Viertelfinalsieg gegen Schweden ... aber wie gut ist England wirklich?

Die englische Mannschaft steht im Halbfinale der WM - weil sie bisher noch keine wirklich harten Gegner hatte. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Kyle Walker, John Stones und Jesse Lingard (von links)
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Kyle Walker, John Stones und Jesse Lingard (von links)

Aus Samara berichtet


Es ist ein merkwürdiges Ding um diese englische Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland.

Das Team von Gareth Southgate steht nach einem souveränen 2:0 über Schweden im Halbfinale. England ist noch dabei, nachdem die Teams aus Deutschland, Brasilien, Argentinien, Spanien, aus all den großen Fußballländern, schon abgereist sind. Und trotzdem stellt man sich immer noch die Frage: Wie gut ist diese Mannschaft wirklich?

Ihr haben bisher die großen Gegner bei diesem Turnier gefehlt, und so konnte man bisher zwar ahnen, was in dieser Mannschaft alles steckt, aber so richtig wissen wird man es vielleicht erst nach dem nächsten Spiel.

Der renommierte Sportautor Simon Kuper hat dieser Tage in einer Kolumne für die "Financial Times" geschrieben, das englische Team von 2018 sei nicht viel besser als das früherer Jahre, es sei nur glücklicher.

Kuper verwies auf den späten Sieg gegen Tunesien und das Beinah-Aus im Achtelfinale nach Elfmeterschießen gegen die robusten Kolumbianer. Dazu kam noch ein hoher Erfolg gegen den Fußballzwerg Panama. Und das einzige Spiel, das von Bedeutung hätte sein können, das Gruppenspiel gegen die Belgier, war ein Muster ohne Wert. Beide Teams wollten eher verlieren als gewinnen, weil sie schon fürs Weiterkommen qualifiziert waren und der Verlierer den vermeintlich leichteren Weg würde nehmen können. Jetzt stehen beide im Halbfinale.

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Englands Sieg gegen Schweden: Zwei Kopfbälle, ein Traum

Island 2016 ist ein guter Vergleich

Kuper wollte damit zweifellos auch provozieren, denn spätestens das Viertelfinale gegen Schweden hat bewiesen, dass dieses Team allein in den vergangenen zwei Jahren enorme Fortschritte gemacht hat. 2016 schied England bei der EM im Achtelfinale kläglich aus. Gegner war Island, ein Team von ähnlichem Kaliber wie jetzt die Schweden in Samara.

Aber während die "Three Lions" 2016 kein Mittel gegen die kreuzbraven Kämpfer aus dem Norden fanden, hatten sie diesmal gegen die Schweden immer eine Lösung parat - selbst wenn die so aussah, dass Torwart Jordan Pickford einfach alles hielt, was die ansonsten zuverlässige Deckung durchließ. Der Keeper des FC Everton rettete dreimal bravourös und sicherte die Führung der Engländer damit ab. Ein exzellenter Torwart in England, das hätte man früher für einen Witz gehalten.

"Ich arbeite einfach immer weiter an mir selbst, und dann kommt schon die Leistung", sagte Pickford, und der Satz könnte wohl für alle im Team stehen. Trainer Gareth Southgate, ein Gentleman, der aus einem James-Ivory-Film entsprungen sein könnte, spricht denn auch sehr viel "vom Stolz, von der Mentalität" und noch mehr von "Arbeit".

Junge, hochtalentierte Spieler

Arbeit, die ihm erleichtert wird durch viele junge, hochtalentierte Spieler, die Woche für Woche in der Premier League Woche im Feuer stehen: "Wir haben nicht so viele Weltklassespieler wie andere, aber die Jungs sind mutig und wissen, mit dem Ball umzugehen", sagt Southgate.

Das kam ihnen gegen die Schweden zugute. Die Skandinavier warfen zwar wieder alles in die Waagschale, was sie hatten: Kampfgeist, Einsatz, aber gegen die Engländer wurden ihnen die Grenzen aufgezeigt. "Wir haben einfach gegen ein besseres Team verloren", sagt Schwedens Coach Janne Andersson, und dem könnte nicht einmal Simon Kuper widersprechen. Dieses Team sei "absolut in der Lage, Weltmeister zu werden", so Andersson.

Tatsächlich war der Klassenunterschied zwischen beiden Mannschaften immer zu sehen. "Wir haben das Spiel kontrolliert und gleichzeitig physisch dagegen gehalten", sagt Southgate. Die Engländer spielten den Ball aus der Deckung fein heraus, ohne Hast, mit Übersicht, die Schweden dagegen schlugen in ähnlichen Situationen den Ball einfach nur aus der Gefahrenzone. Wie es früher die Engländer getan hätten.

Maguire wurde vom Fan zum Torschützen

Nach einer halben Stunde und dem Führungstor von Harry Maguire war die Partie eigentlich vorentschieden. Maguire war vor zwei Jahren noch als Fan der "Three Lions" mit ein paar Kumpels durch Frankreich gezogen, jetzt ist der Leicester-Verteidiger einer der Hauptakteure dieses Teams. Dele Alli machte nach 55 Minuten mit seinem Kopfball zum 2:0 dann alles klar.

2010 bei der WM in Südafrika hatte SPIEGEL-Reporter Alexander Osang von einer Begegnung mit einem englischen Fan berichtet, der voller Bewunderung und Neid auf das damals junge, hungrige deutsche Team schaute. Acht Jahre später scheinen sich die Verhältnisse umgedreht zu haben.

Zum ersten Mal seit 1990 steht England wieder im Halbfinale, Southgate ist erst der dritte Coach nach Sir Alf Ramsey und Bobby Robson, dem das gelungen ist. "Jetzt wollen wir noch eine Woche lang hierbleiben", sagt der Trainer. England will noch nachweisen, wie gut es wirklich ist.

insgesamt 20 Beiträge
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ilja.albrecht 07.07.2018
1. Das Problem der Engländer
war und ist der Erwartungsdruck. Im Land, hier unter all den Engländern auf Malta reden alle schon wieder nur noch vom Titel. Realistisches und sportliches Turnierdenken gibt es in dieser Mentalität einfach nicht und das wird genau dann zum lähmenden Hemmschuh, wenn sie hinten liegen. Vielleicht noch nicht im Halbfinale aber spätestens im Finale gegen Frankreich oder Belgien wird dieses Team zerlegt.
die_WahrheitXXL 07.07.2018
2. England im Glück
und doch im Pech. Gegen Russland hätten sie Chancen, gegen Kroatien wird es düster. Den nun steht ein Gegner gegenüber, der die geradlinig robuste Spielweise der Engländer handeln kann. Es wird schwer bis unmöglich für England.
Stäffelesrutscher 07.07.2018
3.
Der Autor tut so, als sei Kolumbien eine Tresenmannschaft gewesen.
cipo 07.07.2018
4.
"Ein exzellenter Torwart in England, das hätte man früher für einen Witz gehalten." Aha, dann waren Gordon Banks, Peter Shilton und Ray Clemence also nur Witze... selten so gelacht.
wunsiedel 08.07.2018
5. Das gewinnen die Engländer locker
Dass Russland ins Viertelfinale kam, ist mehr als verwunderlich bei deren Spielqualität. Kroatien war zwar etwas stärker, aber gegen England wird definitiv Endstation sein.
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