WM-Gastgeber Brasilien: Große Stadien, große Probleme

Aus Rio de Janeiro berichtet Constantin Wissmann

Maracanã-Stadion: Bagger statt Bälle Fotos
DPA

Brasiliens Maracanã-Stadion soll die Gala-Bühne der WM 2014 sein. Als Testlauf richtet man jetzt den Confed-Cup aus. Doch ein Gericht musste die Chaos-Baustelle vorübergehend sperren: Fans könnten den Schutt als Waffen benutzen. Nur eine von vielen Pannen bei den Arenen.

"Estádio Municipal do Maracanã" - kaum ein Stadionname löst unter Fußballfans so große Emotionen aus, wie das brasilianische National-Heiligtum in Rio de Janeiro. Früher war das Maracanã mal das größte Stadion der Welt: Bei seiner Fertigstellung 1950 fanden dort bis zu 200.000 Menschen Platz. Für die Weltmeisterschaft in jenem Jahr schufteten 10.000 Arbeiter am Bau. Brasilien wollte in dem neuen Prestigebau Weltmeister werden. Doch daraus wurde nichts. Die legendäre 1:2-Niederlage gegen Uruguay im Endspiel stürzte das Land in tiefe Depressionen.

Kommendes Jahr steht wieder eine WM in Brasilien an. Und wieder steht das Maracanã als Symbol für das Turnier. Dort wird das Endspiel ausgetragen, dort will Brasilien zum sechsten Mal Weltmeister werden. Daher investierte der Staat rund 500 Millionen Euro in die Komplettrenovierung des Stadions. Doch bevor überhaupt ein Ball im neuen Maracanã gespielt worden ist, steht Brasilien blamiert da. Wegen des Maracanã.

Zwei Tage vor dem Testspiel der Nationalmannschaft gegen England und rund zwei Wochen vor dem Confederations Cup, der Generalprobe für die WM in einem Jahr, macht das Stadion jede Menge Probleme. Zunächst untersagte eine Richterin aus Sicherheitsgründen jeglichen Spielbetrieb vor Zuschauern. Der herumliegende Schutt könne von Fans als Waffe benutzt werden, so die Argumentation.

Unebene Fußböden, blockierte Drehkreuze, fehlende Mauern

Der Bundesstaat Rio die Janeiro rief daraufhin flugs die Militärpolizei zu Hilfe. Deren Bericht überzeugte die Berufungsrichterin, die das Urteil ihrer Kollegin kippte. Also darf am Sonntag gegen England doch gespielt werden. Eine Farce, aber letztlich nur die jüngste Episode in einer nicht enden wollenden Reihe von Verspätungen, Peinlichkeiten und Kontroversen, welche die Stadionbauten des WM-Gastgebers kennzeichnen.

Schon die offizielle Eröffnung des Maracanã Ende April, ein Spiel einer Alt-Stars-Auswahl im Beisein von Staatspräsidentin Dilma Rousseff, erfolgte vier Monate später als geplant. Denn so beeindruckend die Daten des Maracanã klingen (203.462,60 Quadratmeter Fläche, 79.378 Plätze, 231 Toiletten, 17 Aufzüge), die Realität ist alles andere als eindrucksvoll. Fernsehberichte zeigen unebene Böden sowie nicht funktionierende Drehkreuze, noch nicht mal alle Maurerarbeiten sind abgeschlossen. Das Maracanã ist noch immer eine Baustelle.

Auch die Besucher fühlen sich alles andere als wohl. "Das Trinkwassersystem funktionierte nicht und zu essen gab es nur matschige Sandwiches und Kartoffelchips", lautete eine Beschwerde. Weil es kein erkennbares Recycling-Programm gegeben habe, hätte das Stadion nach dem Spiel ausgesehen "wie der Strand von Ipanema nach einem Sonntag". Christopher Gaffney, US-amerikanischer Geograf an der Niterói-Universität und Gast im Stadion, beschrieb später die Sitzschalen: mal mit einer Armlehne, mal mit zweien und mal mit gar keiner. Selbst als das Stadion am 25. Mai offiziell der Fifa übergeben wurde, fuhren draußen noch kreuz und quer lärmende Baufahrzeuge herum.

