WM-Ausrichter Südafrika "Kunststücke wichtiger als Tore"

Südafrika ist 2010 WM-Gastgeber. Der Fußball des Landes liegt allerdings danieder. Der am Kap als Trainer tätige Ernst Middendorp spricht im Interview über ballverliebte Afrikaner, intrigante Verbandsfunktionäre und die Probleme, eine Weltmeisterschaft zu organisieren.


Frage: Herr Middendorp, hat es Sie überrascht, dass sich Südafrika nicht für die derzeit laufenden Fußball-WM qualifizieren konnte?

Middendorp: Nachdem ich mittlerweile ein Jahr hier arbeite, muss ich sagen: nein. Viele Nationalspieler sind im Ausland aktiv. Leider ist es der sportlichen Führung nicht gelungen, die Mannschaft zu einem harmonischen Ganzen zusammenzufügen. Hinzu kommt, dass innerhalb eines Jahres drei Trainer das Team betreut haben.

Frage: Also ist die derzeitige Misere hausgemacht und hat nicht nur mit der Qualität des Spielermaterials zu tun?

Middendorp: Man kann sich im südafrikanischen Verband nicht auf eine einheitliche Linie verständigen. Und wenn du in Südafrika zwei Spiele hintereinander verlierst, bist du als Nationaltrainer schon gefährdet.

Frage: Ist abzusehen, wer Südafrika auf die WM 2010 vorbereiten soll?

Middendorp: Man hat drei Einheimische in die engere Wahl gezogen, die jetzt aber schon wieder in Konkurrenz zu Sven-Göran Eriksson (scheidender englischer Nationalcoach; die Red.) stehen. Selbst ein Luiz Felipe Scolari (portugiesischer Coach; die Red.) wird hier negativ diskutiert, weil er bei der letzten Europameisterschaft das Finale verloren hat, und so etwas ist wie ein dunkler Fleck. Man versucht relativ schnell, bei jedem das Negative zu entdecken und die Dinge größer zu machen als sie sind.

Frage: Müsste der Verband nicht froh sein, jemanden wie Scolari zu bekommen? Oder ist der Reiz, das Gastgeberland der WM 2010 zu trainieren, dermaßen groß?

Middendorp: Alle in Frage kommenden Trainer werden die Situation sehr genau beobachten. Natürlich wissen sie, dass in den vergangenen Jahren elf oder zwölf Trainer verschlissen wurden. Auch das Geld ist nicht immer entscheidend, die Leute wollen schließlich sportlichen Erfolg. Inwieweit der südafrikanische Verband da nah an der Realität ist, kann man sicherlich diskutieren.

Frage: Muss einem angesichts des derzeitigen Leistungsstandes der "Bafana Bafana", wie das südafrikanische Nationalteam heißt, nicht angst und bange für 2010 werden?

Middendorp: Nein. Ich glaube, dass Guus Hiddink 2002 mit Südkorea gezeigt hat, was möglich ist. Dafür hat er lediglich zwei Jahre gebraucht. In dieser Zeit kann man eine Menge erreichen, wenn man die eigenen Vorstellungen umsetzen darf. Das ist das Wesentliche: dass man sich auf eine Person einigt und ihr die volle Kompetenz und Verantwortung überträgt.

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DPA

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Frage: Hätten Sie selbst Interesse an dem Job?

Middendorp: Aktuell überhaupt nicht. Man muss sich eine Lobby erarbeiten und ich bin gerade mal ein Jahr in diesem Land.

Frage: Die fehlenden Strukturen im südafrikanischen Verband sind das eine - was ist mit dem spielerischen Niveau?

Middendorp: Ein Problem ist, dass von den ganz Jungen jeder im Mittelfeld spielen will, weil es besonders attraktiv ist, auf dem Ball zu tanzen und für Entertainment zu sorgen. Nicht die Tore sind wichtig, sondern fürs Publikum Kunststücke zu fabrizieren, damit es Applaus gibt. Es sieht herrlich aus, wie die Spieler mit dem Ball umgehen, aber der Abschluss ist eine Katastrophe. Die Jungs müssen verstehen, dass Tore zu schießen das Entscheidende ist.

