WM-Anekdoten Ein Jahrhundertspiel und ein Jahrhundertskandal

Sie sind beide unvergessen: das Halbfinale Deutschlands 1970 gegen Italien und die "Schande von Gijon" 1982. Die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften ist voll von Anekdoten wie diesen. SPIEGEL ONLINE blickt im dritten Teil der Serie auf die siebziger und achtziger Jahre zurück.

Schnellinger, ausgerechnet Schnellinger: Trost nach dem "Jahrhundertspiel"
dpa

Schnellinger, ausgerechnet Schnellinger: Trost nach dem "Jahrhundertspiel"


Lesen Sie im ersten Teil der WM-Anekdoten, wie vor dem ersten WM-Finale eine Revolversammlung stattfand und im zweiten Teil, warum Brasiliens Spielern die Zähne gezogen wurden.

Karl-Heinz Schnellinger hätte wissen müssen, worauf er sich eingelassen hatte. "Und ich Esel wollte unbedingt zu meiner vierten WM...", soll er morgens beim Frühstück im Mannschaftshotel gesagt haben. Kamen die Spieler vom Training auf dem nahen Golfplatz, sahen sie aus, als seien sie gerade einem Schwimmbad entstiegen. Im Betonkessel des Stadions von León waren regelmäßig mehr als 50 Grad Celsius. Letztlich scheinen die Temperaturen der deutschen Elf aber nicht geschadet zu haben.

Erst gewann sie das Viertelfinale gegen England 3:2 nach Verlängerung. Abends im Hotel sah Bundestrainer Helmut Schön bewusst zur Seite: Reihenweise hockten seine Spieler an der Bar - nach der Hitze des Tages war ein kühles Bier doppelt verlockend.

Wie viel an diesem Abend getrunken wurde, ist nicht überliefert. Schnellinger mit seinen damals 31 Jahren scheint sich aber zurückgehalten zu haben. Drei Tage später erzielte er in der Nachspielzeit des Halbfinals zwischen Italien und Deutschland den 1:1-Ausgleich und erzwang die Verlängerung. Diese wurde zum Krimi, fünf weitere Treffer fielen, Italien gewann 4:3. Deutschland konnte sich damit trösten, der Hitze getrotzt und am "Spiel des Jahrhunderts" teilgenommen zu haben. Vor dem Azteken-Stadion in Mexiko-Stadt erinnert bis heute eine Tafel an die legendäre Partie.

WM 1974: Katerstimmung beim Siegerbankett

Deutschland war 1974 zum zweiten Mal nach 1954 Weltmeister - und die Stimmung dennoch getrübt. Noch am Abend des Finalsieges gegen die Niederlande (2:1) erklärten Paul Breitner und Gerd Müller ihren Rücktritt aus der Nationalelf. Grund: Wegen des Ausschlusses der Spielerfrauen vom offiziellen Bankett wollten beide nicht mehr für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) spielen. Auch Wolfgang Overath und Jürgen Grabowski verabschiedeten sich als Weltmeister.

Die Schotten dürften aus einem anderen Grund sauer gewesen sein. Schottland verlor bei dem Turnier kein Spiel - und schied trotzdem ungeschlagen nach der Vorrunde aus. Dieses Schicksal ereilte neben Schottland bisher nur Kamerun 1982 und Neuseeland bei der WM 2010.

WM 1978: Im Zeichen der Militärdiktatur

Das Turnier 1978 in Argentinien war umstritten, weil in dem Land eine Militärjunta herrschte. Cesar Luis Menotti, der die argentinische Mannschaft zum Weltmeistertitel führte, ließ seine Abneigung gegen das Regime immer wieder durchblicken. Nach dem gewonnenen Finale gegen die Niederlande (3:1 nach Verlängerung) verweigerte er Junta-Chef Jorge Rafael Videla öffentlich den Handschlag. Auf der Pressekonferenz sagte er: "Meine talentierten, klugen Spieler haben die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt."

