WM-Wissen Worauf es beim Elfmeterschießen wirklich ankommt

Die K.-o.-Runde beginnt - ab jetzt kann es bei der WM wieder zum Elfmeterschießen kommen. Welche Faktoren dabei entscheiden, ist durchaus überraschend.

Elfmeterschießen im Halbfinale 1990 zwischen Deutschland und England
Bob Thomas/Getty Images

Elfmeterschießen im Halbfinale 1990 zwischen Deutschland und England

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Weltmeisterschaft, K.-o.-Phase, Elfmeterschießen. Die Hoffnung einer ganzen Nation lastet auf den Schultern des Schützen. Was macht das mit einem Spieler? Der Schütze hat alles zu verlieren, der Torwart kann fast nur gewinnen. Kein Wunder, dass sich die Auswirkungen dieser psychischen Belastung auch statistisch messen lassen.

Exakt 70,8 Prozent aller Elfmeter, die bei Weltmeisterschaften in Elfmeterduellen bislang geschossen wurden, wurden verwandelt. Die Erfolgsquote liegt damit klar unter dem langjährigen Schnitt, der im laufenden Spiel erreicht wird. In den fünf europäischen Spitzenligen beispielsweise geht der Schütze in 76 bis 80 Prozent als Sieger aus dem Duell hervor.

Die Nervenstärke spielt also eine ganz entscheidende Rolle. Doch was heißt das für die beteiligten Teams? Sollte der Trainer möglichst erfahrende Spieler als Schützen auswählen? Diejenigen, die sich tagesaktuell am sichersten fühlen, jene, die das größte Selbstvertrauen haben? Sicher nicht falsch - ein ganz entscheidender Faktor überrascht jedoch und greift sogar, bevor das Elfmeterschießen beginnt.

Mehr Gerechtigkeit mit ABBA

Einer Studie von über eintausend Elfmeterschießen zufolge ist der Münzwurf des Schiedsrichters möglicherweise vorentscheidend. Wer den Münzwurf gewinnt darf auswählen, welche Mannschaft zuerst schießt, und genau das erweist sich als Vorteil. Laut dem aktuell gültigen Modus, in dem in der Reihenfolge AB-AB-AB geschossen wird, kann die zuerst schießende Mannschaft A jede Runde erneut Mannschaft B unter Druck setzen. Und tatsächlich verwandeln Schützen, die einem Rückstand hinterherlaufen, plötzlich nur noch 65 Prozent aller Elfmeter. Insgesamt ergeben sich so Siegchancen von rund 58 Prozent für Mannschaft A und 42 Prozent für Mannschaft B.

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Der aktuelle Modus des Elfmeterschießens bringt also eine gehörige Portion Glück ins Spiel. Dass sich dies auch vermeiden ließe, zeigt ein Blick in andere Sportarten. Im Tennis beispielsweise lautet die Reihenfolge des Aufschlagenden im Tiebreak AB-BA-AB-BA. Die Spieler legen abwechselnd vor, der Modus ist insgesamt gerechter.

Gut möglich, dass auch im Profi-Fußball ein Modus-Wechsel ansteht. Die Regelhüter des Weltverbandes Fifa ließen den ABBA-Modus bereits bei der U-17-Europameisterschaft der Frauen testen und machten ihn zum Teil der Play-fair-Initiative.

Und am Ende gewinnt immer Deutschland?

Wenigstens beim aktuellen Turnier wird es kein Elfmeterschießen mit deutscher Beteiligung geben, so viel ist klar. Historisch gesehen jedoch ist die Stärke der deutschen Mannschaft beim Elfmeterschießen geradezu legendär. Umgekehrtes gilt für England. Betrachtet man zusätzlich zu den Welt- auch die Europameisterschaften, so haben beide Teams jeweils sieben Elfmeterschießen absolviert. Deutschland ging in sechs von sieben Duellen als Sieger vom Platz. England nur in einem.

