WM-Finale 1958 Pelés Wundertor verzauberte die Welt

Vor Beginn der Fußball-WM in Schweden ist er nur ein talentierter Nachwuchsstürmer. Doch seine Tore lassen Edson Arantes do Nascimento zum Weltstar Pelé werden. Besonders spektakulär ist sein Treffer im Endspiel am 29. Juni 1958. Der Heber des 17-Jährigen über den eigenen Kopf hinweg geht in die Fußballgeschichte ein.

Von Christoph Becker


Traumtorschütze Pelé (3.v.l.): "Den Ball als Hut auf den Kopf gesetzt"
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Traumtorschütze Pelé (3.v.l.): "Den Ball als Hut auf den Kopf gesetzt"

Das Radio brummte auf voller Lautstärke. Der junge Edson hatte es voll aufgedreht und presste das Ohr an den Stoff des Lautsprechers. Laut und deutlich raschelte nun das Papier des Ansagers und Edsons Herz schlug ihm vor Aufregung bis hinauf in den Hals. Gleich würde der Sprecher all die Namen verlesen, die jedes Kind in Brasilien kannte und die nun mitfahren würden nach Schweden zur Weltmeisterschaft, als Mitglied der Seleção, berufen von Trainer Vincente Feola. Klangvolle Namen, Gilmar, der Torhüter, Djalma Santos, einer der besten Rechtsverteidiger, den die Welt je gesehen hatte, Didi und Vava, Zito und Garrincha. Sie alle würden die Hoffnungen eines ganzen Volkes mit nach Europa nehmen, dass nun endlich, acht Jahre nach dem verlorenen Endspiel gegen Uruguay, die Schmach von Maracana getilgt werden würde.

Wenige Augenblicke später musste sich der Junge am Radio setzen, denn gerade eben hatte der Radiosprecher auch seinen Namen vorgelesen, inmitten von Garrincha und Didi hatte er Pelé genannt, jenen Rufnamen, den der siebzehnjährige Edson Arantes do Nascimento seit seiner frühen Jugend besaß. Konnte das wahr sein, fragte sich Pelé, schließlich war er erst 17 Jahre alt und er hatte erst zwei Jahre zuvor beim FC Santos sein Debüt als Ligaspieler gegeben, noch als Amateur. Diese Frage stellten sich auch die Journalisten und Zuschauer einige Monate später im neu erbauten Ullevistadion von Göteborg beim Blick auf die Aufstellung der brasilianischen Elf.

Dass Coach Feola eine junge Mannschaft aufbieten würde, das hatte man bereits in den Spielen zuvor gesehen. Doch gegen die Sowjetunion, einem der erklärten Turnierfavoriten, einen 17-jährigen Burschen aufzustellen, der bislang nur auf der Bank gesessen hatte, das zeugte von Chuzpe. Oder vom unerschütterlichen Vertrauen des Trainers in die Fähigkeiten seines Youngsters. Feolas Vertrauen wurde belohnt, am Ende hatte das Bürschchen das 2:0 von Vava mustergültig vorbereitet und selbst einmal den Pfosten getroffen. Pelé war in diesem Turnier angekommen und er würde den Ball und die Welt in nur drei Spielen verzaubern.

Zwischen dem letzten Vorrundenspiel gegen die UdSSR und dem Finale gegen Gastgeber Schweden lagen vierzehn Tage im Juni 1958, zwei Wochen, die Pelé auf der ganzen Welt berühmt machten. Als Einziger bezwang er im Viertelfinale den großartigen walisischen Keeper Kelsey und im Halbfinale gelang ihm gegen die Franzosen ein Hattrick, dreimal schlug er in der zweiten Halbzeit zu. Nun also das Finale im Råsundastadion in Stockholm. König Gustaf und knapp fünfzigtausend weitere Zuschauer kennen Pelé nun, sie haben seine geschmeidigen Bewegungen bestaunt und hoffen insgeheim doch, dass die ausgefuchsten schwedischen Verteidiger Axbom und Bergmark, Parling und Borjesson den brasilianischen Wundersturm schon in den Griff kriegen würden. Schließlich hat der Gastgeber im Halbfinale den Titelverteidiger Deutschland ausgeschaltet, und was Rechtsaußen Kurre Hamrin mit den deutschen Verteidigern veranstaltet hatte, das soll doch auch für die Seleção genügen.

