Taktik bei der WM Was die Weltmeisterschaft von der Weltspitze trennt

Klopp'sches Pressing, Guardiolas Positionsspiel: Viele der besten Klubmannschaften zeichnen sich durch prägnante Merkmale aus. Was ist davon bei der WM zu sehen - und was fehlt?

Paul Pogba (links) im Duell gegen Belgiens Marouane Fellaini
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Paul Pogba (links) im Duell gegen Belgiens Marouane Fellaini

Von , Moskau


Nirgends ist der Fußball so hochklassig wie in den K.-o.-Runden der Champions League, heißt es. Wer gesehen hat, wie der FC Liverpool in diesen Spielen gegen den Ball arbeitete oder der FC Bayern sich Chancen erspielte, wird kaum widersprechen. Taktiktrends werden im Klubfußball entwickelt, dort, wo Trainer täglich mit ihren Teams arbeiten. Bei Nationalmannschaften kommen sie erst später an. Pressing, Positionsspiel, Gegneranpassungen - was davon gab es bei dieser WM zu sehen? Ein Überblick.

Den Gegner jagen und lenken

Woher kennt man es?

Wer mal ein Spiel einer von Jürgen Klopp trainierten Mannschaft gesehen hat, ahnt, worum es geht. Auch Pep Guardiola lässt seine Spieler den Gegner jagen, es fällt nur nicht so auf, weil seine Teams anschließend viel länger den Ball halten.

Während Guardiola auf frühes Angriffspressing setzt, also das Anlaufen des gegnerischen Spielaufbaus schon tief in dessen Hälfte, greifen Klopp-Teams meist etwas tiefer an. Sie verstehen es hervorragend, bestimmte Zonen zu versperren und zugleich bewusst andere bewusst freizulassen. Gepaart mit dem richtigen Anlaufverhalten werden Gegenspieler gezielt in Räume gelenkt. Dann folgt die Balleroberung.

Pep Guardiola (rechts) und im Hintergrund Jürgen Klopp
REUTERS

Pep Guardiola (rechts) und im Hintergrund Jürgen Klopp

Und bei der WM?

Beim FC Liverpool benötigte Klopp wenige Monate, um das Team erfolgreich pressen zu lassen. "Wenige Monate" - diese Zeit hat nicht jeder WM-Teilnehmer. Mannschaften aber, die seit Jahren mit demselben Trainer arbeiten, hätten dieses Element einstudieren können. Taten aber nur die wenigsten. Die meisten Teams verteidigten zwar gut organisiert, mit kurzen Abständen unter den Spielern und ohne Stürmer, die nicht mit nach hinten arbeiten. Meist wurden gegnerische Spieler aber nur gedeckt, nicht gelenkt. Und hohes Pressing war die Ausnahme.

Das Positionsspiel

Woher kennt man es?

Das Positionsspiel stammt aus der niederländischen Schule, wurde in den vergangenen Jahren aber vor allem mit Spaniens Fußball, insbesondere dem FC Barcelona verbunden. Aus der Bundesliga kennt man es vom FC Bayern. Manchester City wurde mit dieser Spielweise jüngst englischer Meister.

Das Positionsspiel soll das Chaos im Ballbesitz systematisieren. Einer Mannschaft werden Zonen zugewiesen, die je nach Spielsituation besetzt sein müssen. Der Sinn: Der Vorteil freier Bewegungen auf dem Platz (nämlich, Verwirrung beim Gegner zu stiften) soll beibehalten werden, ohne die Nachteile zu übernehmen, nämlich, dass eigene Positionen unbesetzt bleiben und der Spielfluss ins Stocken gerät (und schlimmstenfalls der Ball verloren geht). Im Erfolgsfall wirkt die Mannschaft organisch, alles ist im Fluss - und verdammt schwer zu verteidigen.

Andrés Iniesta im letzten Spiel für Spanien
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Andrés Iniesta im letzten Spiel für Spanien

Und bei der WM?

Positionsspiel klingt kompliziert. Ist es auch. Daher ist es verständlich, dass nur einige Nationalmannschaften darauf bauen. Wer aber zwangsläufig auf hohe Ballbesitzanteile kommt, weil sich seine Gegner hinten reinstellen, hat mit diesem Mittel gute Chancen, Ballbesitz in Siege zu verwandeln.

Spanien und Deutschland versuchten sich daran, in zarten Ansätzen etwa auch England. Top-Niveau erreichte keines dieser Teams. Die Engländer kamen bei Ballbesitz nicht über ihre Ansätze hinaus. Bei Spanien verabschiedeten sich zu viele Spieler aus ihren Positionen, weil sie sich den Ball aus der eigenen Defensive abholen wollten. Beim DFB-Team waren es einzelne Spieler, die ihre Aufgaben nicht erfüllten - und schon zerbröselte das ganze System.

Gegneranpassungen

Woher kennt man sie?

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als Guardiola Bayern-Trainer war und wir Zuschauer bis zum Anpfiff darüber im Unklaren blieben, wie die Mannschaft spielen würde? Formation, Spielerrollen, das änderte sich wöchentlich. Grundlage für die Anpassungen war das Scouting. Tendiert der gegnerische Innenverteidiger dazu, seine Position zu halten oder rückt er heraus? Solche Überlegungen bestimmten die eigene Taktik mit.

Mexiko jubelt im Vorrundenspiel gegen Deutschland
DPA

Mexiko jubelt im Vorrundenspiel gegen Deutschland

Und bei der WM?

