Korruptionsvorwürfe gegen Katar Wird die WM 2022 neu vergeben?

Es ist ein gigantischer Datenschatz: Millionen E-Mails und Dokumente sollen laut "Sunday Times" neue Hinweise auf Korruption im Zusammenhang mit der WM-Vergabe an Katar liefern. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Fifa-Präsident Blatter
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Fifa-Präsident Blatter


1. Was ist neu an den "Sunday Times"-Enthüllungen?

Die "Sunday Times" ist nach eigenen Angaben im Besitz von "Tausenden Gigabytes" und "Millionen von E-Mails und Dokumenten" aus dem Machtbereich des langjährigen Fifa-Exekutivmitglieds Mohamed Bin Hammam. Dazu zählen Unterlagen aus der asiatischen Fußball-Konföderation AFC, deren Präsident Bin Hammam von 2002 bis 2011 war, und aus seinem Firmenkonglomerat. Das hat eine neue Qualität und bringt die WM-Organisatoren aus Katar weiter in Erklärungsnot.

Zwar wurden bislang noch keine Dokumente aus dem damaligen WM-Bewerberkomitee veröffentlicht, doch geht aus etlichen Papieren hervor, dass die Machenschaften, Bestechungen und Stimmendeals von Bin Hammam der WM-Bewerbung Katars für 2022 dienten. So hat Bin Hammam im Herbst 2010 eine sechsstellige Summe für das damals wegen Korruptionsverdacht suspendierte Fifa-Exekutivmitglied Reynald Temarii (Tahiti) überwiesen und dessen Kosten für Anwälte und Privatdetektive übernommen. Damit wurde erfolgreich verhindert, dass Temariis Ersatzmann im Fifa-Exekutivkomitee, David Chung, schon am 2. Dezember 2010 bei der WM-Vergabe in Zürich abstimmen durfte. Chung galt als Unterstützer der australischen Bewerbung. Gewählt wurde Katar.

2. Was sagt Katar zur Rolle Bin Hammams?

Das WM-Organisationskomitee Katars behauptet weiterhin, Bin Hammam habe auf eigene Rechnung gehandelt und sei weder offiziell noch inoffiziell in die Bewerbung involviert gewesen. Im Gegensatz dazu stehen Aussagen des Chefbewerbers und jetzigem CEO des WM-OK, Hassan Al-Thawadi, aus dem Jahr 2010: Vor der WM-Vergabe durch das Fifa-Exekutivkomitee bezeichnete er Bin Hammam als "wichtigstes Kapital" der Kampagne. Der Emir Tamim Bin Hamad Al Thani, langjähriger Präsident des katarischen Fußballverbandes und seit 2002 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), lässt über das WM-Organisationskomitee mitteilen, Katar habe stets "die höchsten Standards von Ethik und Integrität" eingehalten.

3. Was sind die konkreten Vorwürfe an Bin Hammam?

Die neuen Dokumente ergänzen, was aus zahlreichen anderen Berichten im Laufe der Jahre über das System Bin Hammams bereits bekannt war. Bin Hammam und Katar waren vor allem in Afrika und Asien auf Stimmenfang und haben Delegierte aus vielen Dutzend Fifa-Nationen mit zahlreichen Vergünstigungen, direkten und indirekten Bestechungsmaßnahmen geködert. Meist wurden derlei Vorgänge als Entwicklungshilfe bezeichnet. Und in der Tat war Bin Hammam lange Jahre auch für das Entwicklungshilfeprogramm Goal der Fifa zuständig, in dem bisher gut eine Milliarde Dollar geflossen ist. Bin Hammam und Katars Emir Hamad, der seine Macht im Juni 2013 an den Thronfolger Tamim übergab, haben auch die Fifa-Wahlkämpfe von Joseph Blatter in den Jahren 1998 und 2002 gesponsert. Diese Vorgänge sind bestens belegt. Die Enthüllungen der "Sunday Times" erweitern nun den Blick auf die globale Parallelgesellschaft Fifa.

4. Woher stammt das Material?

Laut "Sunday Times" stammen die Unterlagen von einem Informanten aus dem Fifa-Umfeld. Angesichts der Fülle des Materials gibt es nicht viele Optionen, wo der geheimnisvolle Informant zu verorten wäre. Eine Option wären jene Firmen aus dem Geheimdienst-Business, die seit Ende 2010 teilweise auf eigene Faust versuchen, Belege für die Korruption von Russland (WM 2018) und Katar zu erbringen. Verbindungen zu globalen Daten-Absaugern wie NSA (USA) und GCHQ (Großbritannien) liegen nahe.

Die wahrscheinlichere Option könnten aber Quellen aus der Fifa und dem AFC sein. Die dubiosen AFC-Geschäfte von Bin Hammam wurden 2012 von PriceWaterhouseCoopers (PWC) durchleuchtet. Die Vorwürfe lauten: Geldwäsche, Steuerbetrug, Bestechung, Bruch des Wirtschaftsembargos gegen Nordkorea und Iran - und vieles mehr. Auf Grundlage dieses Untersuchungsberichts wurde Bin Hammam von der Fifa-Ethikkommission ein zweites Mal lebenslang gesperrt. Gegen diese Strafe legte er keine Berufung ein, sondern trat im Dezember 2012 von allen Ämtern zurück. Die erste lebenslange Sperre wegen seiner Fifa-Vergehen hatte der Weltsportgerichtshof Cas noch aufgehoben. Das Cas-Urteil konterten AFC und Fifa im Sommer 2012 mit dem PWC-Bericht, der die Jahre 2008 bis 2011 umfasste - aus genau jenen Jahren und aus dem AFC-Umfeld stammen die Dokumente, die nun von der "Sunday Times" veröffentlicht wurden.

