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28. April 2006, 10:25 Uhr

WM-Fan Karel Gott

"Fußball ist Kampf, nicht Kunst"

Das EM-Finale 1996 war für Karel Gott eine traumatische Angelegenheit. Der tschechische Schlagersänger erlebte das Drama um sein Team mit, sah vom Spiel selbst allerdings fast nichts. Kein Wunder, dass er auf die WM-Spiele in Deutschland verzichtet.

Das EM-Finale 1996 war das letzte Fußballspiel, das ich im Stadion gesehen habe. Wir standen im Finale gegen Deutschland. In Wembley. Am Abend vor dem Spiel sagten meine Freunde: Mensch, Karel. Da müssen wir hin. Und da ich immer stolz war auf unsere Sportler, habe ich gesagt: Okay, Leute, ich fliege mit. Aber als ich dann am Prager Flughafen die Maschine gesehen habe, eine alte Tupolev, dachte ich: hoppla.

Ich bin eigentlich kein Fußball-Experte, aber ich bin ein guter Zuschauer. Ich beobachte und erlebe Fußball, seit mein Vater mich als Kind mit ins Stadion nahm. Wir gingen zu Slavia, aber auch zu Sparta Prag. Sparta war so ein bisschen Arbeiter und mittlere Klasse, also das Volk. Slavia, das waren auch Intellektuelle. Aber das hat mich nicht so interessiert. Fußball ist für mich Kampf, nicht Kunst. Das mag ich. Wenn Mozart komponierte, und es an dem Tag vielleicht gerade nicht so lief, dann sagte er: Für heute mache ich Schluss. Das kann Pavel Nedved nicht.

Im Fußball musst du kämpfen. Ich glaube sowieso, dass Sport den ewigen Kampf in der Historie ersetzt. Ich bin überzeugt, dass es darum geht: Die Menschen mit Spielen zu beschäftigen. Damit sie ihre natürlichen Emotionen und Aggressionen ausleben können. Rockkonzerte funktionieren auch so. Man ist entweder bewusst oder im Unterbewusstsein irgendwie böse auf seinen Lehrer. Oder auf einen Vorgesetzten. Oder sonst ärgerlich. Auch über sich selbst. Auch über die Gesellschaft. Das ist Rock'n'Roll. Ich weiß, dass in uns damals in den Fünfzigern ein bisschen Rebellismus war. Das ist der Grund, warum ich angefangen habe zu singen.

Tausende Tschechen wollten damals nach London. Und es gab nur noch diese Last-Minute-Flüge mit Veteranen-Maschinen, die sonst nicht mehr eingesetzt wurden. Naja, zwei Stunden, dachte ich, das wird schon gehen. Ging auch. Wir landeten dann aber nicht in Heathrow, sondern in Stansted, was ja ziemlich weit vor der Stadt liegt. Egal. Irgendwann war ich im Wembley-Stadion - zum wichtigsten Spiel unserer Mannschaft seit dem EM-Finale 1976. Ah, Wembley. Das große Stadion, das große Spiel. Was für eine großartige Stimmung! Leider sah ich schlecht. Ehrlich gesagt: Sehr wenig.

Das ganze Spiel nicht gesehen

Ich stand in so einer Ecke, direkt unter dem Stadiondach. Was man halt für einen Platz kriegt, wenn man sich am Abend vorher spontan entscheidet. Ich war sehr enttäuscht, als dieses entscheidende Tor fiel, das Golden Goal durch Bierhoff zum 2:1. Auch weil es für die Deutschen gefallen war. Aber noch mehr, weil ich es überhaupt nicht gesehen hatte. Ich war enttäuscht, weil ich eigentlich das ganze Spiel nicht gesehen hatte.

