Fifa-Bericht zur WM-Vergabe Ein peinliches Papier

Alles sauber bei der WM 2018 und 2022? Die Fifa-Ethiker sollten aufklären - und scheitern grandios. Joseph Blatter wird gar als Reformer dargestellt. Wie energisch wird sich Ermittler Michael Garcia wehren?

Eine Analyse von

Ermittler Garcia (l.), Ethik-Chef Eckert: Berufung angekündigt
DPA

Ermittler Garcia (l.), Ethik-Chef Eckert: Berufung angekündigt


SPIEGEL ONLINE Fußball
Die 42 Seiten umfassende Stellungnahme der Fifa-Ethikkommission wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt. Der Münchner Strafrichter Hans-Joachim Eckert, Chef der Richterkammer der Ethikkommission, erklärte die Überprüfung der WM-Bewerbungen 2018 und 2022 am Donnerstagmorgen, 10 Uhr, offiziell für abgeschlossen, selbst wenn gegen einzelne Funktionäre und Berater eventuell noch Ethikverfahren eingeleitet werden.

Zwei Stunden später erklärte der Amerikaner Michael Garcia, Chef der Ermittlungskammer der Ethikkommission, Eckerts Papier enthalte "zahlreiche materiell unvollständige und fehlerhafte Darstellungen der Tatsachen und Schlussfolgerungen im Bericht der Untersuchungskammer". Er werde Eckerts Entscheidung bei der Berufungskommission anfechten.

Garcias Bericht von angeblich 350 Seiten (zuzüglich 200.000 Seiten Dokumentation) ist nicht öffentlich. Er hat sich mehrfach für eine Veröffentlichung ausgesprochen, Eckert will den Bericht keinesfalls in Gänze veröffentlichen lassen. Welche Fakten Eckert falsch dargestellt und welche Schlussfolgerungen fehlinterpretiert haben soll, wie Garcia behauptet, kann die Öffentlichkeit nicht überprüfen. Dazu müsste der Garcia-Report vorliegen.

Fifa zahlt Garcias Arbeit aus der Portokasse

In diesem Durcheinander ist es wichtig, bei den Fakten zu bleiben: Es gab keine rechtsstaatlichen Ermittlungen, sondern nur Recherchen eines von der Fifa beauftragten und bezahlten Teams. Sechs Millionen Dollar soll die Arbeit von Garcias Truppe gekostet haben. Angesichts der 1,432 Milliarden Dollar Rücklagen der Fifa, die in diesem WM-Jahr gewiss um eine dreistellige Millionensumme gestiegen sein dürften, kann das aus der Portokasse bezahlt werden.

Für die Darstellung wird Javascript benötigt.

Eckert geht in seinem Papier auf die Probleme der sogenannten Ermittlungen ein: Man ist auf die Kooperation der Zeugen angewiesen, hat keine polizeilichen Befugnisse, kann keine Hausdurchsuchungen durchführen, nicht auf Geschäfts- und Privatkonten zugreifen - und das in einem Umfeld, wo Korruption hochprofessionell ablaufe. Die Zeit der Geldbriefumschläge sei vorbei.

Zu den vielen unappetitlichen Details dieses Verfahrens zählt allerdings, dass Eckert ausgerechnet die Glaubwürdigkeit der einzigen beiden Whistleblower anzweifelt - immer unter Berufung auf Garcias Bericht. Bonita Mersiades, einst Direktorin der australischen WM-Bewerbung, und Phaedra Almajid, einst in der PR-Abteilung der katarischen Bewerbung tätig, haben seit 2010 viel riskiert, sie wurden bedroht und sahen sich gigantischem Druck ausgesetzt. Eckert nennt beide Namen nicht, spricht nur von "Quellen" und "Hinweisgebern", die Identität der beiden Frauen ist aber kein Geheimnis.

Nur vier Seiten beschäftigen sich mit Katar

Almajid musste schon 2011 Aussagen widerrufen, die sie bei englischsprachigen Medien gemacht hatte. Sie lebt seither im Exil in den USA, steht im Kontakt mit Bundesbehörden. Von den Fifa-Ethikern wird sie nun schwerer beschuldigt als die WM-Bewerber. Sie habe Beweismaterial verfälscht, heißt es. Gleichzeitig werden etliche Details, die Almajid einst öffentlich gemacht hat, beispielsweise das millionenschwere Sponsoring Katars für den Kongress der afrikanischen Fußball-Konföderation Caf 2010 in Angola, in Eckerts Bericht aufgeführt. Zu diesem und vielen anderen Beispielen heißt es abschließend lapidar: Die Hinweise seien nicht geeignet, die "Integrität" des Bewerbungsverfahrens "in seiner Gesamtheit zu kompromittieren".