Auch ein "Tritt in den Hintern" löste bisher nicht alle Probleme

Viele Menschen sind umso erzürnter, weil sie wissen, wie viel teurer als geplant die letzte Phase der Renovierung des Maracanã geriet: Nämlich genau 48,8 Prozent, also gerade noch innerhalb der erlaubten 50-Prozent-Grenze. Das Baukonsortium, angeführt von der einheimischen Firma Odebrecht, begründete dies mit "unvorhersehbaren Problemen" bei der Konstruktion. Kritiker sagen, gerade diese Firma hätte sämtliche Schwierigkeiten kennen müssen, hatte sie doch schon an der vergangenen Renovierungsphase - 2007 vor den Panamerikanischen Spielen - mitgewirkt.

Wirklich überrascht allerdings sind selbst Optimisten von den Problemen nicht, gab es doch kaum ein Stadionprojekt in Brasilien, das ohne peinliche Vorfälle ausgekommen wäre. In Salvador, auch Spielstätte des Confed-Cups, brach ein Teil des Daches zusammen, weil der angesammelte Regen zu schwer für die Membranplatten war. In zwei Wochen soll auch in Brasilia gespielt werden. Bislang gab es nur einen Härtetest, vergangene Woche beim Saisonauftakt der ersten Liga zwischen FC Santos und Flamengo Rio de Janeiro. Mit dem Auto war der Spielort nicht zu erreichen, der Verkehr brach zusammen. Im WM-Stadion von Porto Alegre wurden acht Menschen verletzt, als ein Schutzgeländer dem Druck der Fans nicht standhalten konnte.

Die größte Peinlichkeit aber steht im Osten São Paulos. Die Bauarbeiten am Itaquerão-Stadion, geplanter Ort des das WM-Halbfinales, ruhen derzeit. Der Traditionsverein Corinthians, der das Itaquerão bespielen will, befindet sich im Rechtsstreit mit der Baufirma - es ist Odebrecht.

Jérôme Valcke, Generalsekretär der Fifa, hatte schon im vergangenen Jahr gesagt, Brasilien benötige ob der Stadionprobleme einen "Tritt in den Hintern". Im April warnte er, dass der fehlende Fortschritt in São Paulos den gesamten Plan der WM gefährden würde. Dass die größte Stadt Brasiliens sein Stadion zum Confed-Cup nicht fertigstellen würde, war schon lange klar. Rio de Janeiro hat es geschafft, mit Ach und Krach. Wie sicher das ist, wird man Sonntag sehen.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. 50% teurer ...
leibhaftiger 31.05.2013
... das ist ja ein Schnäppchen wenn man sich hierzulande in Hamburg, Berlin und Stuttgart umschaut!
2.
teekesselchen 31.05.2013
Zitat von sysopDPABrasiliens Maracanã-Stadion soll die Gala-Bühne der WM 2014 sein. Als Testlauf richtet man jetzt den Confed-Cup aus. Doch ein Gericht musste die Chaos-Baustelle vorübergehend sperren: Fans könnten den Schutt als Waffen benutzen. Nur eine von vielen Pannen bei den Arenen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-gastgeber-brasilien-hat-viele-probleme-mit-seinen-stadien-a-903036.html
Faktencheck ist nicht so eure Stärke oder? Das Endspiel hat Brasilien 1:2 gegen Uruguay verloren, nachdem sie 1:0 geführt haben.
3. Sehr gut recherchiert, S.P.O.N....
Brasil2014 31.05.2013
...die legendäre Niederlage gegen Uruguay 1950 war ein 1:2 und kein 0:1.
4. fussballerisches Allgemeinwissen
ray-sister-33 31.05.2013
Uruguay gewann 1950 mit 2:1 gegen Brasilien
5. Schnäppchen?
realist4 31.05.2013
Haben Sie die bisherigen Baukosten gelesen? 500 Mio. Euro Renovierungskosten! Die Alianz-Arena hat 330 gekostet.
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