aller Ehre, doch wirklich keine Hirnchirurgie, ein Fußballspiel parlierend zu begleiten, oder? Gebt Claudia Neumann einfach das Finale. Dann ist Ruhe im Karton.

Palina Rojinski
Getty Images

Palina Rojinski

Zumal die Rolle der Frau in der aktuellen WM-Berichterstattung auch nicht über jede Kritik erhaben ist. Während Katrin Müller-Hohenstein so eng an der Mannschaft platziert ist, dass die morgens Joachim Löw beim Joggen begegnet, moderiert Jessy Wellmer am fernen Tegernsee vor Alpenkulisse und dümpelnden Booten einen herzigen "Fernsehgarten" mit Philipp Lahm. Und dann wäre da noch die stets beunruhigend gut gelaunte Palina Rojinski vor Ort in Russland, die Millennials mit ihrer Instagrammability bei Laune halten darf. Da geht mehr.

Den Programmauftrag der Grundversorgung erfüllen derweil "die Jungs". Aus Baden-Baden melden sich für das ZDF Oliver Welke und Kahn, zusammen mit Experten wie Urs Meier, schön ausgeruht und ausgewogen. Ein junger und noch dazu aktiver Spieler wie Christoph Kramer als Sympathieträger an der Seite von Jochen Breyer, alles anständig. Was sich vor, während und nach einem Spiel so alles sagen lässt - hier wird es gesagt. Und wo die Worte versagen, kommt Johnny Cash mit "Hurt" zum Einsatz. Keine Glanz-, keine Tiefpunkte. Solide Arbeit.

Das gilt auch für die ARD, ebenfalls aus Baden-Baden, wo nach wie vor die Fantastischen Vier mit Clueso und ihrem Hit "Zusammen" um gute Laune bemüht sind. Gut, Steffen Simon glaubte als Kommentator den 1989 verstorbenen polnischen Fußballer Kazimierz Deyna im Publikum erkannt zu haben (die Häme auf Twitter hielt sich in engen Grenzen). Aber Matthias Opdenhövel und Alexander Bommes, die der Kunde aus der "Sportschau" kennt, klären auf der Linie - den Rest erklären Spezialisten wie Thomas Hitzlsperger und Stefan Kuntz, immer um Fairplay bemüht. Unaufgeregtheit bitte keinesfalls mit Langeweile verwechseln!

Matthias Opdenhövel, Thomas Hitzlsperger, Stefan Kuntz und Alexander Bommes
ARD

Matthias Opdenhövel, Thomas Hitzlsperger, Stefan Kuntz und Alexander Bommes

Bewährt hat sich auch das Rahmenprogramm "WM Kwartira" als mediales Abklingbecken für die Emotionen. Bei Routinier Jörg Thadeusz und Pointenschleuder Micky Beisenherz wird alles verwertet, was sich an Chancen zum Witzeln oder fußballnaher Prominenz so finden lässt.

Keine "grobe Leichtfertigkeit", keine "Selbstüberschätzung". Sogar der Nationalstolz köchelte noch vor dem Ausscheiden auf denkbar kleinster Flamme. Mal sehen, ob sich die Öffentlich-Rechtlichen damit fürs Finale qualifizieren.

insgesamt 16 Beiträge
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petersen 30.06.2018
1. Zustimmung
Die Berichterstattung dieses Jahr ist auf jeden Fall besser als z.B. 2014. Unaufgeregter, sachlicher und teils trotzdem mit der nötigen Zotigkeit. Vor allem Kramer und Kuntz fand ich bisher überzeugend. Schön ist auch, dass dieses Jahr weniger Hofberichterstattung gemacht wurde, einzig das ZDF mit KMH fand ich da viel zu nah an der Mannschaft platziert. Wo die ÖR aber dringend Reformen anstoßen müssen, ist mMn bei der Live-Reportage. In praktisch jedem Sport ist es Standard, zwei Kommentatoren zu haben - im US-Sport z.B. meist einen Analysten und einen "Play by play"-Kommentator - so wirkt die Live-Reportage viel lebendiger, als wenn ein Bela Rethy zum 100. Mal Spielernamen mehr oder minder falsch aufsagt. Neumann fand ich mit ihrer nüchternen Art erfrischend, ihr würde ein Sidekick aber ebenfalls guttun.
knumue 30.06.2018
2. Bela, rednix!
Wäre da nicht Bela Rethy mit seinem sinnfreien, knarrenden Dauergeschwätz und seiner geradezu devoten Bayernaffinität ("ein Abstoß, wie ihn nur unser dreifacher Welttorhüter ausführen kann", "Müller, Müller... Müller wäre beinahe an den Ball gekommen"), könnte man die personelle Besetzung beider öffentlich-rechtlicher Anstalten diesmal als sehr gelungen bezeichnen.
hr.schnackermüller 30.06.2018
3. Kaputt gequaSSELT
Da ist mir im Vorfeld der WM, und erst recht vor den Spielen schon die Lust und die Freude am Fußball vergangen. 90 Min. Spiel plus min. 120 Min. Erklärbärchen-Männchen machen war mir echt too much. 2 Min. vor Anpfiff eingeschaltet und nach dem Abpfiff ausgeschaltet. Das konnte ich gerade noch so ertragen. Wie Fußball geht wusste ich schon da war Olli Kahn noch nicht auf der Welt. Glück auf.
M. Vikings 30.06.2018
4. Ich habe dann irgendwann den Ton abgedreht.
Zitat von knumueWäre da nicht Bela Rethy mit seinem sinnfreien, knarrenden Dauergeschwätz und seiner geradezu devoten Bayernaffinität ("ein Abstoß, wie ihn nur unser dreifacher Welttorhüter ausführen kann", "Müller, Müller... Müller wäre beinahe an den Ball gekommen"), könnte man die personelle Besetzung beider öffentlich-rechtlicher Anstalten diesmal als sehr gelungen bezeichnen.
Als sei das Spiel nicht schon schlimm genug gewesen, wird man dann auch noch mit Bela Rethy bestraft. Aber so habe ich jedenfalls erfahren das "Heung-Min Son in Korea weltberühmt ist".
.patou 30.06.2018
5.
Grundsätzliche Zustimmung, aber ich bin trotzdem jedes Mal froh, wenn die ARD überträgt. Ich komme mit der entspannten Wurstigkeit von Opdenhövel und Bommes sowie der nüchternen Sachlichkeit von Hitzlsperger einfach besser zurecht als mit dem bräsig-selbstverliebten Kahn. Kramer ist allerdings deutlich erträglicher als ich aufgrund diverser früherer Nach-Spiel-Interviews befürchtet hatte. Ich hoffe sehr, dass die völlig überflüssigen Gespräche mit dem langweiligen Lahm jetzt nicht zur Gewohnheit werden. Erstaunlich, dass diejenigen, die sich immer über Claudia Neumanns Stimmlage echauffieren, nicht das nölige Quäken von Lahm kritisieren. Man stelle sich vor, der Mann würde ein ganzes Spiel kommentieren. Und ja, bitte das Finale von Claudia Neumann kommentieren lassen *evil grin*. Zu dem Vorschlag des ersten Foristen bzgl. des Co-Kommentators: Ich erinnere mich an die vorletzte WM, als Klinsmann gelegentlich mit in der Kommentatoren-Kabine saß und etwa alle 20 Minuten einen Satz von sich gab. Co-Kommentatoren machen ein Spiel nicht immer lebendiger. :-)
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