WM-Kommentar Der Spaß-Macher

Die großen Gegner warten noch aufs deutsche Team, doch schon jetzt zeigt sich, dass Jürgen Klinsmanns Reformen greifen. Statt humorloser Effizienz zeigt die Elf kreativen Angriffsfußball. Der erzwungene Bruch mit ehernen Fußballtraditionen ist ein Gewinn für jeden Fan.

Von Jens Todt


Hinten erst einmal sicher stehen. Aus einer massiven Deckung das Spiel kontrollieren. Zunächst die Zweikämpfe gewinnen und Fehler vermeiden. Spiele werden in der Abwehr entschieden, sollen die anderen ruhig zaubern. Alles Blödsinn! Niemand will das mehr hören. Jahrzehntelange Gewissheiten und Grundlagen deutscher Fußball-Identität haben gewaltig an Bedeutung verloren. Dass Robustheit, Ausdauer und Zweikampfhärte unabdingbar sind, um im Spitzenfußball zu bestehen, weiß jeder Zwölfjährige auf den Bolzplätzen dieser Erde.

Bundestrainer Klinsmann: Das Establishment verschreckt
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Bundestrainer Klinsmann: Das Establishment verschreckt

Die Physis macht längst nicht mehr den Unterschied, körperliche Fitness ist eine Selbstverständlichkeit im Wettkampf der besten Mannschaften. Spielwitz, Technik und Kreativität sind die Fähigkeiten, die die hart umkämpften Spiele auf höchstem Niveau entscheiden. Schöner Fußball ist kein willkommenes Zufallsprodukt effizienter Mannschaften, sondern Voraussetzung für deren Erfolg. Das Spektakel ist das Ziel.

Jürgen Klinsmann hat der Nationalmannschaft seit seinem Amtsantritt 2004 konsequente Offensive verordnet, das ist ein großer Gewinn für den deutschen Fußball. Dass er dabei gelegentlich wenig diplomatisch vorgegangen ist, gehört zu seinem Naturell. Dass er manchem Besitzstandswahrer auf die Füße getreten ist - das Los jeden Reformers. Er hat das Establishment mit vermeintlich ungewöhnlichen Trainingsmethoden und einem bunt zusammengestellten Mitarbeiterstab verschreckt, doch das zeigt nur, wie sehr der hiesige Fußball im seligen Angedenken vergangener Erfolge um sich selbst gekreist ist.

Kein Beispiel veranschaulicht den neuen Stil so deutlich wie der Hannoveraner Per Mertesacker. Die Karriere des schlaksigen Innenverteidigers führt die Gesetze der Branche ad absurdum. Der zurückhaltende Spätentwickler fiel durch jedes Raster der DFB-Jugendausbildung und hat nie das Fußball-Internat eines Bundesligisten von innen gesehen.

Als Defensivspieler, dem es offensichtlich fast peinlich ist, Fouls zu begehen und der durch seine Ruhe, sein Stellungsspiel und seine Fähigkeiten in der Spieleröffnung besticht, ist er der Gegenentwurf zum klassischen deutschen Verteidiger vom Schlage eines Christian Wörns. In den 74 Bundesligaspielen seiner jungen Karriere hat Mertesacker insgesamt zwei Gelbe Karten gesehen; die holt sich mancher Kollege an einem einzigen Spieltag ab.

Dennoch liegt er bei der WM in der Zweikampfbilanz ganz weit vorn – fast 90 Prozent der Begegnungen mit gegnerischen Stürmern hat er bisher für sich entschieden. Mertesacker verkörpert eine neue Mentalität, er will spielen, nicht nur zerstören. Gleiches gilt für Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und andere. Es gelingt ihnen nicht an jedem Tag, aber sie versuchen stets, das Spiel zu gestalten, zu agieren statt zu verwalten.

Ganz gleich wie das Achtelfinalspiel am Samstag gegen Schweden (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ausgeht, eine deutsche Mannschaft, die selbstbewusst eigene Fehler riskiert, wird mehr Sympathien ernten, als sie das mit humorlosem Angsthasenfußball, der nur auf das Ergebnis ausgerichtet ist, jemals könnte. Der Stilwechsel ist geglückt, die deutsche Nationalmannschaft reißt mit ihrer Spielweise Millionen Zuschauer mit. Ob es schon wieder für die Weltspitze reicht, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.

Selbst die internationale Presse zollt Anerkennung, aus der ganzen Welt kommt Lob für das Klinsmann-Team. Das eigentlich Schöne daran ist, dass der Respekt nicht den Ergebnissen an sich gilt, sondern der Art und Weise, wie sie zustande gekommen sind. Das größte Kompliment kommt dabei aus Argentinien. Die Tageszeitung "Clarín" schreibt an die Adresse der Klinsmann-Truppe gerichtet: "Willkommen im Club der Teams, die guten Fußball spielen."



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