WM in der Was-wäre-wenn-Version Hätte Hummels nicht das 1:0 erzielt

Was wäre, wenn... der DFB-Elf doch noch ein Sieg gegen Südkorea gelungen wäre? Die Fußball-WM aus deutscher Sicht kein Fiasko geworden wäre? Christian Helms hat es sich ausgemalt.

Mats Hummels' Kopfball
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Mats Hummels' Kopfball


Man mag sich nur für einen kurzen Moment vorstellen, Mats Hummels hätte den Ball nicht richtig erwischt. Hätte er die perfekte Flanke von Mesut Özil ungelenk mit der Schulter getroffen, und der späte Siegtreffer gegen Südkorea wäre nicht mehr gefallen. Keine flaschengrüne DFB-Jubeltraube in der 87. Minute. Stattdessen: Schweden weiter, Mexiko weiter - und der amtierende Weltmeister draußen. Nach der Vorrunde.

Das Hummels-Tor gegen Südkorea, es war in der Rückschau mindestens so sehr Erweckungserlebnis für diese Mannschaft wie der Kroos-Freistoß gegen Schweden. Alles, was nach Hummels' kraftvollem 1:0 kam, hätte sich ohne dieses Tor überhaupt nicht mehr ereignet. Nicht der überraschend souveräne Achtelfinalerfolg gegen Brasilien, inklusive des kühnen Ilkay-Gündogan-Hebers kurz nach der Pause. Auch nicht die Nahaufnahme des entsetzten Schlussmanns Alisson, mit der am Folgetag fast alle brasilianischen Zeitungen aufmachten.

Emmerich, Seeler, Özil

Das monumentale Comeback in der Verlängerung des Viertelfinales gegen Belgien ist in den vergangenen Tagen oft genug beschrieben worden, der zweite Özil-Treffer wird eines Tages in einer Reihe mit Lothar Emmerichs Wundertor gegen Spanien (1966) oder Uwe Seelers Hinterkopf-Einlage gegen England (1970) genannt werden.

Dann das Halbfinal-Aus gegen starke Franzosen. Kein fünfter Stern auf dem DFB-Trikot. Aber: Was willst du machen gegen Kylian Mbappé? Egal, wieder einmal hat eine deutsche WM-Delegation allen Widrigkeiten getrotzt, ist nach der etwas kribbeligen Vorrunde zu einem echten Team #zsmmngewachsen. Elf Freunde müsst ihr sein, reloaded. Es war nicht alles schlecht, wie so oft.

Hätte also Hummels den Ball im Südkorea-Spiel nicht dermaßen perfekt getroffen, wäre das alles gar nicht passiert. Wahrscheinlich hätten sie Hummels wegen dieser Szene sogar zum Sündenbock gemacht, zumal der Bayern-Verteidiger noch unmittelbar nach dem Mexiko-Spiel öffentlich Kritik geübt hatte. Dabei hatte er doch selbst ein wenig lustlos gewirkt! Gemeinsam gewinnen, gemeinsam verlieren - das gilt eben immer nur so lange, wie man gewinnt.

Am Ende die unvermeidliche Regierungskrise

Was wäre hierzulande bloß los gewesen? Ein ganzes Land hätte wie hypnotisiert in die klaffende WM-Wunde gestarrt, renommierte Wochenmagazine auf der Suche nach der überwölbenden Erzählung die 270 Minuten von Russland als pars pro toto für den Niedergang der Republik betrachtet. Es war einmal ein starkes Land. Am Ende die unvermeidliche Regierungskrise: Wahrscheinlich hätten sie in Berlin ein anderes Thema vorgeschoben, irgendwas mit Fremden, das geht inzwischen schließlich immer. Doch natürlich hätte der "Masterplan Nationalelf" im Mittelpunkt gestanden.

Joachim Löw
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Joachim Löw

Vielleicht wäre Bundestrainer Joachim Löw in einer solchen Situation klug genug gewesen, erst einmal komplett abzutauchen. Schusslinie, das ist per Definition sowieso eher etwas für Abwehrspieler. Täglich hätte Sündenbock Hummels die dreistesten Schlagzeilen über sich lesen müssen, obwohl sich seine Mitspieler sofort demonstrativ hinter ihn gestellt hätten. Schließlich hätte DFB-Manager Oliver Bierhoff der "Welt" ein Interview gegeben, voller klarer, unmissverständlicher Aussagen, gegengelesen von drei aufmerksamen Mitarbeitern der Verbandspressestelle. "Mats trifft keine Schuld. Punkt."

DFB-Präsident Grindel hätte dann dem "Kicker" noch einmal in aller Deutlichkeit erklärt, dass er es nicht zulasse, einen Spieler öffentlich für das Scheitern bei der WM verantwortlich zu machen. Was man halt so sagt als Chef. Auch Ehrenspielführer Lothar Matthäus hätte sich am Ende ebenfalls für Hummels eingesetzt: Der sei schließlich ein echter Anführer, ein Kämpfer, ein Gewinnertyp. "Er erinnert mich sehr an mich selbst", hätte Matthäus vielleicht gesagt. Und damit wäre es das auch gewesen.

Man mag sich das für einen kurzen Moment vorstellen. Gut also, dass Hummels dieses 1:0 gegen Südkorea erzielt hat. Halbfinale, unter den stärksten vier Nationen der Welt, so mögen wir das. Der DFB kann einfach weitermachen, wir alle können einfach weitermachen. Alles ist gut.

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meresi 16.07.2018
1. Du meine Güte
oder auf english...waf...was soll dieses Gesülze Wochen nach dem Ausscheiden? Das ist mehr als Vergangenheit, besser wäre zu fragen: was wäre gewesen hätte der Schiri die Schwalbe nicht gepfiffen und beim unabsichtlichen Handspiel, ja das war unabsichtlich wg zu kurzer Reaktionszeit die Pranke verschwinden zu lassen, hätte Kroatien gewonnen ? ja oder nein
kangootom 16.07.2018
2. Lasst es gut sein
Die deutsche Nationalmannschaft hat kein Vorzugsrecht ins Achtelfinale einzuziehen. Das WM aus, war für alle beteiligten, Spieler, Trainer, DFB und vor Allem die Zuschauer vor dem Fernseher ein notwendiges Erwachen aus dem Schlaf, dass eine WM kein Selbstläufer ist, wenn man genügend gute Spieler im Kader hat. Verlieren gehört auch dazu, aber dann bitte mit Würde.
Schindelaar 16.07.2018
3. Erbärmlich.
Unter dem Deckmantel des Lustigen und Witzigen wird hier suggeriert, dass die DFB-Elf nur wegen einer Winzigkeit (Hummels' Nichttor) rausflog, sonst wäre sie natürlich ins Halbfinale gekommen, was sonst. Da kann ich nur sagen: Verlieren lernen.
micha71 16.07.2018
4. Großartig
Wunderbarer Artikel. Schon jetzt finden sich die, die nicht nur nicht mit Ironie umgehen können, sondern auch den Spiegel, der uns hier vorgehalten wird, lieber so schnell wie möglich verbleichen ließen. Danke für diesen Text!
spon_3126327 16.07.2018
5. Habe die Ironie
spät erkannt, dachte immer nur: Häh - welches 1:0? Tatsächlich wurde ja das merkwürdige Verhalten des DFB gegen Özil aufgerührt.Erst völlige Ignorierung des Verhaltens gegenüber Erdogan, dann nach dem Ausscheiden übelstes Nachtreten.
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