Khedira, Özil und Co. Der Titel-Jahrgang 2009

Sie bilden das Gerüst der deutschen Mannschaft: Sechs Spieler, darunter Sami Khedira und Mesut Özil, wurden 2009 U21-Europameister. Mit einem Triumph im WM-Finale werden sie zur Goldenen Generation.

DPA

Aus Rio de Janeiro berichtet


SPIEGEL ONLINE Fußball
Dass Mesut Özil und Sami Khedira sich gut verstehen, ist unverkennbar. Özil läuft seit Jahren nach jedem Länderspiel hinter seinem Freund aus dem Stadion, das breite Kreuz von Khedira schützt den schüchternen Techniker vor lästigen Journalistenfragen. Und Khedira spielt gerne den Bodyguard.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 28/2014
Die kühnen Strategien des Joachim Löw

Der Mittelfeldspieler von Real Madrid ist 27 Jahre alt, Özil ist 25. In Fußballerjahren bezeichnet man solch einen Altersunterschied als "einen Jahrgang". Khedira und Özil spielten bereits in den Jugendmannschaften des DFB zusammen. Dort freundeten sie sich an, wurden zu Vertrauten. Vor allem das Jahr 2009 schweißte die beiden Mittelfeldspieler zusammen. Khedira lief damals als Kapitän der U21-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Schweden auf, Özils Stern als Spielmacher ging während des Turniers auf.

Gemeinsam mit Mats Hummels, Benedikt Höwedes, Jérôme Boateng und Manuel Neuer feierten sie den ersten deutschen U21-Europameistertitel. England wurde im Finale besiegt, der Trainer hieß Horst Hrubesch, das deutsche Nachwuchsteam erlebte sein Sommermärchen.

Auf der Tribüne im schwedischen Malmö saßen Joachim Löw und Oliver Bierhoff. Sie schwärmten anschließend davon, welches Potenzial diese Mannschaft habe. Hrubesch sagte, dass ein "Großteil dieser Spieler es in den internationalen Spitzenbereich" schaffen würde. Er behielt Recht.

Sechs Spieler von damals werden, sollten keine Verletzungen dazwischenkommen, am Sonntag das WM-Finale gegen Argentinien im Maracanã-Stadion bestreiten (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Die Jahrgänge 1986 bis 1988 bilden mittlerweile das Grundgerüst der A-Nationalmannschaft. Neuer im Tor, Hummels und Boateng in der Innenverteidigung, davor Khedira auf der defensiven Mittelfeldposition und Mesut Özil als offensiver Freigeist. Es sind Spieler, die sich ihr halbes Leben lang als Gegner und Mitspieler begegnet sind. Sie kennen sich nicht nur aus der U21-Nationalmannschaft, sondern auch aus vielen anderen Juniorenteams.

"Natürlich ist das ein Vorteil, wenn man die Lauf- und Passwege des anderen genau kennt", sagt Boateng. Aber es ist nicht nur das Spielerische, es sind nicht nur die Bewegungsabläufe, die diese Spieler zu einer Einheit machen. Es sind auch sechs Akteure, die für extrem viel modernes Deutschland stehen. Nach dem U21-Nationalmannschaftstitel wurde der deutsche Fußball national und international für sein neues Gesicht gefeiert. Khedira, Özil und Boateng standen aufgrund der Herkunft ihrer Eltern sinnbildlich für eine offene, tolerante Gesellschaft. Deutschland wurde für die Einbindung von Migrantenkindern in den Profifußball bejubelt, die Spieler wurden mit gesellschaftspolitischen Debatten konfrontiert. Eine ganz schöne Last für drei Talente, die am Anfang ihre Fußballerkarrieren standen.

"Goldene Generation? Müssten erst mal was gewinnen"

2010, bei der WM in Südafrika, waren bereits vier der ehemaligen U21-Akteure A-Nationalspieler (nur Hummels und Höwedes fehlten). Die Welt feierte Deutschland für seinen Jugendstil, für sein neues, freches Gesicht. Bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine standen sogar sieben ehemalige Jugend-Europameister im deutschen Kader. Der Dortmunder Marcel Schmelzer, den Löw vor dieser WM nach längerer Verletzungspause gestrichen hatte, gehörte damals auch noch dazu. Die ehemaligen Hrubesch-Schüler wurden nun erstmals als Goldene Generation bezeichnet, wodurch auch die Fallhöhe nach der ernüchternden Halbfinalepleite gegen Italien extrem hoch wurde. "Goldene Generation? Dafür müssten wir erst mal etwas gewinnen. Bisher sind wir immer nur Zweiter oder Dritter geworden", sagte Boateng anschließend.

Es wirkt, als hätten all die Triumphe und Tragödien der vergangenen Jahre die ehemaligen U21-Spieler näher zusammengeführt. "Wir haben gemeinsam gelernt, die Dinge richtig einzuordnen. Hier hebt niemand nach einem Sieg ab und keiner verzweifelt an einer Niederlage. Wir gehen mit unseren Leistungen sehr sachlich um", sagte Hummels, der neben Khedira und Neuer mittlerweile sogar zu den Wortführern in der Nationalmannschaft geworden ist.

Die ehemaligen Juniorennationalspieler werden wohl auch in Zukunft das Grundgerüst der Nationalmannschaft stellen. Sie sind alle zwischen 25 und 27 Jahren alt, mindestens eine Welt- und Europameisterschaft können sie noch problemlos gemeinsam spielen.

Selbst wenn es am Sonntag nicht reichen sollte - die Spieler hätten noch Zeit für den ganz großen Triumph.

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.