Wenn ich etwas mit dem Fußball gemeinsam habe, dann das: Man repräsentiert das Bild der Nation in der Welt. Mich hat es sehr motiviert, dass die Tchechoslowakei bei der WM 1962 in Chile ins Finale kam. Ich war stolz, als ich das sah. Ich dachte: So gefeiert möchte ich auch werden. Aber ich wusste: Im Fußball schaffe ich das nicht. Es gibt noch eine Analogie zwischen Fußball und Singen: Wenn ein Spieler mit einem Riesentalent wie damals Josef Masopust zu einer WM kommt, darf er diese Chance nicht verpassen. Wenn er sie verpasst, dann kommt sie vier Jahre nicht mehr. Oder nie mehr. Dann spielt er weiter für den Club in der Stadt, in der er lebt.

Schlagerstar Karel Gott: "Durst und Hunger"
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Schlagerstar Karel Gott: "Durst und Hunger"

Genauso war es bei mir, als ich 1969 zum Festival nach Rio de Janeiro flog, um "Lady Carneval" zu singen. Diese drei Minuten entscheiden über eine ganze Karriere. Wäre ich indisponiert aus dem Flugzeug gestiegen und hätte schlecht gesungen, hätte ich die Chance verpasst. Es gibt diese Augenblicke, die man nicht verpassen sollte. Ein anderer war, als ich 1967 mit einer tschechoslowakischen Künstlergruppe nach Las Vegas kam. Ins New Frontier Hotel und Casino. Da herrschte ein gnadenloser Wettbewerb. Es gab Nummern, die gleich nach der Premiere gestrichen wurden. Ich bin jeden Tag zweimal aufgetreten. Und als diese große Show fertig war, habe ich noch ein Vierteljahr solo in einer sogenannten Lounge gesungen. Da habe ich mich abgewechselt mit Frank Sinatra Jr.

Ich musste mich damals ganz schnell umstellen. Die Amerikaner brummten: "Warum sagst du so oft 'Thank you very much', Karel? Sag das nicht. Die Zuschauer sollen sich bei dir bedanken! Du musst schon auf die Bühne kommen und die müssen einen Sieger sehen." Wir waren ja ganz anders trainiert worden. Das Motto war: Bescheiden, Genosse, immer bescheiden. Hätte ich Las Vegas nicht gehabt, hätte ich danach in Deutschland nicht so durchstarten können, dann wäre ich dort als komplexvoller Ossi angekommen.

Keine Starterlaubnis für das Flugzeug

Als wir von Wembley zum Flughafen zurückfuhren, riefen auch noch die Journalisten an. Ein Anruf kam sogar aus einer Sendung mit Harald Schmidt. Alle fragten mich: Karel, was sagen Sie zum Spiel? Wie haben Sie das Tor gesehen? Sehr lustig! Ich habe gesagt: Super Atmosphäre, Leute, das kann man wirklich nur in Wembley erleben. Aber ich weiß weder, wie das Spiel war, noch weiß ich, wie es zu dem Tor kam. Wenn ich zurück in Prag bin, werde ich mich kundig machen. Leider kam ich nicht so schnell zurück. Keine Sorge, spätestens um zwei Uhr sind Sie zu Hause im Bett, hatte man uns gesagt.

Erst auf dem Flughafen gab man dann zu, dass dieses alte, laute Flugzeug keine Starterlaubnis mehr bekommen würde. Die Flughafenleute wußten das doch ganz genau. Zu viel Lärm nach 22 Uhr ist nicht erlaubt. Wir waren müde und enttäuscht, und alle Rolläden waren runter. Es gab keinen Kaffee und kein Wasser zu kaufen, es gab nicht mal eine Sitzmöglichkeit. Die Leute wurden nervös. Aber wenn die Stimme ein bisschen erhöht wurde, war die ganze Gruppe sofort umkreist von Londoner Polizisten. Und diese Polizisten hatten schon ziemlich die Nase voll von Fußballfans.

Dann riefen auch noch Freunde an, die in Prag geblieben waren. Karel, sagten sie, das war ein Spiel, was? Sie erzählten mir von dem Tor, und wie sie das Tor in Superzeitlupe gesehen hätten, von vorne und hinten, von links und rechts. Ich hatte nichts gesehen und eine lange Nacht vor mir. Im Stehen. Ich hatte Durst. Ich hatte Hunger. Um mich herum kreisten die Polizisten.

