WM-Anekdoten 1600 Revolver fürs Finale

Schiedsrichter als Journalisten, gestohlene Bälle und ein Verband, der um WM-Teilnehmer betteln muss: Die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften hat allerlei Verrücktes zu bieten. SPIEGEL ONLINE blickt in die WM-Geschichte - und erzählt die skurrilsten Anekdoten.

Nationalspieler Zielinski, Szepan, Busch, Kress: Die WM-Helden von 1934
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Nationalspieler Zielinski, Szepan, Busch, Kress: Die WM-Helden von 1934


Schusswaffensammlungen vor dem Finale, Mannschaften, die barfuß spielen wollen oder Zahnbehandlungen für das gesamte Team vor Turnierbeginn: Die WM-Geschichte ist reich an kuriosen, lustigen, abseitigen und manchmal leider auch traurigen Ereignissen.

SPIEGEL ONLINE blickt zurück auf die Geschichten, die bei Weltmeisterschaften abseits der spektakulären Tore und großen Triumphe geschahen und beginnt mit den 30er Jahren - Geburt und Kindheit der Fußball-Weltmeisterschaften.

In den 1920er Jahren hatte der Fußball seinen Siegeszug in Europa und Lateinamerika angetreten. In vielen Ländern wurden bereits Meisterschaften ausgetragen, die Faszination des Sports als Massenvergnügen hatte gegriffen. Der Schritt zur Fußball-WM ließ aber zunächst auf sich warten. 1930 war es dann endlich soweit.

WM 1930 - Startschwierigkeiten in Uruguay

Die erste WM 1930 wäre beinahe ausgefallen. Kein Verband wollte sie ausrichten, die hohen Kosten schreckten ab. Buchstäblich in letzter Minute erklärte sich Uruguay bereit - das Land feierte 1930 sein 100-jähriges Bestehen. Aus Dankbarkeit über die Zusage ernannte der Weltverband Fifa den Botschafter Uruguays in Brüssel, Dr. Buero, zum Vizepräsidenten - er hatte die Nachricht über die Zusage überbracht.

Einen Ausrichter gab es nun. Doch wer wollte in Uruguay spielen? Mit Italien, Österreich, Spanien, Ungarn und der Tschechoslowakei sagten alle damaligen großen Fußballnationen ab. Die Briten waren gesperrt, den Skandinaviern war der Weg zu weit, ebenso den Deutschen, Schweizern, Niederländern. Schließlich sorgten die Fifa-Präsidenten in eigenen Landesverbänden für zwei Teilnehmer: Boss Jules Rimet in Frankreich und Vize Seeldrayers in Belgien.

Als die 13 Teilnehmernationen da waren, froren sie erst einmal. Am Eröffnungstag schneite es in Montevideo, es war eiskalt, und viele Schiffer aus dem benachbarten Argentinien blieben im Nebel stecken. 13. Juli - das bedeutete auf der südlichen Halbkugel Winter. Daran hatte vorher in Europa kaum jemand gedacht.

Zudem stellten die Gäste fest, dass das neue WM-Stadion noch eine Baustelle war. Montevideos Spitzenclubs Penarol und Nacional sprangen mit ihren Vereinsplätzen ein. Immerhin stellten die Gastgeber das Stadion noch vor dem Endspiel fertig. Schiedsrichter dieser Partie war der Belgier John Langenus. Er - mit Schildmütze, Krawatte und Samtweste bekleidet - setzte durch, dass alle 60.000 Zuschauer vor Spielbeginn einer Leibesvisitation unterzogen wurden. Der Unparteiische wusste offenbar, warum. 1600 Revolver wurden eingesammelt.

Langenus hatte übrigens eine Doppelfunktion: Als Berichterstatter für den "kicker" besserte er sein Gehalt auf. Von aktuellen Informationen konnte freilich keine Rede sein, alle Berichte mussten per Schiff transportiert werden. Am 29. Juli, dem Tag vor dem Finale, erschienen die ersten Berichte über die Vorrundenspiele. Die wenigen Informationen vom Endspiel waren erst am 26. August im "kicker" zu lesen - 27 Tage nach Schlusspfiff des Turniers. Der Artikel umfasste 22 Zeilen.

