Uruguays Sieg gegen Ägypten Flanke, Kopfball, drin

Uruguay gilt bei der WM wegen seiner Offensive als Geheimfavorit. Beim Sieg gegen Ägypten musste allerdings ein Tor nach einer Standardsituation her. Der Trainer deutet das als Zeichen der Vielseitigkeit.

Uruguay-Spieler Cavani (l.), Torschütze Giménez
AFP

Uruguay-Spieler Cavani (l.), Torschütze Giménez

Aus Jekaterinburg berichtet


In den letzten Minuten dieser wenig denkwürdigen WM-Partie in Jekaterinburg sah es fast so aus, als hätte Uruguays Nationalmannschaft Angst. Angst davor, dass ihr die Zeit weglaufen würde.

Über weite Strecken hatte sich die Mannschaft gegen Ägypten schwer getan und kaum gefährliche Aktionen auf den Rasen gebracht. Im Gegenteil. Es sprang sogar eine Szene fürs Kuriositätenkabinett heraus. Mitte der zweiten Hälfte schoss Angreifer Edinson Cavani von Paris Saint-Germain aus guter Position seinem Kollegen Martin Caceres an die Hand. Freistoß für Ägypten.

Es sah so aus, als würde die Begegnung mit einem torlosen Remis zu Ende gehen. Das wäre für die Ägypter ohne ihren noch im Zustand der Schonung befindlichen Nationalhelden Mohamed Salah in Ordnung gewesen. Aber für Uruguay, einen der Geheimfavoriten dieses Turniers, zu wenig.

Ein Tor vom Reißbrett

In den letzten Minuten spielte die Mannschaft von Trainer Óscar Tabárez deshalb gegen die Zeit. Sie kam zu mehreren Großchancen und belohnte sich gerade noch rechtzeitig. Erst scheiterte Cavani per Direkt-Abnahme am blendend reagierenden ägyptischen Torwart Mohamed El-Shenawy, dann klatschte sein Freistoß an den Pfosten. Kurz vor Ende der regulären Spieldauer traf der aufgerückte Verteidiger José Giménez von Atlético Madrid nach einer Freistoßflanke per Kopf und brachte seiner Mannschaft damit den 1:0-Sieg.

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Ägypten vs. Urugay: Wenig los ohne Salah

Dass viele Fachleute den Uruguayern eine gute Rolle beim Weltturnier in Russland zutrauen und bei vielen Fans des Teams die Überzeugung vorherrscht, dass der Einzug ins Halbfinale absolut machbar sei, hat vor allem mit dem hochkarätigen Offensivduo Cavani und Luis Suárez (FC Barcelona) zu tun. Doch die beiden brachten gegen Ägypten nur selten ihre individuelle Klasse zur Entfaltung. Stattdessen musste ein Tor vom Reißbrett her. Flanke, Kopfball, drin.

Man kann das einfallslos finden. Oder eben als Zeichen der Stärke sehen. Und es ist wenig überraschend, dass sich die Delegation aus Südamerika für diese Deutung entschied. "Unser Spieler springt höher als der Gegner. Das hat mit Einsatz und Training zu tun. Manchmal landet der Ball dann im Netz. Die Wege, ein Tor zu erzielen, sind unbegrenzt", sagte Trainer Tabárez.

Viele Plätze blieben leer

Und Giménez, der Mann des Tages, berichtete, dass auch die Abwehrspieler ausdrücklich zum Toreschießen eingeladen sind, wenn es die Situation hergibt. "Der Trainer hat gesagt, dass wir uns alle einbringen müssen. Natürlich habe ich bei dem Freistoß auch ein bisschen Glück gehabt", sagte er. Hinten ließ Giménez übrigens genau so wenig anbrennen wie sein Atlético-Kollege Diego Godín.

Der Sieg der Uruguayer war nicht schön. Die Partie passte sich über weite Strecken dem gedämpften Ambiente an. Neben dem Rot, Weiß und Schwarz der Fans aus Ägypten und dem Blau-Weiß der Uruguayer dominierte auf den Rängen eine weitere Farbe, nämlich das Orange leerer Sitzschalen. Erstaunlich viele Plätze des Stadions in Jekaterinburg waren leer geblieben. Weil die lautesten Fans auf den provisorischen und irgendwie furchterregenden Stahlrohr-Tribünen außerhalb des eigentlichen Stadion-Runds untergebracht waren, verlor sich die Stimmung.

Am Ende werden der Rahmen der Partie und das Zustandekommen des Siegs aus Sicht der Uruguayer allerdings vergessen sein. Trainer Tabárez wählte eine drastische Formulierung, um die Geschehnisse zusammenzufassen. "We either die or we kill", ließ er die Dolmetscherin ausrichten und dürfte damit gemeint haben, dass es im Fußball kein Dazwischen gibt. Es gibt nur Gewinnen und Verlieren. Und in diesem Fall haben die Uruguayer eben gewonnen.

Der Trainer glaubt, dass der schwer erkämpfte Erfolg seiner Mannschaft helfen wird. Nicht nur wegen der drei Punkte, sondern auch psychologisch. "Wir werden an der Erfahrung wachsen", sagte er. Dank des späten Treffers von Giménez ist die Lage für Uruguay schon ziemlich gut. Im nächsten Spiel trifft das Team am Mittwoch in Rostow am Don auf Saudi-Arabien, das nach der 0:5-Klatsche gegen Russland zum Auftakt als schwächstes Team der Gruppe gelten muss.

In dieser Partie könnten dann auch die Angreifer Cavani und Suárez ihre Blockade lösen.



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