Streitpunkt Ballbesitzfußball Wo ein Ende ist, muss auch ein Anfang sein

Deutschland und Spanien sind bei der WM frühzeitig ausgeschieden. Weil sie Ballbesitzfußball gespielt haben, ist die allgemeine Meinung. Dabei braucht die Spielidee nur ein paar neue Elemente.

Mats Hummels, Mario Gomez
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Mats Hummels, Mario Gomez

Aus Sankt Petersburg berichtet


Sergio Ramos ist ein Mann fürs Grobe. Der Abwehrspieler überschreitet in Zweikämpfen schon mal die Grenzen der Fairness. Sein Siegeswille ist gewaltig, Ramos kann sehr einschüchternd wirken. Wenn er für Spanien spielt, ist aber auch seine filigrane Seite gefragt. Im WM-Achtelfinale gegen Russland spielte Ramos 184 der insgesamt 1114 spanischen Pässe. 125 davon in der gegnerischen Hälfte, kein Wunder, die Sbornaja machte irgendwann keine Anstalten mehr, ein Tor zu erzielen.

Was im WM-K.o. für Spanien endete, wirkte über weite Strecken wie eine Wiederholung des Gruppenspiels zwischen Deutschland und Südkorea. Endlose Passstafetten ohne Raumgewinn, in der Hoffnung auf Ermüdungserscheinungen beim Gegner - oder als würden die Spieler eine alte Bolzplatzregel umschreiben wollen: 500-Pässe-ein-Elfer statt Drei-Ecken-ein-Elfer. Ballbesitzfußball heißt das Zauberwort, von Josep Guardiola perfektioniert und deshalb oft auch etwas abschätzig Tiki-Taka genannt.

Spätestens mit dieser WM soll diese Taktik nun gestorben sein. Ballbesitzfußball? Nein, damit könne keine Mannschaft mehr Erfolg haben.

Diese Rechnung kann nicht aufgehen, denn auch in Zukunft wird es Favoriten und Außenseiter geben, werden defensive auf offensive Spielideen treffen. Es wird weiter Teams geben, die den Ball mehr in ihren Reihen haben, schon allein, weil es das andere Team nicht will. Wichtig ist für Spanien und Deutschland, oder im Klubfußball für Barcelona und den FC Bayern, wie dieser eindimensionalen Taktik neue Elemente hinzugefügt werden:

Tempowechsel

Wer die zweite Hälfte des Spiels der deutschen Mannschaft gegen Südkorea gesehen hat, wird sich diese Frage womöglich schon gestellt haben: Warum reagierte das DFB-Team gegen den mutiger werdenden Gegner nicht und erhöhte bei Ballgewinnen das Tempo? Weil die Überzeugung, mit dem ursprünglichen Plan erfolgreich sein zu können, betriebsblind gemacht hat.

Es gab, anders als bei Spaniens Aus gegen Russland, genügend Chancen, mit schnellem Umschaltspiel für Unruhe im Defensivverbund der Südkoreaner zu sorgen. Doch es wurde wieder zuerst quer- oder zurückgepasst, um Plan A nicht untreu zu werden. Ballbesitzmannschaften müssen, so wie es Belgien aktuell schon vormacht, schnelle Gegenbewegungen nach Ballverlusten des Gegners mehr in den Vordergrund stellen. Konter ist kein Schimpfwort.

Taktische Flexibilität

Daran anknüpfend ist für Mannschaften, die auf Ballbesitz setzen (müssen), größere Unabhängigkeit von der bevorzugten Spielidee elementar. Rhythmuswechsel, die Bereitschaft, sich auch mal zurückzuziehen, hohes Pressing abgelöst von Mittelfeld-Pressing, verschiedene Spielsysteme - all das gehört in Zukunft ins Repertoire von dominanten Mannschaften.

Höhere Bedeutung für Dribblings

Der SPIEGEL schrieb es schon vor dem Turnier: Nationalmannschaften haben es aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit schwer, komplette Spielzüge einzustudieren, die kompakte Defensivreihen auseinanderreißen können. Deshalb werden individuelle Fähigkeiten von Spielern wieder bedeutender. Das kann sich in einem Weitschuss wie von Luka Modric gegen Argentinien abbilden, wichtiger wird aber in Zukunft das Dribbling sein.

