WM-Aus im Zug Als hätte der Schaffner das Mikrofon kaputtgebissen

Das Schicksalsspiel der DFB-Elf über wackliges Bahn-WLAN im Zug verfolgen müssen? Eine echte Strafe, dachte Anja Rützel. Dann entdeckt sie die Poesie des Gomez-Ellenbogens - und eine verlorene Welt, in der jeder die Nerven behält.

Zug mit WLAN
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Zug mit WLAN


Ich habe mein wertvollstes Gut an Jogi Löw verschleudert, ich bin ein Narr. Eine Stunde vor Anpfiff des Spiels Südkorea gegen Deutschland war ich in Köln missmutig in einen knallvoll besetzten Zug nach Berlin eingestiegen, umständehalber, es ging nicht anders, ein unaufschiebbarer Termin.

Als wir losfuhren, hatte ich mich in das launische, heute aber überraschend stabile, bahneigene Bord-WLAN eingeloggt und die ZDF-Vorberichterstattung angeschaut - und völlig vergessen, dass Internet beim Bahnfahren eine endliche Ressource ist, nur 200 MB kann man pro Tag als Zweitklassenreisender pro Gerät verbrauchen.

Ich schaute mir also etwas schläfrig Beiträge über russische Fischersfrauen an, die gern handarbeiten, ich lernte in einem Kommentar über die Solidaritätsgeste der schwedischen Mannschaft, dass "Fuck Racism" auf deutsch "Gib Rassismus keine Chance" heißt, "frei übersetzt" eben, sagte der Mann im ZDF.

Und ich war fasziniert von der Lurchiheft-haften Reimkunst des Jogi Löw, der, - vor dem Spiel gefragt, ob er Angst davor hätte, dass bei Punktgleichstand eventuell ein Los darüber entscheiden könnte, wer in der Gruppe weiterkommt - in absurde Verssprache verfiel: "Wir brauchen kein Los, wir haben Kroos." Solches Geknittel kennt man stilistisch sonst so nur aus den "Sechzig Jahre, frisch und froh, Sigismund, mach weiter so"-Anzeigen in braven Lokalzeitungen.

So sehr ergötzte ich mich an diesem Jogi-Reim, dass ich mich in die Vorstellung hineinsteigerte, wie er seine Mannschaft bei Trainingslagern und anderen Aushäusigkeitsterminen regelmäßig zu Bunten Abenden verhaftete - Teilnahme obligatorisch -, bei denen er dann extrem längliches Selbstgedichtetes aufsagte, in dem jeder Spieler sein persönliches Verslein bekam: "Wer zahlt pünktlich seine Steuer? / Stets verlässlich: Manuel Neuer", zum Beispiel. "Wer trabt, als wär er Brigitte Mira? / Gott hab sie selig - Sami Khedira!", solche Sachen.

Jérôme Boateng als Zuschauer
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Jérôme Boateng als Zuschauer

Irgendwann fing dann das Spiel an. Es machte keinen Spaß zuzusehen, aber ich hatte ohnehin erst gar nicht damit gerechnet, dass das technisch im Zug klappen würde, also war ich zunächst ganz gut gelaunt. Dumm war nur, dass ich mein schmales, nachlässig für Löw-Lyrik verprasstes Datenguthaben schon weit vor Ende der ersten Halbzeit aufgebraucht hatte. Der ZDF-Stream ruckelte, stotterte und fror dann mit einem wunderschönen Tribünen-Bild ein, das den gesperrten Jérôme Boateng mit einer wunderlichen, rundglasigen Sonnenbrille zeigte, die seinen Look wie ein hastig zusammengestelltes Cosplay von Puck, der Stubenfliege, wirken ließ.

Düsterer Totentanz mit Ball

Mein Sitznachbar drüben auf der anderen Seite vom Gang riet mir, auf eine Radio-Live-Übertragung umzuschalten, das sei wahnsinnig lustig. Ich drückte mein Ohr also in die Sitzlehnenlücke zwischen meiner Nebensitzerin und mir und hörte bei meinen beiden rückwärtigen Nachbarn mit, die keine Kopfhörer dabei hatten und den Deutschlandfunk-Kommentar darum in Flüsterlautstärke laufen ließen.

Es fühlte sich ein bisschen an wie damals als Kind, als ich mein Ohr heimlich vom dunklen Gang aus an den Spalt der angelehnten Wohnzimmertüre drückte, um das verbotene"Aktenzeichen XY" zumindest anzuhören, wenn ich es schon nicht sehen durfte. Damals hatten die berichteten Gräueltaten, ganz ohne Bilder, eine noch gruseligere Wirkung auf mich, und genauso war es jetzt mit dem Spiel: Weil ich bei der Beschreibung der desolat-freudlosen Geschehnisse auf meine Fantasie zurückgreifen musste, um sie synchron zu bebildern, wurde das unselige Spiel in meinem Director's Cut zu einem düsteren Totentanz mit Ball.

