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Verfahren wegen WM-Affäre: Die Fifa treibt den DFB vor sich her

Ein Kommentar von Gunther Latsch

Zentrale der FIFA in Zürich Zur Großansicht
AFP

Zentrale der FIFA in Zürich

Die Fifa-Ethikkommission erforscht die WM-Vergabe 2006 nun offiziell. Der Auftrag ist überraschend deutlich formuliert. Das Gremium meint es offenbar ernst mit dem Neuanfang im Fußball. Und bringt den DFB damit in Bedrängnis.

Nun ist es offiziell: Die Fifa-Ethikkommission wird die WM-Vergabe 2006 in einem förmlichen Verfahren untersuchen - um festzustellen, ob sich Deutschland "Vorteile durch möglicherweise ungerechtfertigte Zahlungen und Verträge" verschafft hat, wie es in der Mitteilung der Kommission heißt. Dass dies so kommen würde, galt zwar unter Experten als ausgemacht. Dennoch ist die Entscheidung eine Überraschung - wegen der Klarheit des Untersuchungsauftrags.

Es geht einzig und allein um mögliche Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe der WM 2006. Nicht um etwaige Schmiergelder im Umfeld von Fifa-Präsidentenwahlen und andere dunkle Machenschaften, von denen manche DFB-Funktionäre und ihre medialen Helferlein in den vergangenen Monaten geraunt hatten.

Das ist um so bemerkenswerter, weil die Ethikkommission ihre Entscheidung explizit auf den Anfang März veröffentlichten Report der Kanzlei Freshfields stützt. Denn deren Anwälte hatten sich in puncto möglicher Unregelmäßigkeiten bei der WM-Vergabe, was die Bewertung angeht, vornehm zurückgehalten: Man habe dafür keine Beweise gefunden, wolle dies aber auch nicht ausschließen.

Viele Indizien, die den Verdacht der Korruption nähren

Ein erstaunlicher Befund. Denn auf nahezu der Hälfte des 360-Seiten-Berichts listen die Ermittler Indizien auf, die den Verdacht der Korruption im Umfeld der WM-Vergabe stützen. Etwa die Luxuslimousinen für einen afrikanischen Fußballfunktionär oder die milden Gaben an den thailändischen Fifa-Funktionär Worawi Makudi und seine Gattin. Vor allem aber die Weiterleitung der Dreyfus-Millionen an eine Firma des katarischen Fußballfunktionärs Mohammed Bin Hammam, wegen Korruption von der Fifa-Ethikkommission lebenslang gesperrt.

Und - last but not least - der Vertrag mit dem Verband des notorisch korrupten und von der Ethikkommission ebenfalls lebenslang gesperrten Jack Warner. Den hatte selbst DFB-Vize Reinhard Rauball als eindeutigen Bestechungsversuch gewertet, obwohl er letztinstanzlich nicht realisiert worden sei. Der Freshfields-Report dokumentiert, dass Teile des Abkommens sehr wohl realisiert wurden.

Dass die Ethikkommission nun die Ergebnisse des Reports offensiver interpretiert als dessen Autor, kann als Zeichen dafür gewertet werden, dass es zumindest die Unabhängige Ethikkommission der Fifa ernst meint mit dem Neuanfang im internationalen Fußball. Die Fifa-Ermittlungen aber setzen die DFB-Aufklärer unter Druck. Denn noch immer hat sich die Spitze des Verbands nicht von jenem Mann distanziert, der zu denen gehört, gegen die sich die Ermittlungen der Fifa-Kommission richten: Ex-Präsident Wolfgang Niersbach.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
wallot10 22.03.2016
Der Spiegel hat für die Berichte keinerlei Beweise vorgelegt, sondern nur Thesen. Das der Spiegel auch noch Monate später rumeiert, spricht Bände. Den Freshfield-Report gab es nur, weil der DFB ihn in Auftrag gegeben hat. Der DFB hätte auch einfach warten können, bis die Medien Beweise vorlegen. Dann wäre man bis heute keinen Schritt weiter. Es gehört anscheinend zur Berichterstattung dazu, dass man schon lange vermutende Thesen aufstellt und die Beweise schuldig bleibt. Von einem angesehenes Nachrichtenmagazin sollte man ein höheres Niveau erwarten können.
2.
Msc 22.03.2016
2006 muss sicher noch bearbeitet werden, aber wäre es nicht sinnvoller zuerstmal auf die Vergabe der WM 2018 und insbesondere 2022 zu schauen? Der Garcia Report von 2014 wurde immer noch nicht veröffentlicht. Augen zu und durch ist kein Neuanfang, liebe Fifa.
3.
Freidenker10 22.03.2016
Genauso wichtig wie die Fifa Ermittlungen finde ich die Ermittlungen des Kartellamtes gegen den DFB bezüglich der EM Tickets Vergabe! Die Zwangsmitgliedschaft beim DFB um an Tickets zu kommen ist eine Riesensauerei und unverschämte Geldmacherei! Wird Zeit das da endlich was dagegen unternommen wird! Der DFB denkt wohl er kommt mittlerweile mit allem durch...
4. FIFA meint es ernst? Ich habe da so meine...
philipp förster 22.03.2016
....Zweifel! Im Artikel http://www.spiegel.de/sport/fussball/franz-beckenbauer-und-wolfgang-niersbach-fifa-leitet-verfahren-ein-a-1083642.html heißt es, dass es bei Niersbach nur um den Verstoß gegen Verhaltensregeln, nämlich Meldepflichten beschränkt auf das Jahr 2015 geht, während gegen nicht mehr Aktive (Zwanziger, Schmidt, Beckenbauer) deutlich schwerere Vorwürfe erhoben werden, obwohl der Freshfieldsbericht nahe legt, dass Niersbach veranlasst hat, dass Akten aus dem DFB-Archiv verschwunden sind. Der aber ist nach wie vor Exekutivmitglied und wird offensichtlich geschont. Die Formulierung des "klaren Untersuchungsauftrages" scheint mir eher den Fokus auf die "Vorteile, die sich Deutschland verschafft hat" zu legen, als darauf, wer - innerhalb der FIFA - die Vorteile verschafft hat und welche strukturellen Bedingungen innerhalb der FIFA das begünstigt haben. Ich teile die Euphorie nicht, sondern denke, dass die FIFA mit dem milden Vorwurf gegen Niersbach im Verhältnis zu den massiven Vorwürfen gegen die anderen eher intendiert, vom eigenen Verband abzulenken.
5. Schön und gut
nesmo 22.03.2016
aber treibt die FIFA die Überprüfungen der Vergabe an Russland und Katar nun auch voran? Dort gibt es seit langem noch deutlichere Hinweise. Es ist natürlich einfacher, alte Vergaben zu skandalisieren, wenn es sich nicht um künftige Spiele handelt, die dadurch gefährdet werden könnten. Sieht fast nach einer Alibi- und Ablenkungsstrategie aus, mit der man seinen Aufklärungswillen demonstrieren will, aber keinesfalls den Spielplan wegen der unabsehbaren Konsequenzen durcheinander bringen will.
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