Das Finale entschieden die Gastgeber 4:2 gegen Argentinien für sich. Zwar lagen die Argentinier nach der ersten Halbzeit, in der ein argentinischer Ball benutzt wurde, 2:1 vorn. In Hälfte zwei kam das Spielgerät dagegen aus Uruguay - und der Gastgeber schoss noch drei Tore.

WM 1934: "Rohheit triumphiert"

Trainingslager? Was heute selbstverständlich ist, war in Deutschland eine beinahe revolutionäre Neuerung, die sich Reichstrainer Otto Nerz erkämpfen musste. Erstmals gab es für die Nationalspieler einen so genannten "Kursus". Der zahlte sich offenbar aus: Deutschland belegte den dritten Platz durch ein 3:2 gegen Österreich. Kurios: Uruguay trat nicht an. Der Titelverteidiger war beleidigt, dass bei der WM vier Jahre zuvor viele europäische Länder nicht dabei gewesen waren.

Das Turnier 1934 war geprägt von der politischen Situation Italiens. Die Faschisten herrschten - alles andere als den WM-Titel hätte Diktator Benito Mussolini nicht akzeptiert. Also spielten die Italiener nicht zimperlich, dezimierten die Gegner durch Fouls. Im Viertelfinale streckten sie den spanischen Torwart Zamora per Faustschlag nieder. Das Spiel wurde wiederholt, Spanien beendete die Partie mit nur sieben unverletzten Spielern. Zudem übten die Gastgeber Druck auf die Schiedsrichter aus. Im Halbfinale gegen Österreich köpfte der Unparteiische den Ball weg, als ein österreichischer Spieler allein auf das italienische Tor zulaufen wollte. Selbst der im politisch befreundeten Deutschland erscheinende "kicker" titelte nach dem Titelgewinn der Italiener: "Rohheit triumphiert".

WM 1938: Wie das NS-Regime der Schweiz ein Heimspiel verschaffte

Ein Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkrieges erlebte das Nazi-Regime bei der WM in Frankreich eine peinliche Pleite. Am 9. Juni 1938 schied die deutsche Nationalmannschaft schon in der Vorrunde aus. Die Schweiz gewann nach einem 1:1 das Wiederholungsspiel 4:2 und warf damit den heimlichen Favoriten "Großdeutschland" vorzeitig aus dem Rennen.

Das Hitler-Regime hatte dem Turnier schon vorher Probleme bereitet. Bei der WM-Auslosung erhielt Deutschland für die Vorrunde die Schweiz als Gegner, Österreich die Schweden. Eine Woche später verkündete Hitler nach dem Einmarsch am 13. März in Wien das "Großdeutsche Reich" - dem Turnier fehlte plötzlich ein Teilnehmer. Am 1. Mai beschloß die Fifa nach dem Ausfall von Österreich, Vorrundengegner Schweden kampflos für die nächste Runde zu qualifizieren. Gleichzeitig verlegte der Weltverband das Spiel Deutschland gegen die Schweiz ohne Angabe von Gründen von Straßburg nach Paris.

Damit schlug der Weltverband den Nazis ein Schnippchen. Denn die extremen Devisenbestimmungen (nur zehn Mark pro Ausreise) der Nazis machten allen deutschen Fans die Reise nach Paris unmöglich. Die Schweizer dagegen schickten Sonderzug um Sonderzug in die französische Hauptstadt. Im Prinzenparkstadion hatten die Eidgenossen damit praktisch ein Heimspiel. Mehr als 20.000 Schweizer feuerten ihre Elf an, die trotz eines 0:2-Rückstandes noch zum 4:2-Sieg gegen Deutschland kam.

