WM-Katerstimmung in Frankreich: Vive la Farce

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Eine Mannschaft in Trümmern, ein Land am Boden: Der Chaosauftritt der Equipe Tricolore bei der Weltmeisterschaft in Südafrika schockiert Frankreich. Das demütigende Erscheinungsbild des Teams wird zusehends zur Staatsaffäre.

Französisches Team: Meuterei in Blau Fotos
REUTERS

Berlin - Zinédine Zidane hatte schon immer die Courage, auch mal eine exotische Meinung zu äußern. Jetzt hat Frankreichs Fußballikone allerdings etwas schier Unglaubliches verkündet: "Wer weiß, vielleicht wird Frankreich ja noch Weltmeister", sagte er am Montag in Johannesburg. Zidane soll dabei nicht einmal gelächelt haben.

Sehr realistisch ist Zidanes Prognose nicht. Es sind die schwersten Tage, die der französische Fußball seit langer Zeit durchmacht. Zwölf Jahre nach dem WM-Triumph im eigenen Land, zehn Jahre nach dem Gewinn des Europameistertitels, vier Jahre nach der Vizeweltmeisterschaft in Deutschland scheint die Fußballnation Frankreich am Ende einer langen Reise angekommen zu sein, vom Berg hinunter ins ganz tiefe Tal.

Eine Mannschaft voller Egoisten, mit Raymond Domenech ein Trainer ohne jede Autorität, mit Franck Ribéry ein Mittelfeldstar, dem jede Führungsqualität abgeht, mit Patrice Evra ein Mannschaftskapitän, der "seine Rolle mit der eines Bandenführers verwechselt", wie die Sportzeitung "L'Equipe" schreibt. Das ist die Lage.

Die Ereignisse des Wochenendes, die Suspendierung von Stürmer Nicolas Anelka, der Trainingsstreik der Mannschaft im Vorfeld des entscheidenden Gruppenspiels gegen Südafrika (Dienstag 16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), die aberwitzige Szene, wie Trainer Domenech das Kommuniqué der Mannschaft zu verlesen gezwungen ist, die sich derweil in den Mannschaftsbus verkrochen hat - in der Heimat hat diese Häufung von Ungeheuerlichkeiten ein verheerendes Echo ausgelöst. "Es wäre schon unerträglich, das schlechteste Team bei einer WM zu stellen. Aber auch noch das dümmste zu haben, ist nicht zu tolerieren", schreibt die Tageszeitung "Le Parisien". Das Team habe sich vor der gesamten Welt lächerlich gemacht, kommentiert der "Figaro", die Zeitung "La République du Centre" ergänzt: "Diese Sportler sind es nicht wert, die französischen Nationalfarben zu tragen."

"Nur traurig, nur beschämend"

Selten sind sich Medien und Öffentlichkeit in ihrer Einschätzung so einig. Es findet sich derzeit im Lande wohl niemand, der diese Mannschaft noch verteidigen würde. "Es ist nicht hinzunehmen. Total unprofessionell", befindet Frankreichs ehemaliger Mittelfeldstar Emmanuel Petit, einer aus der Weltmeistermannschaft von 1998: "Es ist nur traurig, beschämend." Der frühere Bayern-Spieler Bixente Lizarazu, auch er Mitglied jener großartigen französischen Mannschaft, die Ende der neunziger Jahre das Maß aller Dinge im Weltfußball war, ist ebenfalls entsetzt: "In diesem Team verfügt niemand mehr über Autorität. Die Lage ist sehr ernst."

Auch Zidane, der 2006 noch als Mannschaftskapitän mit der von Domenech betreuten Equipe Vizeweltmeister wurde, kann es nicht begreifen: "Wir sind hier bei einer WM. Da muss man sich doch zusammenreißen." Der ehemalige Weltfußballer hat heftig bestritten, in Südafrika hinter den Kulissen gegen Domenech intrigiert zu haben. Bei einem Geheimtreffen soll er Spieler gegen die nach seiner Ansicht falsche Taktik des Trainers in Stellung gebracht haben.

Zidane und Domenech - das war schon 2006 eine schwierige Beziehung. Der Hang des Trainers zum autistischen Verhalten, was das Fällen von Entscheidungen angeht, hatte das Team schon vor vier Jahren vor eine Zerreißprobe gestellt. Es war damals vor allem der überragenden Führungspersönlichkeit Zidane zu verdanken, dass das Team nach einer schwachen Gruppenphase noch die Kurve bis ins Endspiel nahm.

EM 2008 war noch nicht Alarmzeichen genug

Die Lage scheint komplett verfahren - und gerät zusehends zur Staatsaffäre. Eine Situation wie geschaffen für den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und seinen Hang zum Aktionismus. Der Präsident hat zunächst seine Wirtschaftsministerin Christine Lagarde vorgeschickt. Lagarde, früher eine der besten Synchronschwimmerinnen des Landes, hat die Empörung der Regierung ausgedrückt: "Ich bin erschüttert. Die Zeit der Disziplinarmaßnahmen wird kommen."