5. Wird die WM 2022 neu vergeben?

Die Wahrscheinlichkeit ist extrem gestiegen. Es geht nicht mehr nur um die Frage, ob die WM 2022 in Katar im Winter oder im Sommer ausgetragen wird - sondern ob sie überhaupt dort stattfindet. Der Ruf nach einer Neuvergabe der WM 2022 wird größer. Die arabischen Nachbar-Monarchien könnten diese Forderungen stillschweigend dulden. Der US-Amerikaner Michael Garcia, der für viele Millionen Dollar aus der Fifa-Kasse die Ermittlungen der Fifa-Ethikkommission leitet, recherchiert gerade in Katar. Sein Büro kündigte am Montag an, dass Garcia die Ermittlungen am 9. Juni abschließen werde und seinen Bericht sechs Wochen später an die Rechtskammern weiterleiten werde.

6. Welche Fifa-Funktionäre sind belastet?

Die üblichen Verdächtigen wie Afrikas Fußballboss und Fifa-Vizepräsident Issa Hayatou (Kamerun) haben die Vorwürfe der "Sunday Times" umgehend zurückgewiesen. Fakt ist allerdings: Hayatou zählt zu jenen acht Fifa-Exekutivmitgliedern aus dem Dezember 2010, die bereits eindeutig der Korruption überführt worden sind. Allerdings nicht im Zusammenhang mit Katars Bewerbung - Hayatou hat einst vom Fifa-Vermarkter ISL Geld kassiert.

Im Zusammenhang mit Katar sind einige Fälle von Nepotismus belegt: So haben die Söhne der Fifa-Vorstände Michel Platini (Frankreich) und Michel D'Hooghe (Belgien) kurz nach der WM-Vergabe fürstlich dotierte Jobs bei katarischen Arbeitgebern erhalten. Marios Lefkaritis wiederum, Fifa-Exekutivmitglied und steinreicher Unternehmer aus Zypern, hat 2011 Ländereien im Wert von mehr als 33 Millionen Euro an einen katarischen Staatsfond verkauft. Es wird nicht bei diesen Enthüllungen bleiben. Bislang interessieren sich die so genannten Fifa-Ethiker weder für Platini und D'Hooghe noch für Lefkaritis. Aber die Einschläge kommen näher.

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paulroberts 02.06.2014
1. nicht nur die
Zitat von sysopDPAEs handelt sich um einen gigantischen Daten-Schatz: Millionen E-Mails und Dokumente sollen laut "Sunday Times" neue Hinweise für Korruption im Zusammenhang mit der WM-Vergabe an Katar liefern. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-2022-in-katar-korruptionsvorwuerfe-gegen-bin-hammam-a-972938.html
Auch bei der brasilianischen WM müssen wir uns wohl langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass sie ausfällt.
topsykrett 02.06.2014
2. Neuvergabe gefordert
Es war doch jedem von Anfang an klar: Ein Mini-Land, das mit Fußball so viel zu tun hat wie Uli Hoeneß mit Steuerehrlichkeit und nur mit Mühe 11 kickende Jungs zusammen bekommt, soll eine WM austragen. Und das noch bei brütender Hitze. Dass hier was gnadenlos schief gelaufen ist, war wohl jedem klar. Nun gibt es Gewissheit. Jetzt sind Strafen gefordert und eine Neuvergabe der WM.
welthungerkrise 02.06.2014
3.
hoffentlich!
raber 02.06.2014
4. Fifa, Qatar 2022, Bestecher und Bestochene
Ist die Finanzierung seitens Qatar der Blatter-Wahlkämpfe 1998 und 2002 überhaupt normal? Wieso ist es kein Skandal? Warum schreibt SPON über Hammam und einige Fifa-Leute, aber bur kurz über Blatter? Wo es Bestecher gibt, gibt es Bestochene, die genauso schlimm sind. Wer hatte das Stimmrecht Deutschlands um für den 2022-WM-Standort zu wählen?
chrimirk 02.06.2014
5. Fällt aber spät ein!
Zitat von sysopDPAEs handelt sich um einen gigantischen Daten-Schatz: Millionen E-Mails und Dokumente sollen laut "Sunday Times" neue Hinweise für Korruption im Zusammenhang mit der WM-Vergabe an Katar liefern. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-2022-in-katar-korruptionsvorwuerfe-gegen-bin-hammam-a-972938.html
Bei der Vergabe haben alle gejubelt, jetzt ist plötzlich alles in Katar (vorher war es ähnlich mit Sotchi in RU) wieder "be" und vor allem: alle haben es schon gleich am Anfang gewusst! Wie sagte der berühmte A. Schopenhauer: "Es liegt an der natürlichen Schlechtigkeit des Menschen". Und wie er da recht hat. Nicht nur in diesem Fall!
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