Gomez und der Grashalm

Aber der Gangnachbar hatte schon recht, es gab wirklich amüsante Momente. Wenn man sein Hirn von der Leine lässt und sich seine ganz eigenen Bilder zu Sätzen wie "Kimmich bleibt dran, Kimmich beißt sich fest" aufziehen lässt, ist das garantiert lustiger als die Realität. Schnapp! Mein Lieblingsmoment: Als die Kommentatorin nach Art einer Naturforscherin beschrieb, wie Mario Gomez unmittelbar vor einem südkoreanischen Eckball einfach nur so da stand: "Er starrt auf seinen Ellenbogen. Er entdeckt darauf einen Grashalm. Jetzt entfernt er diesen Grashalm." Das ist wunderschöne Radio-Poesie, lärmende Fernsehbilder würden solche zarten Momente nur grob weggrätschen.

Dann, als es zu Ende ging und das erste Tor von Südkorea gültig gegeben wurde, setzte für einen Moment auch das WLAN aus. Mitfühlende Technik! Mein Gangnachbar stöpselte seine Kopfhörer aus und klappte das Laptop zu. "Warum denken wir, dass wir Weltmeister werden können, wenn es bei uns noch nicht mal für vernünftiges Internet reicht?", sagte er ganz leicht in den Waggon, nicht möpperig, nicht biestig, sondern gut gelaunt fatalistisch. In Kenia funktioniere das sehr viel besser als hier im Zug.

Als wir gerade Wustermark passierten und es wirklich vorbei war, machte der Mann hinter mir kurz ein wehes Geräusch wie ein verwundeter Kleinbeutler. Er tat mir sehr leid. Sein Kumpel lapidarisierte den Schmerz aber gleich mit einer präzise applizierten "Das war's dann"-Kompresse weg, und beide waren danach wieder ganz munter. Der Schaffner meldete sich mit einer Durchsage: "Meine Damen und Herren, zwei Ergebnisse: Schweden gegen Mexiko: Drei zu null. Südkorea gegen Deutschland: Zwei zu null", dann wurde der Ton knacksend abgedreht, kein Wort dazu, dass das nun also auch das WM-Aus bedeutete.

Die Leute im Waggon lachten ein bisschen, nicht schadenfroh über die Ergebnisse, sondern weil es eben wirklich so klang, als hätte der Schaffner verzweifelt das Mikrofon kaputtgebissen. Meine Sitznachbarin war längst weggeschlummert, zugedeckt von wohligem Desinteresse.

Und dann, man kennt das bei derartigen Aufwühlemomenten so nicht mehr, kehrten alle für die restliche Fahrzeit still in ihr eigenes Leben zurück. Keiner grollte, keiner möpperte, keiner hetzte, es gab keine Schuldzuweisungen oder Hämesprüche, nur friedliches Achselzucken, na ja, nicht so schlimm.

Twitter lief innerhalb weniger Sekunden heiß wie ein getunter Dampfkochtopf, aber hier im Abteil war es ganz ruhig und nonchalant. So ungewohnt, so unaufgeregt, so unglaublich angenehm. Keine Aufregesummserei, reflexhaftes Gerattere, kollektives Aufmanteln. Alle behielten die Nerven. Ich fuhr mit im Zug der Wohltemperierten, und ich wollte nie wieder aussteigen.



insgesamt 23 Beiträge
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Magoo 28.06.2018
1. Ein Meisterwerk
In Anbetracht solch einer Niederlage einen solchen Twist aus dem WM-Aus zu ziehen ist ganz großer Journalismus! Ausgezeichnet formuliert und noch ausgezeichneter zugehört. "Shut up and listen" bewährte sich mal wieder als einer Wunderwaffe der Kommunikation! Toller Artikel, Frau Rützel!
hal5000 28.06.2018
2. Wohltemperiert
Wer "Wohltemperiertheit" als Idealzustand ansieht, befindet sich allerdings nicht nur im Intercity in der 2. Klasse am richtigen Ort. Mittels "Wohltemperiertheit" wäre der Säuger nicht zur dominanten Lebensform auf der Erde aufgestiegen, sondern könnte sich zusammen mit dem Lurch im wohltemperierten Schlamm wälzen, wann immer sein vegetatives Nervensystem ihm dazu den erforderlichen Reiz vermittelt. Manchmal ist das Gute, meinetwegen auch das "Wohltemperierte", einfach nur des Besseren Feind...
dasfred 28.06.2018
3. Herzlichen Dank für diesen Blick in eine andere Welt
Das Fussball eigentlich meilenweit an mir vorbei läuft, ist mir wieder aufgefallen, als ich bei dem Foto im ersten Moment dachte, mein Gott, was ist Kanye West doch dünn geworden. Die Situation im Zug haben sie so wunderbar dargestellt, dass ich mich fast fühle, als wäre ich dabei gewesen. Das hat in meiner Jugend kein Abenteuer Roman geschafft. Aber was sage ich, jemand der TV Trash vergolden kann, kann auch einer WM Niederlage noch heiter Besinnliches abgewinnen.
henrich.wilckens 28.06.2018
4. Weltschmerz
Liebe Anja Rützel, nach Lektüre Ihrer Analyse wird der bleierne Weltschmerz, der sich über die Seele der Nation legt, schon wieder einen winzigen Hauch erträglicher - oder ist es nur die Ablenkung?
gewappnetTS 28.06.2018
5. Fast schon eine Kurzgeschichte
Frau Rützel sollte endlich einen festen Kolumnenplatz bei SPON bekommen. Ein Kleinod wie dieses passt einfach nicht mehr in das Schema „gelegentliche TV-Kritik“. Hoffentlich taucht diese Kurzgeschichte auch in einer zukünftigen Buchveröffentlichung von ihr auf.
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