WM-Außenseiter: Honduras lauert auf seine Chance

Von Frieder Schilling

Die Wettqouten für einen Weltmeister Honduras sind niederschmetternd, 600:1. Doch das Team zeigt sich selbstbewusst, trotz zuletzt schwacher Leistungen. Ein Volksheld und ein Fußball-Magier sollen für den ersten WM-Sieg sorgen - auch wenn die Fifa ein liebgewonnenes Symbol verboten hat.

Team Honduras: Gut gelaunt in Gruppe H Fotos
AFP

Honduras muss auf sein "H" verzichten. Normalerweise tragen die Spieler es auf der Vorderseite ihres Trikots, auffällig groß und direkt auf dem Herzen. Dort, wo andere Nationen ihre Sterne für gewonnene WM-Titel aufdrucken. Doch die Fifa will so etwas nicht bei einer WM, Symbole auf Nationaltrikots sind untersagt. Alle Proteste von Fans und Politikern nützten nichts. Das "H" über den Herzen fehlt.

Stolz sind sie in Honduras trotzdem, ungemein sogar: Erstmals seit 1982 und überhaupt erst zum zweiten Mal hat sich das kleine Land aus Zentralamerika für die WM-Endrunde qualifiziert. Als die Teilnahme nach einem 1:0-Sieg gegen El Salvador im vergangenen Oktober feststand, feierte die Bevölkerung auf den Straßen, das damalige Staatsoberhaupt Roberto Micheletti erklärte den folgenden Tag kurzentschlossen zum Feiertag.

Schütze des Siegtreffers war Carlos Pavon, seit 1993 Teil der Nationalmannschaft - und ein Volksheld. 97 Länderspiele hat der 36-jährige Stürmer absolviert, mit 56 Treffern ist er Rekordtorschütze seines Landes, sieben davon erzielte er in der abgelaufenen WM-Qualifikation. Seit er 1992 als 18-Jähriger Profi wurde, hat er bei 20 Clubs gespielt, mittlerweile ist er zurück bei seinem Ursprungsverein in Honduras, Real España.

"Bei einer WM kann alles passieren"

In Südafrika soll der 30-jährige David Suazo neben ihm im 4-4-2-System für Tore des Außenseiters sorgen. Der beim Serie-A-Club Genua 93 unter Vertrag stehende Angreifer hat seine Muskelprobleme im rechten Oberschenkel überwunden, ein Einsatz im Auftaktspiel gegen Chile (13.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist wahrscheinlich. Selbstbewusst zeigt er sich sowieso: "Bei einer WM kann alles passieren", sagt Suazo. "Spanien zum Beispiel ist das beste Team der Welt. Aber wenn ich sagen würde, dass wir gegen es keine Chance haben, müsste ich lügen."

Nach Chile und dem Europameister wartet noch die Schweiz im abschließenden Gruppenspiel auf Honduras. Der Einzug ins Achtelfinale des von der Fifa auf Weltranglistenplatz 38 eingestuften Teams wäre eine Sensation. Doch auch Trainer Reinaldo Rueda zeigt sich optimistisch: "Wir haben zwar eine sehr schwierige Gruppe erwischt und sind sicher nur Außenseiter, aber das waren wir auch in der Qualifikation", so der Kolumbianer. "In jedem Spiel gibt es eine Möglichkeit, als Sieger vom Platz zu gehen."

Der Bruder eines Starspielers wurde entführt und ermordet

Der wichtigste Akteur im Team des angeblich von Peru und Ecuador umworbenen Trainers ist Wilson Palacios, der nach überstandendem Muskelfaserriss wohl auflaufen kann. Im Januar des vergangenen Jahres war der defensive Mittelfeldspieler den Tottenham Hotspurs 14 Millionen Euro wert, in der abgelaufenen Saison bestritt er für den Londoner Club 33 Partien (ein Tor). Der 25-Jährige wird "El Mago", der Zauberer, genannt.

Seine Stärken: eine gute Übersicht, seine Physis und eine starke Technik. Seine Geschichte abseits des Fußballs: Kurz nachdem er zu den "Spurs" gewechselt war, musste er einen privaten Schicksalsschlag verkraften. 2007 war sein damals 16-jähriger Bruder Edwin entführt worden, im Mai 2009 wurde er - trotz angeblicher Lösegeldzahlung - ermordet aufgefunden. Damals warnte Palacios junge Spieler in seiner Heimat, sie sollten es sich gut überlegen, ins Ausland zu wechseln. Und wenn doch, sollten sie ihre Familien schützen, da der in den großen Ligen erworbene Reichtum Kriminelle anlocken würde.

Weitere Europa-Legionäre sind Maynor Figueroa und Hendry Thomas, beide Stammspieler bei Wigan Athletic in der Premier League. Edgar Alvarez spielt bei Bari in Italien. Mit ihnen will Coach Rueda Honduras den ersten Sieg bei einer WM bescheren. 1982, beim Turnier in Spanien, gelangen zwar zwei überraschende 1:1-Unentschieden gegen Spanien und Nordirland, nach dem abschließenden 0:1 gegen Jugoslawien aber war das Turnier für die Mannschaft beendet.

Die Ergebnisse der letzten Testspiele stimmen auch jetzt pessimistisch. Bislang gab es 2010 erst einen Erfolg, im Januar konnten die USA 3:1 bezwungen werden. Seitdem blieb die Mannschaft in fünf Partien sieglos, unterlag zuletzt 0:3 gegen Rumänien und trennte sich torlos von Aserbaidschan.

In Honduras werden die Spieler unabhängig von den in Südafrika erzielten Ergebnissen Helden bleiben. Die Menschen dort leiden immer noch unter den Folgen des Militärputsches von 2009. Eine hohe Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität bestimmen das Leben des Großteils der 7,5 Millionen Einwohner. "Nach all den Problemen gab es wenig, das unser Land vereinen konnte", sagt Mittelfeldspieler Danilos Turcios. "Durch den Fußball und unsere Qualifikation für die WM in Südafrika wurde Honduras gerettet."

Und das "H" zumindest im Herzen getragen.

Mit Material des sid

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Forum - WM-Gruppe H: Wer kommt weiter?
insgesamt 561 Beiträge
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1.
Brieli 01.06.2010
Zitat von sysopEuropameister Spanien spielt gegen die Schweiz, Honduras und Chile. Werden die Spanier ihrer Favoritenrolle gerecht?
Ja klar. Zweiter wird die Schweiz.
2.
BeckerC1972 01.06.2010
Spanien Schweiz Chile Honduras
3.
klumpenhund 01.06.2010
Zitat von sysopEuropameister Spanien spielt gegen die Schweiz, Honduras und Chile. Werden die Spanier ihrer Favoritenrolle gerecht?
1.) Spanien 2.) Schweiz 3.) Chile 4.) Honduras
4.
Polar 01.06.2010
Zitat von sysopEuropameister Spanien spielt gegen die Schweiz, Honduras und Chile. Werden die Spanier ihrer Favoritenrolle gerecht?
1. Spanien 2. Schweiz 3. Chile 4. Honduras Gibt´s eine viel klarere Gruppe?
5. Ich wage mal...
Toradac 02.06.2010
Zitat von Polar1. Spanien 2. Schweiz 3. Chile 4. Honduras Gibt´s eine viel klarere Gruppe?
...einen Außenseitertip: Spanien klar Gruppenerster, als Zweiter qualifiziert sich Chile fürs Achtelfinale. Sorry Ottmar...
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