Brasiliens Elfmeter-Sieg gegen Chile Puuuuuuuuuuuh!

Erst fast draußen, dann knapp weiter: Nach einem Elfmeterkrimi gegen Chile steht Brasilien im Viertelfinale. Die gerade noch mal abgewendete Katastrophe sorgte für emotionale Szenen nach Abpfiff - und könnte den WM-Gastgeber noch weit tragen.

Aus Belo Horizonte berichtet


Júlio César genoss die Aufmerksamkeit, er hörte gar nicht mehr auf zu reden: über seine Gefühle, seine Familie und die schweren Jahre, die hinter ihm liegen. Der Torwart der brasilianischen Nationalmannschaft war soeben zum "Man of the Match" gekürt worden, er hatte seine Mannschaft mit einigen starken Reflexen im WM-Achtelfinale gegen Chile erst im Spiel gehalten und ihr schließlich durch zwei verhinderte Elfmeter das 3:2 (i.E.) das Weiterkommen gesichert. Nun badete er in der Anerkennung der brasilianischen Journalisten, und unter ihrem Applaus durfte er sich zum Duschen verabschieden.

Es war eine kurze Szene, aber sie stand für so vieles an diesem Nachmittag von Belo Horizonte: Eine ganze Nation ist erleichtert. Brasilien atmet auf.

Wie groß die Angst vor einem frühzeitigen Aus gegen Chile wirklich gewesen war, offenbarte sich erst mit dem Ende dieses Spiels. Als Neymar den dritten Elfmeter für die "Seleção" verwandelt und kurz darauf Chiles Gonzalo Jara seinen an den Innenpfosten geschossen hatte, fiel von den Spielern, Betreuern und Zuschauern eine so schwere Last ab, als wäre es schon um das Endspiel gegangen. Und man fragt sich: Wie soll es erst in den kommenden Partien werden?

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Brasilien in der Einzelkritik: Hier ist Neymar! Wo ist Fred?

"Ich hoffe, die nächsten Spiele entscheiden sich nicht über Elfmeterschießen", sagte César, und sein Trainer Luiz Felipe Scolari versicherte, er und seine Spieler würden in den kommenden Tagen alles dafür tun, damit ein weiteres Drama dieser Art nicht noch einmal vorkommen würde. "Der Druck war groß, das ist normal in so einem Spiel, in dem es um alles geht. Deshalb passieren Fehler, deshalb werden nicht alle Chancen genutzt", sagte Scolari.

Scolari brüllte und gestikulierte wild

Der Trainer hatte sich kurz nach dem Spiel wieder gefangen, doch über einen Großteil der insgesamt 120 Minuten war es ihm schwergefallen, die Fassung zu wahren. Immer wieder sprang er von der Bank auf, brüllte über das Spielfeld und gestikulierte wild in Richtung von Schiedsrichter Howard Webb. Seine Mannschaft hatte es ihm aber auch nicht leicht gemacht. In der ersten halbe Stunde zeigte sie ein hervorragendes Pressing, vor allem über Marcelo und Neymar auf der linken Seite kam sie immer wieder schnell vor das Tor von Chiles Claudio Bravo. In der 18. Minute ging Brasilien nach einer Ecke durch ein Eigentor von Jara in Führung, gab diese aber wegen einer Unachtsamkeit von Hulk ebenso schnell wieder her (32.).

Es war bezeichnend für den gesamten Spielverlauf: Brasilien erarbeitete sich mehr Chancen, doch Chile machte es dem Favoriten mit taktischer Disziplin, Kontrolle und mehr Ballbesitz schwer. Noch bezeichnender aber war die Rolle Neymars. Wenn die Chilenen es wie über weite Strecken der zweiten Hälfte schafften, den 22-Jährigen auf seiner Seite zu neutralisieren, war im brasilianischen Spiel kein System, keine Struktur mehr zu erkennen.

Ein Ausfall Neymars, der sich nach einem Foul gleich zu Beginn der Partie immer wieder an den Oberschenkel griff, wäre die derzeit wohl schlimmste Nachricht, die sich Scolari und die brasilianischen Fans vorstellen könnten. Der Trainer versicherte nach dem Spiel deshalb eindringlich, seine medizinische Abteilung werde sich nun voll darauf konzentrieren, dass Neymar wieder fit werde. Man merkte, dass es dem 65-Jährigen ein Anliegen war, dieses Thema schnell vom Tisch zu haben - Zweifel oder Ängste kann er auf seiner Mission ganz und gar nicht gebrauchen.