Danach hat Sarkozy seine Sportministerin Roselyne Bachelot angewiesen, noch am Montag einen Krisengipfel vor Ort abzuhalten mit Domenech, Mannschaftskapitän Evra und den Spitzen des französischen Fußballverbandes. Wegen der "Empörung der Franzosen" mit ihrer Elf, sagte Bachelot dem Fernsehsender "TF1" rufe sie alle Delegationsangehörigen zur "Verantwortung und zur Wahrung der Würde" auf.

Doch der entstandene Schaden wird sich damit kaum beheben lassen. Das jedenfalls lassen die teilweise hysterischen Reaktionen in der Politik vermuten. "Dieser Mummenschanz muss aufhören", verlangte Einwanderungsminister Eric Besson. Die Zentrumspartei Modem beklagte den "Untergang" des Teams, das sich der "Lächerlichkeit" preisgebe. Die Kommunisten sprachen von einer "allgemeinen Bankrotterklärung", die "meilenweit von den Werten des Fußballs entfernt" sei.

Die rechtsextreme Partei Front National (FN) verlangte nach der "weltweiten Demütigung unserer Nation" gar den Rücktritt von Sportministerin Bachelot - und griff den Staatschef an: Das "sportliche und moralische Debakel" verdeutliche das "Frankreich von Sarkozy, ein Frankreich, in dem Geld als Wertesystem dient und jede Idee von Gemeinschaft ausgemerzt wird".

Unterdessen wenden sich erste Sponsoren entsetzt ab. Die Bank Crédit Agricole, bekannt als Ex-Unterstützer des gleichnamigen ehemaligen Radsport-Teams, hat sich als Geldgeber der Equipe Tricolore zurückgezogen. Das gab das Unternehmen am Montag bekannt. Zuvor hatte die französische Fastfood-Kette Quick Werbung mit dem Enfant terrible Nicolas Anelka zurückgezogen.

Deeskalation? Keine Spur. Krisenmanagement? Fehlanzeige. Der Trainer selbst hat nach der bitteren 0:2-Niederlage gegen Mexiko nach Worten gerungen und den Satz gesagt, der in Frankreich jetzt schon zu einer Art geflügelten Ausdrucks geworden ist: "Ich habe noch keine Analyse."

Die französische Sprache hat ein neues Wort für Hilflosigkeit. Es heißt Domenech.

Mit Material von dpa, sid und Reuters

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Forum - Chaos bei den Franzosen
insgesamt 276 Beiträge
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1. Adieu les Bleus ...
crocodile dentist 21.06.2010
Zitat von sysopFrankreich ist entsetzt über das Auftreten seines Teams bei der Fußball-WM in Südafrika. Die Ergebnisse sind mies, Stürmer Anelka beschimpft den Trainer, die Mannschaft tritt in den Streik. Haben die Franzosen trotzdem noch eine WM-Chance?
... mit einem neuen Trainer klappt's vielleicht 2014.
2.
Christian W., 21.06.2010
Zitat von sysopFrankreich ist entsetzt über das Auftreten seines Teams bei der Fußball-WM in Südafrika. Die Ergebnisse sind mies, Stürmer Anelka beschimpft den Trainer, die Mannschaft tritt in den Streik. Haben die Franzosen trotzdem noch eine WM-Chance?
Ich hoffe nicht. Zudem sie nicht einmal hätten dabei sein dürfen.
3. Fluch der Iren
druum, 21.06.2010
Zitat von Christian W.Ich hoffe nicht. Zudem sie nicht einmal hätten dabei sein dürfen.
Von wegen afrikanischer Voodoozauber. Ich sehe die Franzosen - zurecht - vom Fluch der Iren getroffen. So werden sie am Dienstag gänzlich untergehen ...
4. Nein !
franzosen 21.06.2010
Wenn es nach den Franzosen ginge, bräuchten "les Bleus" gar nicht mehr antreten. Domenech hatte es schwer, war aber auch ganz und gar nicht die richtige Person, verquert, unfähig...Schon vor Jahren wollte man ihn ersetzen, aber er hatte einen langjährigen Vertrag. Das Bildungs- und Erziehungsniveau der Spieler, na ja, ist schon weit unten angesiedelt...Wir warten auf Monsieur Blanc !
5. Suppenkasper Franz
Jettenbacher 21.06.2010
Na ja, ich glaube an Peinlichkeiten sind auch die deutschen Auftritte bei WM's nicht arm. Wer nannte den Franz Beckenbauer einen Suppenkasper, und durfte dafür nach Hause reisen? Immer erstmal vor der eigenen Haustüre kehren ;-)
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