Für ein Kuriosum sorgte Niederländisch-Ostindien (das heutige Indonesien). Das Land verlor gegen Ungarn - und damit war das Turnier für die Exoten beendet. Damit ist Niederländisch-Ostindien bis heute der einzige WM-Teilnehmer, der lediglich ein WM-Spiel bestritt.

Lesen Sie im zweiten Teil über die 50er und 60er Jahre vom unglücklichsten Torwart der deutschen WM-Geschichte und wie ein ganzes fußballbegeistertes Land zum Schweigen gebracht wurde.



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Fate2k4 19.06.2010
1. Titel
Das Turnier 1934 war geprägt von der politischen Situation Italiens. Die Faschisten herrschten - alles andere als den WM-Titel hätte Diktator Benito Mussolini nicht akzeptiert. Also spielten die Italiener nicht zimperlich, dezimierten die Gegner durch Fouls. Im Viertelfinale streckten sie den spanischen Torwart Zamora per Faustschlag nieder. Das Spiel wurde wiederholt, Spanien beendete die Partie mit nur sieben unverletzten Spielern. Zudem übten die Gastgeber Druck auf die Schiedsrichter aus. Im Halbfinale gegen Österreich köpfte der Unparteiische den Ball weg, als ein österreichischer Spieler allein auf das italienische Tor zulaufen wollte. Selbst der im politisch befreundeten Deutschland erscheinende "kicker" titelte nach dem Titelgewinn der Italiener: "Rohheit triumphiert". Lol es hat sich nichts geändert *g* xD
haltetdendieb 19.06.2010
2. Lol es hat sich was geändert *g*
Zitat von Fate2k4Das Turnier 1934 war geprägt von der politischen Situation Italiens. Die Faschisten herrschten - alles andere als den WM-Titel hätte Diktator Benito Mussolini nicht akzeptiert. Also spielten die Italiener nicht zimperlich, dezimierten die Gegner durch Fouls. Im Viertelfinale streckten sie den spanischen Torwart Zamora per Faustschlag nieder. Das Spiel wurde wiederholt, Spanien beendete die Partie mit nur sieben unverletzten Spielern. Zudem übten die Gastgeber Druck auf die Schiedsrichter aus. Im Halbfinale gegen Österreich köpfte der Unparteiische den Ball weg, als ein österreichischer Spieler allein auf das italienische Tor zulaufen wollte. Selbst der im politisch befreundeten Deutschland erscheinende "kicker" titelte nach dem Titelgewinn der Italiener: "Rohheit triumphiert". Lol es hat sich nichts geändert *g* xD
Doch es hat sich was geändert. Heute entscheiden die Schiedsrichter die Spiele durch lächerlichste Rote Karten! Wie auch heute bei Ghana gegen Australien! Woher haben die eigentlich diese Schiedsrichter. Wer übt da heute Druck aus?
mavoe 20.06.2010
3. Politisch befreundet, 1934
Zitat von Fate2k4Das Turnier 1934 war geprägt von der politischen Situation Italiens. Die Faschisten herrschten - alles andere als den WM-Titel hätte Diktator Benito Mussolini nicht akzeptiert. Also spielten die Italiener nicht zimperlich, dezimierten die Gegner durch Fouls. Im Viertelfinale streckten sie den spanischen Torwart Zamora per Faustschlag nieder. Das Spiel wurde wiederholt, Spanien beendete die Partie mit nur sieben unverletzten Spielern. Zudem übten die Gastgeber Druck auf die Schiedsrichter aus. Im Halbfinale gegen Österreich köpfte der Unparteiische den Ball weg, als ein österreichischer Spieler allein auf das italienische Tor zulaufen wollte. Selbst der im politisch befreundeten Deutschland erscheinende "kicker" titelte nach dem Titelgewinn der Italiener: "Rohheit triumphiert". Lol es hat sich nichts geändert *g* xD
DA wars noch anders wg. Österreich, Südtirol oder so Da musste erst die "Abessinienkrise" kommen und Mussolini hat sich an Hitler gewendet wie ein winselnder Hund. OT
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