Bei mir stehen oft die Fotografen vor dem Haus und warten, ob es etwas zu sehen gibt. Aber ich beschwere mich nicht. Ich wollte bekannt werden. Ich wollte erfolgreich sein. Ich möchte von Frauen bewundert werden. Das steckt in fast jedem Mann, egal ob Fußballer, Sänger oder sonstwas. Es ist doch so: Wenn ich eine gutaussehende Frau erobern will, muss ich ein erfolgreicher Mann sein. Ich glaube, dass viele Frauen einen Fußballer wollen, einen Schauspieler, einen Sänger, der nicht nur erfolgreich ist, sondern es auch geschafft hat, gut zu leben und einen guten Namen zu haben. Sie wollen einen Mann, der in den Zeitungen steht.

Ich bin Tenor, und Tenor ist die beliebteste Stimmlage des Mannes. Die Opernkomponisten haben den Tenor zum positiven Helden bestimmt. Die grossen Komponisten wussten, dass die Frauenherzen immer beim Tenor sind. Die Frau will den Mann in der Lerchenlage singen hören, weil das die Vorbereitung ist auf mehr. Auf unser Fußballteam übertragen, heißt der Tenor Tomas Rosicky. Das ist der Spieler, der die Emotionen der Frauen weckt. Aber ich sollte auch vom Risiko des Tenors sprechen. Wenn der Tenor nicht in guter Verfassung ist, wenn er Schnupfen hat oder ermüdete Stimmbänder, dann ist das genau, wie ich es im Fußball erlebe.

"Entschuldigung, ich habe Grippe"

Dann wird geflucht und gepfiffen. Ich war auch nicht immer perfekt. Manchmal wurde ich gezwungen aufzutreten. Das ist eine schwierige Situation. Die Leute freuen sich auf das Konzert, aber du bist krank. Sollte man nicht lieber versuchen, den Termin zu verlegen anstatt auf die Bühne zu gehen und zu sagen, "Entschuldigung, ich habe Grippe"? Das Publikum hat bezahlt und da kann ich nicht sagen: Liebe Leute, meine Leistung beträgt heute 50 Prozent. Deshalb kriegen Sie an der Kasse genau die Hälfe zurück. Das gibt es nicht. Also darf der Tenor vor dem Publikum nicht zugeben, dass er krank ist. Ich möchte aber nicht, dass das Publikum sagt: Das ist nicht der Karel Gott, den wir kennen. Das ist keine goldene Stimme. Das ist allerhöchstens die rostige Stimme aus Prag.

Auch das verbindet uns Sänger mit Fußballern: Dass wir Angst haben, unser Publikum zu enttäuschen oder gar zu verlieren. Und dass wir alles dafür tun müssen, damit das nicht passiert, sondern das Gegenteil. Wenn wir gut sind, werden wir sofort belohnt. Ich meine nicht mit Geld oder später mit einem gutdotierten Vertrag. Ich meine diese Augenblicke, in denen man spürt, dass das Publikum begeistert ist. Das ist fantastisch.

Ich habe die Nacht von Stansted nicht vergessen, und so werden Sie verstehen, wie ich mir die WM 2006 vorstelle. Ich sehe mich in einem gemütlichen Sessel vor einem Plasmafernseher. Mit brillianter Sicht, allen Kamera-Einstellungen und einem guten Glas Rotwein. Ich will einfach sehen, wie die Tore fallen. Obwohl: Wenn wir es wieder ins Finale schafften, käme ich ins Grübeln. Vaclav Havel hatte ja damals in Wembley einen schönen Platz. Direkt neben der Königin. Ich nehme an, dass er alles gesehen hat. Vielleicht hätte ich 2003, als man mich vorgeschlagen hat, doch Präsident werden sollen.

Protokoll: Peter Unfried

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