Frankreichs N'Golo Kanté Der Abräumer, der nie grätscht

Vor vier Jahren spielte er noch in der zweiten Liga. Doch jetzt ist Mittelfeldspieler N'Golo Kanté für Frankreichs Nationalteam unverzichtbar. Kaum jemand verteidigt so schlau wie er.

N'Golo Kanté (rechts) behauptet den Ball gegen Lionel Messi
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N'Golo Kanté (rechts) behauptet den Ball gegen Lionel Messi

Aus Sankt Petersburg berichtet


Es gibt da diesen Spruch, der besagt, dass zwei Drittel der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt sind. Den Rest deckt N'Golo Kanté.

Der Spruch zeigt wunderbar auf, welchen Einfluss Kanté auf ein Fußballspiel hat. Sein Mitspieler beim FC Chelsea, Eden Hazard, sagte über ihn, er denke manchmal, es gebe zwei Kanté auf dem Rasen, einen auf der linken Seite, einen auf der rechten. N'Golo und sein Zwilling.

Gleichzeitig tut der Spruch mit der Erdoberfläche Kanté Unrecht. Der französische Mittelfeldspieler ist mehr als ein Kilometerfresser und Lückenstopfer. Er ist einer der spielintelligentesten Profis bei dieser WM. Und einer der Hauptgründe dafür, dass Frankreich am Abend gegen Belgien um die Finalteilnahme spielt (20 Uhr; TV: ARD; Liveticker SPIEGEL ONLINE).

N'Golo Kanté
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N'Golo Kanté

Die 20. Minute im Viertelfinale gegen Uruguay verdeutlicht, was Kanté ausmacht. Frankreichs Rechtsverteidiger Benjamin Pavard schlägt den Ball hoch nach vorne, ein Verlegenheitspass. Der Ball ist etwa zwei Sekunden lang unterwegs. Während dieser zwei Sekunden geschieht kaum etwas, fast alle Feldspieler schauen dem Ball hinterher, kaum einer ist in Bewegung, nur Uruguays Lucas Torreira, der zum Kopfball hochsteigen wird. Und Kanté. Der sieht nur kurz auf den Ball, dann sprintet er los.

Kanté rennt in Richtung Mittelkreis, scheinbar willkürlich. Dort stehen zwei Uruguayer frei. Und tatsächlich, Torreiras Kopfball landet bei ihnen. Nein, er hätte bei ihnen landen sollen, doch da ist nun Kanté, der den Ball abfängt. Sein verblüffendes Tempo, speziell auf den ersten Metern, lässt ihn immer plötzlich dort auftauchen, wo es heiß wird. Und man fragt sich dann: Stand Kanté nicht eben noch woanders?

Das wirkt manchmal wie Glücksspiel: Wenn Kanté sehr früh einen Raum anläuft, bleibt schließlich ein anderer offen. Was, wenn der Gegner dorthin spielt und nicht in den von Kanté erwarteten? Eine Gefahr - aber irgendwie geschieht das nie. Es ist, als könne Kanté ins Innere seines Gegenübers schauen. Er könne ein Spiel lesen, heißt es dann oft über solche Fußballer. Wer verstehen möchte, was sich hinter diesem Spruch verbirgt, sollte Kanté studieren.

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Dabei ist Kanté noch nicht lange im Spitzenfußball angekommen. Als manch Mitspieler aus der Équipe vor vier Jahren bei der WM in Brasilien spielte, kickte er noch in Frankreichs zweiter Liga. 2015 folgte der Wechsel in die Premier League zu Leicester, wo Kanté zum Schlüsselspieler im Meisterjahr wurde. Er wechselte zu Chelsea, wieder wurde er auf Anhieb Stammspieler - und Meister.

Auch die Art, wie er Bälle im Zweikampf erobert, hebt ihn von den meisten anderen Sechsern ab. Kanté ist ja kein Eisenfuß, kein Abräumer alter Schule, der Bälle weggrätscht und seine Gegner gleich mit. Eigentlich grätscht Kanté sogar nie. Es geht bei ihm immer um Geschick, Timing und den Überraschungseffekt.