Frage: Gibt es denn eine ambitionierte Nachwuchsausbildung?

Middendorp: Ich will darüber gar nicht negativ urteilen, man gibt sich viel Mühe. Aber man müsste andere Schwerpunkte setzen: Den Spielern muss frühzeitig beigebracht werden, wie man eine Flanke schlägt, sie annimmt und mit der richtigen Technik in die Kiste haut.

Frage: Wie kann man das ändern?

Middendorp: Bei meiner Arbeit in Ghana ist mir das ganz extrem aufgefallen. Als ich da zum ersten Mal auf dem Trainingsplatz stand, habe ich gefragt: "Wo sind denn hier die Tore?" Es gab sie nicht. Es wurden einfach zwei Steine in einer Distanz von ungefähr sieben Metern aufgestellt. Als Spieler habe ich keinen Bock, den Ball ins Tor zu schießen, wenn ich erst mal zehn Minuten laufen muss, um ihn wieder zu holen. Deswegen habe ich als erste Maßnahme vier Tore bauen lassen. Erst dann haben die Spieler Freude daran entwickelt, die Kugel ins Netz zu hauen.

Frage: Wie würden Sie das Niveau der südafrikanischen Premier Soccer League einschätzen?

Middendorp: Verglichen mit Deutschland, handelt es sich im Schnitt um mittleres Zweitliga-Niveau. Wir haben sehr gute Spiele, das Pokalfinale etwa war ausgezeichnet. Es gibt aber auch Spiele auf unterstem Regionalliga-Niveau. Die Schwankungen sind enorm groß.

Frage: Fußball ist in Südafrika der Sport der schwarzen Bevölkerung, während sich die Weißen eher mit Rugby oder Cricket beschäftigen. Man sieht in den Fußballstadien auch im Publikum kaum Weiße. Selbst ohne Apartheid scheint noch immer eine Rassenschranke durchs Land zu gehen.

Middendorp: Die Apartheid ist seit 1994 vorbei, aber bis wirkliche Gleichheit herrscht, wird es noch mindestens 15 Jahre dauern.

Frage: Glauben Sie, dass die WM 2010 die Rassengrenzen aufweichen wird? Sieht man das Turnier als nationale Aufgabe an?

Middendorp: Das geringe Interesse der Weißen hat ja auch etwas mit der Sicherheit zu tun. Wie Sie selbst erwähnt haben, ist man als Weißer oft alleine im Stadion. Wenn die Sicherheit gewährleistet ist, wird die Vermischung zunehmen.

Frage: So dass Fußball mittelfristig Nationalsport werden kann?

Middendorp: Die Masse ist ja schon da. Wenn die Kaizer Chiefs gegen die Orlando Pirates spielen, kommen jetzt schon 70.000 Leute. Man muss auch die ökonomische Situation der schwarzen Bevölkerung sehen. Wenn man über die hohe Arbeitslosigkeit spricht, trifft es im Wesentlichen Soweto und die Suburbs. Die Leute können es sich nicht leisten, zu jedem Spiel zu gehen.

Frage: Was dürfen wir bei der WM 2010 für eine Atmosphäre erwarten?

Middendorp: Sie könnte großartig werden. Die wichtigste Voraussetzung ist aber, dass man es schafft, ein vernünftiges Preisniveau durchzusetzen, damit auch die fußballbegeisterte Masse die Möglichkeit hat, Spiele zu besuchen. Das ist im Moment meine größte Sorge.

Frage: Könnte schwierig werden. Ein Ligamatch kostet in Südafrika umgerechnet drei Euro. Darüber lacht die Fifa nur.

Middendorp: Ja, aber man muss Lösungen finden. Ich bin mal gespannt, ob das Thema gezielt und frühzeitig angegangen wird.

Die Fragen stellte Jens Kirschneck

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