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Brasiliens Elfmetersieg gegen Chile: Nerven gezeigt und gewonnen

Stattdessen gab er sich alle Mühe, die Fans auf emotionaler Ebene zu befriedigen: "Ich will, dass alle Brasilianer wissen: Wir haben ein tolles Team. Wir haben die Mission auf uns genommen, diesen Titel zu gewinnen. Das war ein Versprechen, und wenn du ein Versprechen gibst, musst du es einlösen. Wir geben den Menschen alles zurück." Scolari weiß, wie wichtig diese Worte sind, wichtiger als Taktik- oder Fehleranalysen, weil er weiß, dass er die Nation so in ihrer Seele berührt. Auf seine Spieler hat er dieses Gefühl bereits vor langer Zeit übertragen.

"Brasilien brauchte das"

"Wir haben gebrannt, jeder wollte den Ball haben", sagte etwa Marcelo, "denn wir spielen nicht nur für uns, sondern für das ganze Land." Und Torhüter Júlio César ergänzte: "Brasilien brauchte das einfach. Wir alle brauchten das. Wir haben gezeigt, dass wir kämpfen und aufstehen können. Die Menschen sollen merken, dass es sich lohnt, für seine Ziele einzustehen."

Tatsächlich war dieser Sieg gegen Chile zwar fußballerisch nicht unverdient, vor allem aber ein Ergebnis eines mentalen Kampfes gewesen. Vielleicht durfte auch deshalb Elfmeterheld César im Anschluss an das Spiel Platz auf dem Pressepodium nehmen, symbolisch: Vor vier Jahren noch war er nach dem enttäuschenden Viertelfinal-Aus bei der WM in Südafrika heftig kritisiert worden, er wurde von Inter Mailand an die Queens Park Rangers abgegeben und von dort aus nach Kanada verliehen. "Ich wusste nicht mehr, wer ich bin", sagte er, "aber meine Familie und meine Freunde haben weiter an mich geglaubt. Und Scolari."

Der Trainer liegt womöglich doch nicht so falsch, wenn er immer wieder betont, allein der Glaube könne Berge versetzen.

Brasilien - Chile 1:1 (1:1, 1:1) n.V. 3:2 i.E.
1:0 Jara (18., Eigentor)
1:1 Sánchez (32.)
Elfmeterschießen: 1:0 David Luiz, César hält gegen Pinilla, Willian schießt neben das Tor, César hält gegen Sánchez, 2:0 Marcelo, 2:1 Aránguiz, Bravo hält gegen Hulk, 2:2 Díaz, 3:2 Neymar, Jara trifft den Pfosten
Brasilien: Júlio César - Alves, Silva, David Luiz, Marcelo - Fernandinho (72. Ramires), Luiz Gustavo - Hulk, Oscar (106. Willian), Neymar - Fred (64. Jô)
Chile: Bravo - Isla, Francisco Silva, Medel (108. Rojas), Jara, Mena - Díaz, Aránguiz - Arturo Vidal (87. Pinilla) - Sánchez, Vargas (57. Gutiérrez)
Schiedsrichter: Webb (England)
Zuschauer: 57.714
Gelbe Karten: Hulk, Luiz Gustavo, Alves - Mena, Francisco Silva, Pinilla

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insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
slann303 29.06.2014
1. Torwart der Chilenen ist Matchwinner
Der man of the match ist meiner Ansicht der chilenische Torwart. Erst durch seine Paraden im eigentlichen Spiel ist Chile überhaupt bis zum Elfmeterschiessen gekommen.
heinryk 29.06.2014
2. Die Braslilianer..
sind auch nicht mehr was sie mal waren. Zuviel hype !
Hans Klopek 29.06.2014
3. Armutszeugnis
Wenn eine Fußballnation wie Brasilien keine besseren Stürmer als Fred und Jo aufbieten kann, ist das schon ein Armutszeugnis par excellence. Auch Hulk war über weite Strecken ein Totalausfall, nur gegen Ende hatte er einige gute Szenen. Ohne Neymar läuft gar nichts. Alles in allem mit viel Dusel weitergekommen, aber wenn die sich nicht noch enorm steigern, wird das Halbfinale ein ferner Traum, vom Titel ganz zu schweigen.
kl1678 29.06.2014
4. katastrophe im nacken
Zitat von sysopDPAErst fast draußen, dann knapp weiter: Nach einem Elfmeterkrimi gegen Chile steht Brasilien im Viertelfinale. Die gerade nochmal abgewendete Katastrophe sorgte für emotionale Szenen nach Abpfiff - und könnte den WM-Gastgeber noch weit tragen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-brasilien-besiegt-chile-im-achtelfinale-und-steht-im-viertelfinale-a-978123.html
Weiß nicht. Man könnte auch mutmaßen, dass eine Mannschaft, die jetzt bereits so fertig ist mit den Nerven, im Viertelfinale gegen brilliante Kolumbianer kaum noch Chancen hat.
koka_banana 29.06.2014
5. Mal wieder
Glück gehabt die Brasilianer. Das Glück der Heimmannschaft halt. Samba Fußball war das nicht. Wahrscheinlich die schwächste brasilianische WM Elf aller Zeiten. Im Halbfinale wartet D. Das werden die dann nicht schaffen
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