Der DFB-Tross zeigte sich von der Kritik am Militärregime komplett unbeeindruckt. DFB-Boss Hermann Neuberger lud gar den ehemaligen Nazi-General Hans-Ulrich Rudel in das deutsche Quartier Ascochinga (übersetzt: Toter Hund) ein und sorgte damit für einen Polit-Skandal erster Güte. Rudel hatte wie viele ehemalige Nationalsozialisten nach dem Zweiten Weltkrieg in Argentinien eine neue Heimat gefunden. Neuberger konterte die Kritik, diese käme "einer Beleidigung aller deutschen Soldaten gleich". Die Strafe für eine solche Haltung gab es auf dem Platz. 1978 wird auf ewig mit der 2:3-Niederlage gegen Österreich verbunden sein, der Schmach von Córdoba.

WM 1982: Der Nicht-Angriffspakt von Gijon

Deutschland und Österreich lieferten bei der WM 1982 in Spanien das wohl beschämendste Spiel der WM-Geschichte ab. Die DFB-Elf führte nach einem Tor von Horst Hrubesch 1:0. Mit diesem Resultat waren beide Teams weiter - zu Lasten von Algerien, das Deutschland zuvor überraschend 2:1 besiegt hatte. Österreicher und Deutsche verzichteten fortan auf jegliche Offensivaktionen. Dieses unfaire Verhalten brachte ihnen heftige Kritik ein. Der schale Beigeschmack der Unfairness blieb am deutschen Team bis zum Finale haften, zumal Torwart Toni Schumacher im Halbfinale gegen Frankreich (8:7 nach Elfmeterschießen für Deutschland) Patrick Battiston brutal foulte und dem Franzosen dabei mehrere Zähne ausschlug.

Wenigstens ein Deutscher sorgte in Spanien für Heiterkeit. Schiedsrichter Walter Eschweiler legte nach einem Zusammenprall mit dem Peruaner Velasquez im Spiel gegen Italien (1:1) einen unfreiwilligen Purzelbaum hin, der ihm eine blutende Nase einbrachte. Eschweiler, im Hauptberuf im Auswärtigen Amt tätig, wurde durch seine "Diplomatenrolle" mit einem Schlag berühmt.

WM 1986: Die Maßeinheit "Beckenbauer"

Bei der WM in Mexiko waren die Ereignisse im deutschen Quartier fast interessanter als die Spiele. Uli Stein fand sich nicht damit ab, im Tor nur die Nummer zwei hinter Toni Schumacher zu sein, sonnte sich, wenn andere sich aufwärmten, schimpfte Teamchef Franz Beckenbauer einen "Suppenkasper" und erntete schließlich den zweifelhaften Ruhm, als erster deutscher Spieler von einer WM vorzeitig nach Hause geschickt worden zu sein.

Derweil beklagte sich Karl-Heinz Rummenigge, von seiner Verletzung noch nicht wieder ganz genesen, der "Kölsche Klüngel" um Toni Schumacher, Klaus Allofs und Pierre Littbarski verhindere seinen Einsatz. Und Beckenbauer selbst hatte phasenweise schwache Nerven, weshalb die in demselben Hotel untergebrachten Journalisten kurzerhand eine neue Maßeinheit definierten: Ein "Beckenbauer" war demnach die kürzeste Entfernung zwischen zwei Fettnäpfchen.

Dass Deutschland trotz aller Streitereien bis ins Finale (2:3 gegen Argentinien) kam, hatte es vor allem seiner ärztlichen Abteilung zu verdanken. Die DFB-Elf war ihren Gegnern konditionell und damit in Sachen Konzentration überlegen. Wenn andere Teams nach Spielen in der Hitze noch regenerierten, hatte Internist Heinz Liesen die Deutschen schon durch die intravenöse Zufuhr körpereigener Stoffe wieder fit gemacht.

England stellte in der Partie gegen Marokko die Beobachter vor Probleme: Nach einem Spielerwechsel standen zwei Spieler auf dem Platz, die Gary Stevens hießen.

Lesen Sie im vierten und letzten Teil der WM-Anekdoten-Serie von dem ältesten WM-Torschützen der Geschichte, von Stinkefingern und Hooligans. Dann geht es um die Weltmeisterschaften von 1990 bis heute.