Kurz nach Turnierbeginn sprach Mexikos Trainer Juan Carlos Osorio einen der Sätze dieser WM, als er sagte, er und sein Team hätten bereits vor einem halben Jahr ihren Plan fürs Spiel gegen Deutschland ausgetüftelt. Mexiko gewann 1:0, das DFB-Team schied wenige Tage später aus.

Es gab bei der WM viele Beispiele für gelungene Anpassungen an die Spielweise des Gegners. Wie Mexiko hatte sich auch Belgien einen klugen Plan zurechtgelegt, um im Viertelfinale gegen Brasilien nach Balleroberungen Konter durch die gegnerischen Formationslücken zu fahren. Russland veränderte seine Pressinghöhe je nach Gegner und war insbesondere gegen Spanien gut eingestellt. Demgegenüber stehen aber auch Mannschaften, die sich vor allem auf einige einstudierte Mechanismen verließen. Wie zum Beispiel England.

Lesen Sie hier eine Analyse zu Frankreichs Defensive

Gegenpressing

Woher kennt man es?

Die Geschichte des Fußballs ist voll von Trainern, die mit ihren Ideen das Spiel veränderten. Valery Lobanovsky und später Arrigo Sacchi gelten zum Beispiel als Erfinder und Perfektionierer der Raumdeckung, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren die Art prägten, wie Mannschaften verteidigen. Mittlerweile sei im Fußball alles erfunden worden, was es zu erfinden gebe, heißt es.

Die letzte strukturelle Neuerung wird Guardiola zugeschrieben: das Gegenpressing. Sein FC Barcelona gilt zumindest als jene Mannschaft, die vor zehn Jahren als erste konsequent und auf hohem Niveau Gegenpressing praktizierte. Das heißt, dass nach Ballverlusten nicht der Weg zum eigenen Tor gesucht wurde, sondern der nach vorne: zum Gegenspieler. Der Sinn: Konterunterbindung durch sofortiges Pressing.

Und bei der WM?

Während vor vier Jahren, bei der WM in Brasilien, längst nicht alle Teams koordiniert ins Gegenpressing gingen, gab es diesmal kaum eine Mannschaft, die darauf verzichtete. Auf besonders hohem Niveau praktizieren das die vier Halbfinalisten. Gegenpressing dürften also auch am Abend das Endspiel zwischen Frankreich und Kroatien (17 Uhr; Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF;) mitbestimmen.



insgesamt 7 Beiträge
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deppjones 15.07.2018
1. Variabilität
Ich verstehe es immer noch nicht, dass, was in mehr oder weniger allen anderen Mannschaftssportarten normal ist, ein System im Fußball nicht mehrfach während des Spiels umgestellt werden kann. Nicht mal bei den hochklassig spielenden CL-Mannschaften. Ich glaube damit würde es möglich sein, Spieler auch in den Nationalmannschaften daran zu gewöhnen, für sie neue Spielsysteme leichter zu beherrschen.
eisenfuss66 15.07.2018
2. Trainer fehlen
Eine gute Analyse, der ich zum großen Teil zustimme. Gleichzeitig bietet sie aber auch eine Erklärung, weshalb die deutsche Nationalmannschaft so jämmerlich gescheitert ist. Während vor vier Jahren viele Spieler durch Spitzentrainer wie Guardiola, Klopp bzw. Tuchel trainiert wurden und entsprechend vorbereitet zur Nationalmannschaft stießen, fehlte in der letzten Zeit ein überdurchschnittlicher Trainer.
Rio Sonnenschein 15.07.2018
3.
Ein interessanter, niveauvoller Artikel, von denen ich mir mehr wünschen würde. Aspekte der Fußballtheorie werden viel zu selten beleuchtet. Meist herrscht nur das übliche "Die Spieler in der Einzelwertung" vor. Das sind Artikel, die die Menschheit nicht braucht. Eine Mannschaft ist eben nicht die Summer ihrer Einzelkämpfer. Elf Freunde sollt ihr sein!
Rio Sonnenschein 15.07.2018
4.
Eigentlich ist das Konzept einer WM mit Spielern, die den Paß teilen, auch etwas merkwürdig. Ein Landestrainer hat da die Auswahl der Besten eines Landes, die aber kaum oder nicht aufeinander eingespielt sind. Vielleicht wäre es tatsächlich ehrlicher, Klubmannschaften auch weltweit gegeneinander antreten zu lassen. Nur der fragwürdige Charme des Nationalismus ginge dann verloren. Aber was soll ich sagen, so ganz frei von Lokalpatriotismus bin ich auch nicht. Wenn Altona gegen St. Pauli spielt, dann bin ich natürlich für Altona. Da spielen Leute, die in den jeweiligen Vierteln aufgewachsen sind, unabhängig vom Paß, und keine professionellen Söldner. Wer guten, spannenden Sport sehen will, sollte vielleicht mal die Glotze auslassen und einen kleinen, lokalen Verein fördern. Da bekommt man nicht immer den erlesensten Sport geboten, wahrlich nicht, aber Schnittchen und Bier und jede Menge Spannung und fairen Sportsgeist!
Bueckstueck 15.07.2018
5. @deppjones
Denk mal drüber nach wie viele Pausen es in einem Fussballspiel gibt, dann verstehst du es. Und nein, der Trainer kann es nicht mal eben einem Spieler einflüstern und der läuft dann alle an und erklärt es ihnen - weil der Gegner keine Pause einlegt. Dieser und andere Faktoren lassen deinen Vergleich, welche Sportarten du auch immer im Sinn hast, unrealistisch erscheinen.
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