Dribbelt ein Gegner aufs französische Tor zu, nimmt Kanté die Verfolgung auf. Das Besondere ist, dass Kanté die Balleroberung meist aus dem toten Winkel heraus probiert. Als würde er die Körperstellung des Ballführenden studieren und dann über die Seite attackieren, die dieser nicht im Blick hat. Das hat etwas von Heimtücke, Kanté schleicht sich heran, nur eben in einem Tempo, von dem andere Fußballer träumen. Der schnellste Schleicher der Welt. Dann stellt er kurz den Fuß raus, Ballgewinn, weiter geht's.

Kanté ist allerdings nicht der reine Zerstörer, auf den er oft reduziert wird. Sein Passspiel ist sauber, seine Bälle landen auch nicht bloß beim ein paar Meter weiter stehenden Nebenmann; Kanté versucht sich oft an Pässen durch die Verteidigungsreihen des Gegners. Allerdings steht er während des Spielaufbaus nicht immer richtig, manchmal zu tief, dann versäumt er es, durch kurze Wege zur Seite, die den Gegner mitziehen, Passwege nach vorne zu öffnen. Das ist allerdings Kritik auf höchstem Niveau.

Deschamps fehlt der Plan fürs Ballbesitzspiel

Mit der ganz hohen Schule des Spielaufbaus haben es die Franzosen aber ohnehin nicht so. Frankreichs Coach Didier Deschamps stehen zwar so viele brillante Offensivspieler zur Verfügung wie kaum einem anderen Nationaltrainer weltweit; dennoch lässt er ziemlich defensiv spielen. An wirklich offensiv ausgerichteten Spielern fanden sich zuletzt noch drei in der französischen Startelf: Antoine Griezmann, Olivier Giroud und Kylian Mbappé.

Das mutet ein wenig paradox an, zumal Kanté für zwei verteidigt. Da wäre eigentlich noch Platz für einen weiteren Kreativspieler. Deschamps aber setzt auf Balleroberungen und Konteraktionen, vielleicht auch deshalb, weil ihm als Trainer ein Plan fürs Ballbesitzspiel fehlt.

Gegen Belgien muss das aber kein Problem sein. Die Belgier hatten in bislang jeder WM-Partie mehr Ballbesitz als der Gegner, mit Ausnahme des spektakulären 2:1 gegen Brasilien im Viertelfinale. Für Frankreich dürfte daher nicht die Frage sein, ob man die belgische Defensive auseinanderspielen kann. Sondern ob die eigene Abwehr hält und die Konter gelingen. Ein Spiel, wie gemacht für Kanté.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
noalk 10.07.2018
1. Kein Plan für Ballbesitzspiel?
Wozu auch. Ballbesitzspiel bedeutet aktives Defensivspiel. Folge: Siehe deutsche Nationalmannschaft. Dazu: "An wirklich offensiv ausgerichteten Spielern fanden sich zuletzt noch drei in der französischen Startelf: Antoine Griezmann, Olivier Giroud und Kylian Mbappé." Immerhin 3 mehr als bei den Deutschen. Folge: Halbfinale.
ColonelCurt 10.07.2018
2. Genialer Spieler
Kanté erinnert etwas an Marius Tresor, den, noch vor Franz Beckenbauer, besten Libero aller Zeiten.
Bueckstueck 10.07.2018
3. Grätscht nie?
Im letzten Spiel hat er wundervoll und erfolgreich in höchster Not gegrätscht. Wäre fatal wenn er das nicht könnte...
hmmmm4711 13.07.2018
4. Der Trainer
Hat die Mannschaft gut eingestellt! Hier zu behaupten das der WM Finalteilnehmer wegen dem Trainer nicht optimal eingestellt ist, ist eine Frechheit! Wenn es als schreiberling nicht mehr reicht, dann würde ich mich bei Herrn Löw bewerben...... der ist auch fern ab der Realität
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