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Seite 1
bkcr4449 06.07.2010
1. "Schande von Gijon"
Zitat von sysopSie sind beide unvergessen: das Halbfinale Deutschlands 1970 gegen Italien und die Schande von Gijon 1982. Die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften ist voll von Anekdoten wie diesen. SPIEGEL ONLINE blickt im dritten Teil der Serie auf die 70er und 80er Jahre zurück. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,699446,00.html
Ich frag mich ja manchmal schon, ob die Leute, die von dem 82er Spiel gegen Österreich berichten, dass Spiel eigentlich jemals gesehen haben. Immer wieder ist darüber zu lesen, dass gleich nach dem 1:0 durch Hrubesch in der 11. Minute der Spielbetrieb von beiden Mannschaften eingestellt worden sei. So auch wieder in dem oben zitierten Artikel. Dem war aber nicht so! Die erste Hälfte hat Deutschland weiterhin versucht, ein zweites Tor zu erzielen. Erst in der 2. Hälfte wurde das Spiel immer schwächer. Es war jedoch nie so schlimm, wie immer wieder behauptet wird. Wer sich selbst einen Eindruck verschaffen will, der kann sich die folgenden Zusammenfassungen ansehen: http://www.youtube.com/watch?v=31qjzTy0hww http://www.youtube.com/watch?v=hiImsCsg1Po Da gab es bei dieser WM einige Spiele mit weniger Aktionen.
Brand-Redner 06.07.2010
2. Entwicklungsschub
---Zitat--- Deutschland und Österreich lieferten bei der WM 1982 in Spanien das wohl besch_ähm_endste Spiel der WM-Geschichte ab. ---Zitatende--- Wenn das die Steigerung für das beschämendste Spiel sein soll, sei es in Ordnung. Nur allzu gut erinnert man sich an dieses Kasperletheater, das beide Teams dort veranstalteten und dem wir die heutige Parallelität entscheidender Vorrundenspiele verdanken. ---Zitat--- Der schale Beigeschmack der Unfairness blieb am deutschen Team bis zum Finale haften, zumal Torwart Toni Schumacher im Halbfinale gegen Frankreich (8:7 nach Elfmeterschießen für Deutschland) Patrick Battiston brutal foulte und dem Franzosen dabei mehrere Zähne ausschlug. ---Zitatende--- Zudem hatte der Schiri gepennt; er stellte Schumacher nicht einmal vom Platz! Als Ausgleich dafür erhält mancher Spieler heute schon wegen Hemdchenzupfens Gelb oder Gelb-Rot. Fazit: Auch mit solchen unrühmlichen Spielen haben unsere Helden zur Weiterentwicklung des Fußballsports und seiner Regeln beigetragen - wenn auch höchst unfreiwillig.
Scheune68 06.07.2010
3. Na ja...
Ich finde ja auch, dass die Deutschen bei der "Schande von Gijon" immer zu schlecht wegkommen. Man vergißt auch gerne, dass Algerien am Tag zuvor gegen Chile bereits mit 3:0 (Endstand 3:2)geführt hatte. Und wäre es bei diesem 3:0 geblieben, wäre Österreich mit dem 0:1 ausgeschieden. Nach der deutschen Führung wäre dswegen wohl mehr Pep im Spiel gewesen.... Im übrigen meine ich mich zu erinnern, dass NACH diesem Spiel bei der FIFA der Entschluss gereift ist, die jeweils letzten Spiele in der Gruppenphase zeitgleich auszutragen. Und übrigens: blieb nicht auch Kamerun in diesem Turnier ungeschlagen, mußte aber nach 3 Unentschieden (u.a. gegen den späteren Weltmeister Italien) nach der Gruppenphase nach Hause???
FennerundStern 06.07.2010
4. Kleine Korrektur zur WM 1978
Der im Artikel im Passus WM 1978 erwähnte Hans-Ulrich Rudel war kein "Nazi-General" wie Sie schreiben, sondern war zum Kriegsende Oberst der Luftwaffe.
SWB 06.07.2010
5. Nazi Rudel
Zitat von FennerundSternDer im Artikel im Passus WM 1978 erwähnte Hans-Ulrich Rudel war kein "Nazi-General" wie Sie schreiben, sondern war zum Kriegsende Oberst der Luftwaffe.
Ja, Rudel war ein Nazi-Oberst. Mit Betonung auf Nazi, denn er war ein besonders übler Nazi - und ob er das als General oder, eins darunter, als Oberst war, ist vollkommen wurscht.
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