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Wie erklärt sich das? An der Reihenfolge der Schützen lag es schon mal nicht. Deutschland trat in nur zwei Fällen als erstes an, England in vier. Auch der Zufall lässt sich ziemlich sicher ausschließen. Geht man vereinfacht von einer Siegchance von 50 Prozent aus, so beträgt die Wahrscheinlichkeit, bei sieben Runden sechsmal als Sieger vom Platz zu gehen, nur knapp über fünf Prozent.

Am naheliegendsten ist es wohl, von einem sich selbst verstärkenden Effekt auszugehen. Bekommen Spieler von allen Seiten (Medien, Trainer, Öffentlichkeit) immer wieder gesagt, wie stark sie bei Elfmeterschießen sind, so könnte dies für die entscheidende Lockerheit in der Stresssituation Elfmeterschießen sorgen. Englische Spieler hingegen bekommen ständig zu hören: "Alles - bloß nicht Elfmeterschießen, das können wir nicht." Nicht gerade optimale Voraussetzungen.

Wie gut sind eigentlich Elfmeterspezialisten?

Natürlich gibt es unterschiedlich gute Schützen und Torhüter bei Elfmeterschießen. Diese statistisch sauber zu identifizieren, fällt allerdings aus gleich zwei Gründen schwer. Während erfolgreiche Elfmeter gut erfasst sind, fehlt eine langjährig gepflegte, flächendeckende Datenbank, die nicht nur erfolgreiche Elfmeter, sondern auch Fehlschüsse erfasst. Zudem erreichen nur wenige Schützen in ihrer Karriere eine Gesamtzahl an geschossenen Elfmetern, die wirklich verlässliche Aussagen zulässt.

Für einige wenige internationale Stars sind Daten der Uefa verfügbar. So gehören Robert Lewandowski (89 Prozent Erfolgsquote), Zlatan Ibrahimovic (87 Prozent), Eden Hazard (85 Prozent), Alexandre Lacazette (85 Prozent) und Cristiano Ronaldo (84 Prozent) wohl zu den besten Schützen. Neymar und Lionel Messi folgen mit 80 bzw. 79 Prozent. Alles Werte, die über dem Durchschnitt liegen, was bei internationalen Top-Stürmern mit herausragender Schusstechnik aber auch nicht weiter überrascht.

Wer sollte zuerst schießen?

Hier sind die Erkenntnisse aus der Forschung relativ eindeutig: Der beste Schütze sollte zuerst schießen. Der Druck beim vierten oder fünften Elfmeter mag eventuell größer sein, aber im aktuell gespielten Modus überwiegt der Vorteil, den Gegner bereits zu Beginn durch einen sicheren Schützen unter Druck setzen zu können.

Auch wenn Elfmeterschießen erst gegen Ende ihre ganze Dramatik entfalten, wirklich entscheidend ist oft bereits der Beginn.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Nonvaio01 30.06.2018
1. power
wenn man mit Power halb hoch reinhaut kann ein torwart nichts machen.
h.markwort 30.06.2018
2. Plan der Fifa:
ganz neue Taktik: 2 x locker in das lange Eck (kleines Netz), während der 120 min. laufenden Spieldauer. Dann spart man sich den Phsycho- Stress am Tor und kann duschen gehen.
jean-baptiste-perrier 30.06.2018
3. Sehr interessant!
ABBAABBAAB wäre sicherlich die gerechtere Alternative. Die übernommenen Schaubilder sind dennoch fehlerhaft. Der Modus im Tennis heißt nicht "Tie-Brake", sondern Tie-Break oder auch Tiebreak!
hm2013_3 30.06.2018
4. Elfmeter - Tore sollten als 0.5 Tore zählen
sie sind in keiner Weise vergleichbar mit den "normal" geschossenen - wunderschönen - Toren. Nach einer solchen Regeländerung gibt es vielleicht mehr Elfer und auch mehr Tore im Stadion.
le.toubib 30.06.2018
5. Elfmeter - Tore sollten als 0.5 Tore zählen
Zitat von hm2013_3sie sind in keiner Weise vergleichbar mit den "normal" geschossenen - wunderschönen - Toren. Nach einer solchen Regeländerung gibt es vielleicht mehr Elfer und auch mehr Tore im Stadion.
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