WM-Film "Die Mannschaft" Wie ein langer, cooler Werbespot

"Die Mannschaft" verspricht Einblicke in das Innenleben der Nationalelf. Zu sehen ist aber fast nur Bekanntes. Der Film setzt auf die Emotionen des Weltmeister-Sommers, den Spielern kommt er nicht wirklich nah.

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DPA

SPIEGEL ONLINE Fußball
Über eine Filmszene wird sich Fifa-Chef Joseph Blatter als Gast der Uraufführung am Montagabend in Berlin besonders gefreut haben. Bastian Schweinsteiger steht am Swimmingpool des Campo Bahia, er breitet die Arme aus und dankt Blatter aus vollem Herzen dafür, dass "er die Weltmeisterschaft nach Brasilien geholt hat". Lob bekommt der hochumstrittene Fifa-Boss nicht allzu oft zu hören, aber da der Film "Die Mannschaft" über den WM-Triumph der deutschen Nationalelf offiziell als Fifa-Film firmiert, muss man sich nicht übermäßig wundern, dass solch eine Szene dabei ist.

"Erlebe die Fifa-WM, wie du sie noch nie gesehen hast", verspricht die Werbung über den Film, den der Deutsche Fußball-Bund (DFB) aus eigenen Aufnahmen zusammengestellt hat. Aber dieses Versprechen kann "Die Mannschaft" nicht halten. Eine Fußball-WM ist mittlerweile ein medial derart überhöhtes Ereignis, dass es fast keine Szene gibt, die man nicht schon bei ARD und ZDF im Sommer gesehen zu haben glaubt: Der Tanz von Thomas Müller mit den Indianern bei der Ankunft im WM-Quartier, die Jubelszenen nach den Siegen, der Unmut von Per Mertesacker nach dem Algerien-Spiel, den er im Interview mit ZDF-Reporter Boris Büchler entlud - all das taucht noch einmal auf, höchstens aus anderer Kameraperspektive als gewohnt.

Neues erzählt der Film nicht, kann er auch gar nicht. Es sei denn, man ist interessiert, was Philipp Lahm nach dem WM-Finale frühstückt, wie die Tischtennis-Vorhand von Mario Götze ausgestaltet ist und wie es um die Golfspiel-Qualitäten Thomas Müllers bestellt ist. Und immer wieder die Nationalspieler, wie sie auf ihre Smartphones schauen. Ein wiederkehrendes Motiv dieses Films.

Es ist ein Film, der die Handschrift von Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff trägt. Es ist kein Zufall, dass Bierhoff immer wieder in Interviewpassagen auftaucht und das Geschehen in seinem Sinne einordnet. Und das heißt erstens: Das Campo Bahia (ausgesucht von Bierhoff) war der Schlüssel zum WM-Sieg. Zweitens: Der Teamgeist war der Schlüssel zum WM-Sieg. Die beiden Punkte variieren sich in den 90 Minuten immer wieder.

Widersprüche in Bierhoffs Aussagen

Dass Bierhoff dabei erst betont, die Mannschaft habe sich keineswegs in Brasilien abgeschottet, um dann wiederholt die Abgeschiedenheit des Quartiers zu preisen; dass er erst herausstreicht, wie wichtig es gewesen sei, jenseits von Fluss und Fähre im Campo seine Ruhe gehabt zu haben, um ein paar Minuten später zu beklagen, dass die Anreisestrapazen zu den Spielen ein Kraftakt gewesen seien - "jedesmal wieder auf die Fähre, dann wieder in den Bus" - bleiben als hübsche Widersprüche stehen.

Es ist ein Film, der das tut, was die Dramaturgie, der Handlungsfaden dieses Sommers vorgibt. Von der Vorbereitung in Südtirol bis zum WM-Sieg - das macht es einem Regisseur einfach, der Spur bis zum Happy End zu folgen. Uli Voigt, der Verantwortliche des Films, ist beim DFB seit Jahren für die Pressebetreuung der Fernsehleute zuständig. Er ist einer, der ganz nahe am Geschehen ist. Das hilft und schadet dem Film gleichermaßen. Er hatte die Schlüssellochperspektive, aber richtig nah, wie es ein Dokumentarfilmer vielleicht geschafft hätte, kommt der Film den Spielern nicht.

Mesut Özil, Toni Kroos, Manuel Neuer, selbst Lukas Podolski - sie laufen immer wieder durchs Bild, aber was sie in diesen Wochen gedacht haben, was sie gefühlt haben, woran sie möglicherweise auch gezweifelt haben, darüber erfährt man nichts. Letztlich filmt hier ein Angestellter des DFB seine Hauptdarsteller. Zwar mit rasanten Schnitten, schnellen Bildern - aber herausgekommen ist ein Werk, das auch ein sehr langer cooler Werbespot der DFB-Sponsoren sein könnte. Ruhe entwickelt der Film eigentlich immer nur dann, wenn die Ansprachen von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach in aller Ausführlichkeit zu sehen und zu hören sind.

Dennoch hat "Die Mannschaft" auch ihre starken Momente: Die Aufnahmen vom singenden Christoph Kramer, der auf der Fähre vor versammelter Mannschaft als Debütant sein Ständchen geben muss oder die Kabinenansprachen direkt vor den Spielen, die zwar die seit dem "Sommermärchen"-Film von 2006 bekannte Banalität haben ("Jetzt geht raus und haut sie weg!"), die aber einen Joachim Löw offenbaren, den die Öffentlichkeit so nicht kennt: mit einer Stimme, die nichts mehr vom gemächlichen badischen Singsang hat, sondern eine schneidend kalte Entschlossenheit bekommt. Es sind nur zwei, drei Sätze - aber sie offenbaren eine Autorität, die mit dem netten Herrn Löw wenig zu tun hat.

"Die Mannschaft" ist ein Film für die Fans, er soll die Emotionen des WM-Sommers noch einmal aufrufen, und das gelingt ihm auch. Und wer immer noch nicht wusste, dass Thomas Müller ein wirklich lustiger Kerl ist, der weiß es jetzt. Es gibt allerdings niemanden, der das noch nicht wusste.

"Die Mannschaft" von Ulrich Voigt, Martin Christ und Jens Gronheid. Ab 13. November im Kino.

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hattrick73 10.11.2014
1.
Pflichttermin; guck ich an. Geiler Sommer war das.
vintagegirl 10.11.2014
2. Lustig
Auf dem Plakat sieht's aus als hätten drei Spieler acht Arme ?
nadennmallos 10.11.2014
3. Wie, was war denn ...
Zitat von hattrick73Pflichttermin; guck ich an. Geiler Sommer war das.
... im Sommer los? Hab' ich was verpasst? ;)
reever_de 10.11.2014
4.
Oh mein Gott ... womit sich alles Kohle machen lässt. Jede Wette, das vor dem Kino noch mal Stände mit übrig gebliebenen Fussi-Klamotten und ranziger Schminke in "Schland-Farben" rumstehen. Kauft, Leute, billiger wirds nicht mehr ...
Colorwaschmittel 10.11.2014
5.
Zitat von reever_deOh mein Gott ... womit sich alles Kohle machen lässt. Jede Wette, das vor dem Kino noch mal Stände mit übrig gebliebenen Fussi-Klamotten und ranziger Schminke in "Schland-Farben" rumstehen. Kauft, Leute, billiger wirds nicht mehr ...
Alternativtitel: "Die Moneyschaft"
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