Denn wer in Eins-gegen-eins-Situationen seinen Gegenspieler ausspielen kann, schafft Räume und Lücken. Deshalb gewann Deutschland gegen Schweden, weil Timo Werner als linker Flügelspieler beide Tore mit gewonnenen Dribblings vorbereitete. Werner ist gar kein klassischer Dribbler, und mit Leroy Sané wurde der derzeit beste Spieler in dieser Kategorie gar nicht nominiert, aber daraus muss beim DFB eine dieser nach dem Aus angekündigten Veränderungen entstehen: In der Ausbildung von Jugendspielern sollten Dribblings und individuelle technische Fähigkeiten mehr Bedeutung bekommen.

Standardsituationen

Es ist schon häufiger geschrieben worden: Die WM in Russland ist das Turnier der Ecken, Freistöße und Elfmeter. So kommen Außenseiter leicht zu Toren, aber auch Ballbesitzmannschaften müssen dieser leicht zu trainierenden Spielform mehr Bedeutung beimessen. Egal ob kurz ausgeführt, eine bestimmte Passfolge zur Vorbereitung der Flanke oder flache Hereingaben - es braucht nur Ideen und einen Trainer, der das üben lässt.

Denn wer durch ein Standardtor in Führung geht, hat es auch als vermeintlich bessere Mannschaft danach leichter. Sei es durch einen aufmachenden Gegner oder weil man sich durch taktische Anpassungen selbst etwas zurückzieht und versucht, den eigenen Ballbesitz zu reduzieren.

Dann muss auch Sergio Ramos keine 184 Pässe spielen.



insgesamt 90 Beiträge
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!!!Fovea!!! 05.07.2018
1. Ballbesitzt muss
nicht schlecht sein, wenn man den Ball hat, hat ihn der Gegner nicht. Wenn aber Ballbesitzt ideenlos ist und man dadurch kein Tor schießt, bringt einem der beste Besitzfußball nichts. Also, ein richtiger Stürmer (kein Chancentod) muss her oder Distanzschießer, wie Bonhof, Schneider, die mal aus 30 m einen hineinzimmern. "Die Mannschaft" hat weder einen Stürmer noch einen, der mal richtig von hinten abzieht.
krismopompas 05.07.2018
2. 11 Athleten
Im Prinzip eine gute Analyse. Ein Punkt scheint mir allerdings nicht beachtet. Bei vielen Spielen dieser WM dachte man, es werde Hallenhandball gespielt. Zehn Man im eigenen Strafraum und zehn andere rennen dagegen an. Ich denke, heute können auch spielerisch schwächere Mannschaften mit einer gnadenlos defensiven Ausrichtung gegen Favoriten gewinnen, weil die Spieler auf einem athletischen Niveau sind, dass Ihnen jederzeit schnelle Konter ermöglicht. Mit Katsche Schwarzenbeck oder Rolf Rüssmann ( Gott hab ihn selig) hätte man ein schnelles Konterspiel, wie es die Mexikaner z.B. gezeigt haben, nicht aufziehen können. Heute stehen elf Mann auf dem Platz, die alle die 100 Meter in mindestens 11,5 Sekunden laufen. Das bedeutet, der reine Ballbesitz Fußball rennt zum einen gegen eine Mauer und birgt zum anderen ein immenses Risiko in Konter zu laufen
Mareius 05.07.2018
3.
Wir hatten doch einen Spieler der von hinten abgezogen hat und 2 Lattentreffer hatte. Der dürfte nur leider nicht signifikant ran. Ich bleibe dabei: das Personal war zu satt. Es war keine Systemfrage.
road_warrior 05.07.2018
4. Gut analysiert
Nur schade, dass die Verantwortlichen beim DFB (Herr Löw und sein Team) das nicht mal während der WM erkannt haben. Sane wurde nach Hause geschickt, Brandt, der ebenfalls sehr schnell ist, durfte nur ein paar Minuten ran. Dafür aber der erstmal-das-Spiel-beruhigen-Sami-Khedira in zwei Spielen. Deutschland hat genügend solcher Spieler, nur erfordert das auch, dass der Trainer überhaupt solch modernen Fussball alla Nagelsmann einstudieren lässt und die passenden Spieler mitnimmt.
rwt69 05.07.2018
5. Gegenargument
Spanien lag 1-0 vorne und es hat doch nicht gereicht. Also doch anders als im Artikel beschrieben.
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