Spaniens neuer Trainer Hierro Bloß nichts ändern

Ist Fernando Hierro ein guter Coach? Die Antwort darauf lautet: erst mal egal. Wenn überhaupt ein WM-Team einen Blitz-Trainerwechsel verkraften kann, dann Spanien - zumindest in der Gruppenphase.

Fernando Hierro
AP

Fernando Hierro

Aus Sotschi berichtet


Xabi Alonso ist mit Spanien Welt- und Europameister geworden, der Ex-Profi gilt als jemand, der das Fußballspiel verstanden hat. Über die spanische Nationalmannschaft sagte Alonso der "Süddeutschen Zeitung", sie sei "flexibler (als vor vier Jahren - d. Red.), wenn sie kleine Dinge anpassen muss. Der Fußball ist heutzutage ausgefeilter, mikroskopischer. Lopetegui schafft im Training Gewohnheiten und arbeitet an den kleinen Schattierungen im Spiel."

Wer das am Dienstag erschienene Interview las, nahm Spanien spätestens dann in den Top-Favoritenkreis auf. Um es nur einen Tag später wieder zu streichen. Denn Julen Lopetegui ist nicht mehr Nationaltrainer. Die gute Nachricht: Das mit den Gewohnheiten bleibt auch unter dessen Nachfolger, dem unerfahrenen Fernando Hierro, erhalten. Die Schlechte: Die Schattierungen könnten verhindern, dass Spanien Weltmeister wird.

Große Spielerkarriere macht noch keinen Weltmeistertrainer

Hierro, 50, hat eine große Karriere als Fußballer hinter sich. Als Trainer hat er sich jedoch kaum profiliert. Obwohl er seine Spielerlaufbahn 2005 beendet hatte, arbeitete er nur zwei Jahre als Coach, als Co-Trainer von Carlo Ancelotti bei Real (2014/2015) und als Chef des Zweitligisten Real Oviedo (2016/2017, Platz acht). Nachdem er nun zum Nationaltrainer berufen worden war, versuchte Hierro trotzdem, erfahren zu wirken. Er sei "seit 30 Jahren in der Nähe eines Balls", sagte er. Das gilt allerdings auch für manch einen Teambetreuer. Gute Trainer sind die deshalb nicht.

Spanien im Training
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Spanien im Training

Ein guter Coach muss Hierro zunächst aber auch nicht sein. Die spanische Posse ist eine Art Antithese zum üblichen Trainerwechsel, wie man ihn aus der Bundesliga kennt. Dort geht es oft in erster Linie um den "Impuls", also darum, für frischen Wind zu sorgen, um eine verunsicherte Mannschaft zu versichern. Hierro aber soll möglichst wenig ändern, sagte Verbandspräsident Luis Rubiales. Schließlich lief es gut unter Lopetegui.

Spanien bleibt Spanien

Für Hierro ist das erst mal positiv, weil es ihn entlastet. Er muss keine eigene Spielidee entwickeln, keinen Kader planen, sondern kann fortführen, was Lopetegui ersonnen hat, etwa das hohe Pressing der Spanier, das sehr gut zu sehen war im Testspiel gegen Deutschland im März (1:1).

Ohnehin gibt es eine Art kollektive Identität im spanischen Fußball. Schon Lopeteguis Vorgänger Vicente del Bosque sagte, am liebsten würde er eine Mannschaft voller Mittelfeldspieler aufstellen (was er im EM-Finale 2012 gegen Italien dann auch mehr oder minder durchzog). Spaniens Nachwuchsakademien produzieren technisch starke, intelligente Kicker am Fließband. Kein Nationaltrainer würde eine Taktik bestimmen, bei der sich diese Techniker in Zweikämpfen aufreiben müssten. Das Credo: Spiel kontrollieren, Ball passen, Lücke finden. Spanien bleibt Spanien, egal wer an der Seitenlinie steht.

Für einen Kurswechsel wäre auch gar keine Zeit gewesen. Zwei Tage blieben Hierro bis zum ersten Spiel an diesem Abend gegen Portugal (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD). Das bedeutet üblicherweise: eine Trainingseinheit; eine Sitzung, in der den Spielern die Analyse des kommenden Gegners präsentiert wird; und die Ansprache vor der Partie. Wenig Spielraum für eigene Ideen.

Teamgeist entwickeln

Hierros größte Aufgabe ist eine andere. Spanische Medien berichteten von einem Riss innerhalb des Teams, verlaufend zwischen den Stars von Real Madrid, Lopeteguis neuem Klub, und denen des FC Barcelona. Sollte es tatsächlich so gewesen sein, wie geschrieben wurde, nämlich dass jene Real-Profis Lopetegui hatten halten wollen, jene von Barça dagegen skeptisch waren, muss Hierro nun vor allem eines tun: vermitteln. Es gilt, Teamgeist zu entwickeln.

Wenn das gelingt, sich Aushilfstrainer und Spieler aufeinander einlassen, wird Spanien seine Gruppe (Portugal, Marokko, Iran) überstehen. Dass daran tatsächlich gezweifelt wird, war vor drei Tagen noch undenkbar. Nun aber ist Spanien das Team bei dieser WM, das mit dem größten Fragezeichen versehen ist. Und das wird wohl auch nicht so schnell verschwinden.

Spätestens mit den K.-o.-Spielen beginnt die Phase, in der Details wichtiger werden. In denen grundsätzliche Spielidee und gutes Zureden nicht ausreichen. Je ebenbürtiger der Gegner, desto wichtiger sind Matchplan, Ansprache und taktische Anpassungen während der 90 Minuten.

Man kann das als Königsdisziplinen des Coachings betrachten. Julen Lopetegui beherrscht sie. Nach seinem Karriereende als Fußballer schlug er direkt die Trainerlaufbahn ein, arbeitete sich hoch, vom Jugendfußball in den Herrenbereich, über die Champions League zur Selección, bis hin zu Real Madrid. Dort wird er voraussichtlich sehr viele Partien gewinnen.

Beurteilen wird man seine Arbeit aber anhand einiger weniger Saisonspiele, denen gegen Barcelona und in der Crunchtime der Champions League. Wenn die Schattierungen über Sieg oder Niederlage entscheiden.



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