DFB-Bezwinger Mexiko Der Prinz neben der Erbse

Dass Deutschland sein erstes WM-Spiel verloren hat, lag nicht nur an der schwachen Leistung der Löw-Elf. Da gab es auch noch einen Gegner: Mexiko hatte für diese Partie den perfekten Plan.

Hirving Lozano (r.) und Javier Hernandez
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Hirving Lozano (r.) und Javier Hernandez

Aus Moskau berichtet


In den Katakomben des Luzhniki-Stadions ergingen sich die deutschen Spieler und Trainer nach der Partie in intensiven Fehleranalysen, ausführlich wurde aufgezählt, was alles schiefgelaufen sei beim 0:1 zum WM-Auftakt gegen Mexiko. Nur in einem fast achtlos dahingeworfenen Satz machte Joachim Löw deutlich, dass es auch noch einen anderen Grund für Deutschlands Niederlage gab. "Die Mexikaner haben das auch gut gemacht", befand der Bundestrainer und untertrieb dabei gehörig.

Der 1:0-Erfolg der Mittelamerikaner war hochverdient zustande gekommen, das droht bei der Kritik an der DFB-Elf etwas unterzugehen. Die Spieler von Coach Juan Carlos Osorio folgten in den 90 Minuten von Moskau einer klaren Direktive, minutiös und perfekt umgesetzt. Überfallartig stürmten die Angreifer von El Tri über die Flügel, die Angreifer wurden dabei von einem läuferisch überragenden Mittelfeld mit Bällen gefüttert. Perfekt initiierte Konter. Die Deutschen rannten hinterher, wie sie es lange nicht tun mussten.

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Reaktionen: Deutschland verliert - was sagen die anderen?

Osorio sagt, er habe den Plan schon vor einem halben Jahr ausgetüftelt, seitdem habe sich an der Ausrichtung nichts geändert: "Wir mussten lediglich wegen Verletzungen personell etwas umschichten". Der 57-jährige Kolumbianer ist in Mexiko nie unumstritten gewesen, er rotiere zu viel, er verunsichere dadurch das Team - das musste er sich regelmäßig anhören.

Aztekenstadion nach Moskau verlegt

Die Kritik dürfte ab Sonntag verstummt sein. Im Unterschied zu den Zigtausend mexikanischen Fans, die die weite Reise nach Russland unternommen hatten und die Moskauer Arena in eine Filiale des Aztekenstadions verwandelten. Anschließend wurden die Alkoholvorräte in den Hotellobbys der russischen Hauptstadt knapp.

Mexikanische Fans
DPA

Mexikanische Fans

So ganz nüchtern konnte auch der Trainer bei diesem großen Erfolg nicht bleiben. Osorio bedankte sich bei seinen Eltern, bei seiner Familie und dann auch noch "bei dem Herrn dort im Himmel", sie alle scheinen ihren Beitrag zu diesem historischen Sieg geleistet zu haben.

Unbestritten ist in jedem Fall der Anteil von Hirving Lozano. Der Angreifer ist erst 22, was den Altersschnitt des mexikanischen Kaders dramatisch absenkt. Er hat bei PSV Eindhoven eine ganz starke Saison gespielt, ist in den Niederlanden Meister mit PSV geworden. Am Sonntag krönte er sein Jahr mit einer imposanten Leistung auf dem linken Flügel. Sein fast gleichaltriger Gegenspieler, DFB-Rechtsverteidiger Joshua Kimmich, hatte ausreichend Gelegenheit, Lozano von hinten zu sehen.

Chicharito immer noch gefährlich

"Wir haben uns, um gegen die Deutschen erfolgreich zu sein, bewusst für unseren schnellsten Spieler entschieden", sagt Osorio. Und Lozano schwärmte nach dem Spiel von "meinem besten Spiel und meinem besten Tor in meiner Karriere". Man ahnt, dass die PSV nicht mehr allzu lange Freude an dem Jungspund haben wird. Es werden größere Klubs kommen, anklopfen und viel Geld für ihn ausgeben wollen. Lozano ist der Prinz des mexikanischen Fußballs, und am Sonntag hat er ihn womöglich wachgeküsst.

Wo wir schon bei Märchen sind, ist der Übergang zur kleinen Erbse nicht weit. Was Lozano noch alles vor sich hat, davon hat sein Sturmpartner Javier Hernández, besser bekannt als "Chicharito" ("kleine Erbse" auf mexikanisch), schon vieles erlebt und gesehen. Die kleine Erbse ist jetzt auch schon 30 Jahre alt, in manchen Aktionen merkte man Hernández an, dass er nicht mehr der Schnellste ist. Aber es reichte für den ehemaligen Leverkusener immer noch, die deutsche Abwehr von einer Verlegenheit in die nächste zu stürzen.

"Sind Sie jetzt der Titelfavorit der WM?"

So eine Frage hat Osorio in Pressekonferenzen auch noch nicht oft gestellt bekommen. Sie schmeichelte ihm zwar sichtlich, aber ihm schien es dann doch klüger, erst einmal auf die aus seiner Sicht harten Gruppengegner Schweden - "die haben 2002 Frankreich ausgeschaltet" - und Südkorea hinzuweisen. Ohnehin habe er ein anderes Ziel nach Russland mitgebracht: "Wir wollen unseren Fans noch mehr Freude geben." Arriba.



insgesamt 4 Beiträge
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bumpes 18.06.2018
1. Die Ähnlichkeit zum Pokalfinale Eintracht-Bayern
ist frappierend. Der Underdog überfordert die gegnerische Abwehr mit/bei schnellen Gegenstößen.
mullertomas989 18.06.2018
2. Das mag ja sein...
.... aber egal wie gut die Taktik des Gegners ist: wenn Deutschland hungrig, gierig, gallig ist, dann ist es immer in der Lage, Mexiko zu schlagen. Die Einstellung war das alles entscheidende Problem, alles andere ist völlig sekundär.
Proggy 18.06.2018
3. Mexico ist keine Entschuldigung
Die mexikanische Nationalelf ist nicht verantworlich für die Aufstellung Löws, mit seinen stets "gesetzten" Spielern ohne Leistungs- und Siegeswillen. Der "Plan" der Mexikaner: Leidenschaft, Nationalstolz, selbstloser Einsatz und gewaltige Freude am Spiel - also so ziemlich alles, was der "Mannschaft" die für Deutschland spielte, fehlte! Die "Mannschaft", hätte genau so auch gegen Island (natürlich viel höher) oder Ägypten verloren.
kaischek 18.06.2018
4. Körpersprache & Schnelligkeit
Die Leistungen des Herrn Löw sind unbestritten. Nur seine Leute scheinen mir zu alt bzw. zu langsam. Auch deren Körpersprache ließ nach meinem Empfinden ganz erheblich zu wünschen übrig. Das Herr Löw seinen Schnellsten (Sané) nach Hause schickt sei ihm verziehen. Dass seine Spieler keinen Siegeswillen ausstrahlen und dies schon bei der Hymne zeigen, hingegen nicht. Einen Sami Khedira, der bei der letzten WM schon zu langsam war, auszuwechseln, wird aus meiner Sicht nicht reichen.
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