Die zweite Informantin, Bonita Mersiades, die sich zweimal mit Garcias Team getroffen hat, wird als unzuverlässig diskreditiert, weil sie sich gleichzeitig immer wieder öffentlich geäußert habe. Mersiades arbeitet als Journalistin und hat ein Buch über die australische WM-Bewerbung geschrieben, das wegen juristischer Drohungen ihres ehemaligen Arbeitgebers aber nicht erscheinen kann.

Etwa die Hälfte des Berichts listet technische Details der Ethikkommission auf, wer sich wann für befangen erklärt hat, wer wann was getan hat. Weitschweifig wird die Struktur der Fifa erläutert. Aber auf nur vier der 42 Seiten geht es um Katar. Kein Detail wird erwähnt, das nicht schon bekannt gewesen wäre. Die Bestechungszahlungen des ehemaligen katarischen Fifa-Exekutivmitglieds Mohamed Bin Hammam werden genannt, die von der "Sunday Times" im Juni 2014 enthüllt und belegt worden sind. Dies habe nichts mit dem WM-Bewerbungskomitee zu tun, behauptet Richter Eckert. Glaubt man seinen Darlegungen, dann hat in Katar nichts und niemand mit dem WM-Bewerbungs- und jetzigen Organisationskomitee zu tun, keine Staatsfirma, keine der vielen Stiftungen, die den Weltsport aufkaufen, nicht einmal der Emir.

Lob für den Fifa-Präsidenten

An diesen Stellen ist Eckerts Bericht geradezu lächerlich. Wie alles in Katar war auch die WM-Bewerbung Chefsache. Emir Hamad, der im Juni 2013 die Macht an seinen Sohn Tamim übergeben hat, ließ drei seiner Söhne die Bewerbung leiten: Mohammed, Jassim und Tamim (der übrigens seit 2002 auch dem Internationalen Olympischen Komitee angehört).

Alt-Emir Hamad führte die vielen hochrangigen politischen Gespräche etwa mit Frankreichs damaligem Präsidenten Nicolas Sarkozy, über die ausgiebig berichtet wurde. Hamad war auf Staatsbesuch in Brasilien und hat sich dort mit den drei korrupten Fifa-Exekutivmitgliedern Ricardo Teixeira (Brasilien), Nicolás Leoz (Paraguay) und dem 2014 verstorbenen Julio Grondona (Argentinien) getroffen.

Ähnlich peinlich sind die Ausführungen zu Russland, das sich den Ermittlern im Grunde verweigert hat. Die Ausreden der Russen werden zu den Akten genommen: Die für die Bewerbung geleasten Computer seien zurückgegeben worden und nicht mehr verfügbar. Bei Google habe man sich darum bemüht, Zugang zu den vom Bewerbungskomitee einst genutzten Gmail-Adressen zu bekommen, aber dies sei nicht möglich gewesen.

Eckert lobt den Bewerbungsprozess als vorbildlich, was weltweit Kopfschütteln hervorrufen wird, denn die Fifa hat erst kurz vor der Entscheidung festgelegt, dass sich Nationen nicht mehr für zwei, sondern nur für eine WM bewerben dürfen. Und Eckert preist den Fifa-Präsidenten Joseph Blatter als Reformer - ähnlich wie in seinem ersten spektakulären Urteil im Mai 2013, als er sich zum ISL-Bestechungsskandal äußerte. Damals verharmloste er die nachgewiesene Mitwisserschaft von Blatter als "ungeschickt".

Die Fifa teilte mit, sie freue sich, die Vorbereitungen für Russland 2018 und Katar 2022 fortzusetzen. Die spannende Frage lautet nun, wie energisch sich Garcia gegen Eckerts Fehlinterpretationen wehrt und ob, wie kürzlich im Fall des Fifa-Millionenbetrügers Chuck Blazer, der ebenfalls nicht in Eckerts Bericht erwähnt wird, plötzlich belastende Dokumente an die Öffentlichkeit gelangen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mertrager 13.11.2014
1. Das kommt davon
... dasz dieser Konzern weltweit seine eignen Regeln aufstellt und sich nicht an die staatlichen Gesetze hält.
Wolffpack 13.11.2014
2.
#HandAuf ist alles was mir dazu einfällt.
phaymima 13.11.2014
3. Bitte leaken!
ich fände es grandios wenn sich jemand erbarmen und den garcia report für jeden einsichtbar ins netz stellen würde. ich währe auch bereit für ein solches projekt auf kickstarter ein paar euros locker zu machen. man stelle sich das mal vor. der ganze mief an der Öffentlichkeit. ein skandal der das korrupte system zum Einsturz bringen könnte. also bitte bitte liebe Hacker und oder bestechliche fifa funktionäre, habt erbarmen und schlagt der Schlange den kopf ab
sverris 13.11.2014
4. Es gibt nur eine Lösung
Sich den SPort nicht anschauen. Leider sind viel zu viele Leute unfähig dazu. Und so lebt das GEschäftsmodell von Herrn Blatter weiter.
achilles65 13.11.2014
5.
Und so jemand ist deutscher Richter, ich bin sprachlos!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.