Das brasilianische Weltmeister-Team von 1958: Jungstar Pelé (kniend, 3.v.l.) als entscheidender Mann
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Das brasilianische Weltmeister-Team von 1958: Jungstar Pelé (kniend, 3.v.l.) als entscheidender Mann

Bereits nach vier Minuten scheinen alle Befürchtungen obsolet. Gunnar Gren hat Liedholm vorgelegt, ein kleiner Trick, ein trockener Schuss, unhaltbar für Gilmar. Brasilien liegt zurück, zum ersten Mal in diesem Turnier. Auf den Rängen herrscht schier haltlose Begeisterung. "Heja Sverige" dröhnt es nun durchs Rund und die Zuschauer erinnern sich an die Einschätzung des schwedischen Trainers George Raynor, würden die Brasilianer erst einmal zurückliegen, dann bräche ihre Ordnung alsbald zusammen, dann würden sie "in wilder Panik umherlaufen und keinen Ausweg mehr wissen". Doch von Panik ist nichts zu sehen, ganz im Gegenteil, beinahe europäisch kühl kombinieren sie nun. Didi holt den Ball aus dem Netz und fährt seine Mitspieler an: "Vorwärts jetzt! Lasst uns endlich anfangen, wir verlieren nur Zeit!"

Nur vier Minuten später düpiert Garrincha mit seinen Hakenbeinen die Schweden Parling und Axbom, legt für Vava auf und dieser zieht trocken ab. Der Ausgleich und für die schwedischen Zuschauer die erste Ahnung, dass auch solide Abwehrarbeit heute nichts gegen die atemberaubende Kombinationslust der Brasilianer würde ausrichten können. Wie zur Bestätigung lässt Garrincha in der 32. Minute wie schon so oft die Verteidiger mit einem kurzen Haken ins Leere laufen und wieder spritzt Vava heran. Das 2:1 für Brasilien, glücklich umhalsen sich die Kicker und draußen freut sich Coach Feola über das planmäßige Spiel seiner Elf. Er muss nicht viel sagen, als es in die Kabinen geht. Nur, dass sie konzentriert bleiben müssen, um Weltmeister zu werden. "Ihr könnt Euch nur selbst schlagen", schärft er ihnen ein.

Dritter WM-Streich: Pelé (mit einem Sombrero) wird 1970 in Mexiko-City von begeisterten Fans zur Siegerehrung getragen
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Dritter WM-Streich: Pelé (mit einem Sombrero) wird 1970 in Mexiko-City von begeisterten Fans zur Siegerehrung getragen

Und Pelé? Wo war der 17-jährige Junge? Hat ihm das plötzliche Bewusstsein im WM-Finale zu stehen, das zuvor unerschütterliche, weil unbekümmerte Selbstbewusstsein geraubt? Die Antwort gibt Pelé in der 56. Minute. Er erspäht eine Lücke im schwedischen Strafraum, die es noch gar nicht gibt. Sie existiert einstweilen nur in seinem Kopf, sonst ahnt niemand, dass es sie gibt. Weil nämlich die Verteidiger Parling und Borjesson dicht bei ihm stehen und auf jede seiner Bewegungen achten. Dann kommt die Flanke hinein in den Strafraum, geschlagen von Verteidiger Nilton Santos, jenem Santos, der im Laufe dieses Turniers einen neuen Typus des Verteidigers geschaffen hatte. Er lehnte die reine Defensive ab, schaltete sich, so oft das Spiel es erlaubte, mit in den Angriff ein und er hatte im ersten Gruppenspiel gegen Österreich selbst ein Tor erzielt.

Nun also seine Flanke und der Moment, in dem o Rei, der König des Fußballs, zur Krönung seiner selbst schritt. "Ich stand mit dem Rücken zum Tor, stoppte den Ball mit dem Oberschenkel, kickte ihn mir selbst über den Kopf, drehte mich um und schoss. Svensson reagierte zu spät, alles war viel rascher abgelaufen, als man es hier erzählen kann - er lag ausgestreckt am Boden, als der Ball ins Netz flog." Pelé erinnert sich später so nüchtern an das Tor, das ihn endgültig zum Weltstar macht. Er hat den Verteidigern Parling und Borjesson "den Ball als Hut auf den Kopf gesetzt", wie sie das Kunststück in Brasilien nennen. Pelé gelingt ein Tor, wie es zuvor nur der Ungar Ferenc Puskas erzielt hat, in einem Länderspiel gegen die Engländer. Aber das war kein Endspiel. Und Puskas wurde nie Weltmeister. Pelé hingegen wird diesem Titel noch zwei weitere hinzufügen und er wird noch viele Tore schießen. 1200 insgesamt und manches vielleicht noch spektakulärer. Doch da wissen längst alle, dass dort der König des Fußballs spielt. Weil er als 17-jähriger zwei Schweden den Hut aufgesetzt hatte.


Pelés Tor steht zum Download auf www.11freunde.de bereit, und zwar unter dem Link Fankurve/Flimmerkiste



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