Videobeweis und Fairness Der letzte Tanz des sterbenden Schwans

Die WM bietet noch einmal eine Bühne für all die Karten-Provozierer, Theaterschauspieler und Schiedsrichter-Bestürmer. Damit wird es bald vorbei sein. Der Videobeweis wird die Spieler erziehen.

Jordan Henderson (Mitte) nach einem Foul von Wilmar Barrios
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Jordan Henderson (Mitte) nach einem Foul von Wilmar Barrios

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Das Solo des sterbenden Schwans wurde für die legendäre Tänzerin Anna Pawlowa choreografiert und 1905 erstmals im Ballett-Tempel des Mariinski-Theaters in Sankt Petersburg aufgeführt. Der sterbende Schwan gehört zu Russland.

Wir wissen nicht, ob Jordan Henderson ein Liebhaber des Ballett-Tanzes ist. Der Kapitän des FC Liverpool gehört an sich zur eher robusten Kategorie Fußballprofi. Im Achtelfinale seiner Engländer in Moskau erwies er sich jedoch einer Pawlowa als würdig. Sein kolumbianischer Gegenspieler Wilmar Barrios hatte ihm vor einem Freistoß einen leichten Kopfstoß auf die Brust versetzt, er streifte auch noch Hendersons Kinn, eine grobe Unsportlichkeit, rotwürdig zweifellos.

Henderson jedoch sank zu Boden, als habe ihn der Göttervater Zeus persönlich mit einem Blitz niedergestreckt. Anschließend große Rudelbildung, Videobeweis, Schiedsrichter Mark Geiger zeigte Barrios die Gelbe Karte. Nur Gelb - möglicherweise auch, weil Henderson so überreagiert hatte.

Jammerlappenartiges Männergehabe

Diese Weltmeisterschaft, es dürfte die letzte Party der Schauspieler, der Schiedsrichter-Bestürmer, der Karten-Provozierer, der Heimlich-Rumschubser und Ellbogen-Ausfahrer werden. Noch gibt es sie, die theatralischen An- und Ausfälle der Spieler, Meister darin ist selbstverständlich Brasiliens Neymar.

Aber der Neymarismus, er neigt sich dem Ende. Der Videobeweis entlarvt die Profis noch auf dem Platz. Bisher leisteten die Fernsehbilder dies für den Zuschauer, jetzt auch für den Schiedsrichter. Das jähe Sinken zu Boden, das raumgreifende Herumgerolle nach einem an sich harmlosen Foul, all die Dinge, die den Schiedsrichter bei WM-Turnieren beeinflussen sollten und beeinflusst haben: Der Videobeweis macht sie zu einer lächerlichen Pose. Mehr als Spott in den sozialen Netzwerken bringt den Spielern das nicht mehr ein.

Bei dieser Weltmeisterschaft ist diese Pose noch zu sehen, die Profis versuchen es noch, weil sie es nicht anders gelernt haben. Vor allem allerdings von Spielern, die daheim in ihren Ligen noch keine große Erfahrung mit dem Videobeweis gesammelt haben. Sie beherrschen es noch, das augenrollende Bedrängen des Unparteiischen nach einer umstrittenen Entscheidung, das wilde Gestikulieren, die Unschuldspose nach einem kleinen, fiesen Tritt auf den Knöchel des Gegenspielers, all das jammerlappenartige Männergehabe, das sie über die Jahre eingeübt haben. Es ist Zeit, umzuschulen.

Der Referee im Videoraum kann nicht bestürmt werden

Man kann sicher sein: In vier Jahren, wenn alle den Umgang mit dem Videobeweis gewohnt sind, wird es von diesen Unarten viel weniger zu sehen geben. Weil auch Fußballprofis lernfähig sind. Weil sie merken: Es bringt nichts mehr. Vielleicht ist es noch besser, sich stattdessen darauf zu konzentrieren, den Ball ins gegnerische Tor zu befördern.

Die berühmte Rudelbildung, sie zeigt Wirkung, wenn da einer auf dem Platz steht, der sich einer Stampede von sechs, sieben wütenden Männern gegenübersieht. Aber die Referees in ihren kurzen Hosen im Videoraum weitab vom Stadion können sie nicht bestürmen. Und der sterbende Schwan ist für sie nichts anderes als eine Fernseh-Aufführung.

Der Videobeweis - in Klammern als Hinweis für die Bundesliga angefügt: wenn er richtig angewendet wird - macht aus ständig protestierenden, gestikulierenden, überreagierenden Theatralikern wieder Fußballprofis. Der Videobeweis ist der große Erzieher bei dieser Weltmeisterschaft. Der sterbende Schwan, er stirbt.



insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
spoon123 05.07.2018
1. Hoffentlich
Ich hoffe Sie haben recht mit Ihrer Meinung. Es wäre zu schön, um wahr zu sein...
ovit 05.07.2018
2. ich behaupte das Gegenteil
Warum sollte das Fordern des Videobeweises in der Form eines aggressiven Rudels ausbleiben, wenn man es nicht ahndet? Die Schwalben im 16er ändern sich und die Spieler versuchen sich noch schneller fallen zu lassen, wenn eine Berührung da ist. Nur der Videobeweis wird es nicht ändern, wenn der Schiri nicht mehr Macht auf dem Feld bekommt. Gelb bel lautstarken Protesten, gelb bei Diskussionen mit dem Schiri, gelb wenn der Schiri die Spieler wegschickt, um mit dem VAR redet, aber der Spieler weiter schreiend vor seiner Nase steht, gelb bei übertriebener Theatralik (Versuch der Täuschung). Alle andere Sportarten können es auch, da ist der Schiri und seine Entscheidung nicht diskutierbar und wird vom VAR in einem entsprechenden Rahmen überprüft. Ganz ohne 10 Gockel, die sich um ihn herum aufplustern.
jujo 05.07.2018
3. ....
Warum hat der Schiedsrichter gegen Neymar nicht gelb gezeigt nach dessen Schauspieleinlage? als der wie wiedergeboren sofort lossprintete, hätte er gemeckert gleich noch rotgelb hinterher. Er stand daneben. Dazu es den Videobeweis nicht gebraucht. Souveräne Schiedsrichter müßten mehr ihren "Erziehungsauftrag" wahrnehmen gegen diese großen unsportlichen Kinder
WasserTrinker 05.07.2018
4.
Die Belagerung der Schiedsrichter wäre ganz einfach zu lösen: Gelbe Karte und wenn der Spieler nicht sofort geht die rote Karte gleich hinterher. Ausnahme nur für den Kapitän. Beim Rugby funktioniert das wunderbar.
Crom 05.07.2018
5.
Es braucht mehr als den Videobeweis: 1. Kleinste Berührungen sollten nicht mehr als Foul sondern als normaler Zweikampf bewertet werden. Fußball ist schließlich kein Basketball. 2. Schwalben und ähnliches sind konsequent mit Gelb zu ahnen. 3. Einführung einer effektiven Spielzeit von 60 Minuten. Jeder Unterbrechung führt dazu, dass die Uhr angehalten wird. Spieler, die länger als eine Minute auf dem Platz behandelt werden, sind per Tragge außerhalb des Spielfeldes zu verschaffen.
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