WM ohne Kuranyi Wer nicht passt, wird geschasst

Sturheit schlägt Leistungsprinzip: Bundestrainer Joachim Löw verzichtet bei der WM auf Stürmer Kevin Kuranyi. Aus seiner Sicht eine logische Entscheidung, denn der Schalker passt nicht ins Konzept. Dafür nimmt der Trainer auch ein Scheitern in Kauf.

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Als bei Kevin Kuranyi 2006 das Telefon läutete und der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann ihm mitteilte, dass er bei der WM nicht dabei sein werde - da hielt der Stürmer das erst für einen Scherz. Er lachte herzlich. Bis ihm dämmerte, dass es dem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung ernst war.

Bei Joachim Löw dürfte ihm ein solcher Irrtum jetzt nicht mehr passiert sein. Auch wenn viele jetzt überrascht scheinen: Der Bundestrainer folgt mit seiner Entscheidung contra Kuranyi seiner eigenen Logik.

Positiv gewendet: Löw bleibt sich treu. Aber es ist eine Prinzipienfestigkeit mit höchstem Risiko. Sie kann den WM-Erfolg kosten.

Löw hat schon in den vergangenen Wochen beharrlich gesagt, der Trainerstab habe seine festen Vorstellungen, wie die WM-Mannschaft auszusehen habe. Kuranyi schien in diesen Vorstellungen keinen Platz zu haben. Insofern ist es Löw abzunehmen, dass er auf den Schalker nicht nur aus gekränkter Eitelkeit verzichtet - wegen dessen vorzeitiger Stadionflucht beim Russland-Länderspiel 2008.

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Trauriger Torjäger: Die Karriere des Kevin Kuranyi
Löw will seine Mannschaft so bauen, wie Löw es will. Dabei lässt er sich weder vom Boulevard leiten noch vom Leistungsprinzip.

Würde Letzteres zählen, hätte Kuranyi zumindest im WM-Kader dabei sein müssen. Der Schalker war mit Stefan Kießling der stärkste deutsche Strafraumspieler der Saison. Torgefährlich, robust, laufstark. Dass er zuletzt in vier Spielen nicht getroffen hat, ändert gar nichts an diesem Gesamteindruck. Es hat Löw nur den Zeitpunkt der Entscheidung erleichtert. Nachdem Schalke 04 die Meisterschaft gerade vergeigt hat, lässt sich so eine Entscheidung erheblich besser verkaufen als noch vor drei Wochen, als Kuranyi und sein Club voller Kraft waren. Das kann man clever nennen.

Vertrauen auf die Veteranen

Der Bundestrainer hat sein Bild von einer deutschen Sturmreihe seit langem im Kopf: Löw setzt im Angriff auf Miroslav Klose, Lukas Podolski, Mario Gomez. Das ist bekannt. Auf Podolski und Klose vertraut er seit Jahr und Tag, sie sind seine Veteranen. In der Nationalelf haben sie ihn selten enttäuscht. Die gelungene WM-Qualifikation war ihren Toren zu verdanken.

Nach dem Verzicht auf Kuranyi dürften der Leverkusener Stefan Kießling und der Stuttgarter Cacau ihre WM-Plätze im Kader sicher haben. Weil Löw zuletzt meist auf einen zentralen Angreifer setzte, hätten Klose oder Gomez den Platz für Kuranyi räumen müssen. Das kam für das Trainerteam nicht in Frage. Kießling und Cacau sind die flexibleren Stürmertypen. Sie werden gebraucht, um auf aktuelle Spielsituationen zu reagieren. Außerdem steht der Münchner Thomas Müller als Alternative bereit. Niemand wird überrascht sein, wenn der junge Bayern-Spieler am Donnerstag von Löw für den 30er-Kader nominiert wird.

Kuranyi mitzunehmen hätte zur Beruhigung der medialen Aufregung beigetragen. Für Löw wäre es sogar der bequemere Weg gewesen - er hätte den Schalker nominieren und bei der Weltmeisterschaft dann doch auf die Ersatzbank setzen können. Und, falls es der Spielstand notwendig macht, Kuranyi in der 80. Minute immer noch einwechseln können.

Löw hat das nicht gemacht, weil er hofft, dass seine Favoriten ihre Dauer-Formkrise aus der Liga überwinden. Er geht das Risiko ein, dass Deutschland in Südafrika ohne Sturm dasteht. Der würde dann dafür in der Heimat ausbrechen.

Der Chef verbittet sich Einmischungen von außen

Aber der Bundestrainer reagiert noch weit mehr als sein Vorgänger extrem allergisch auf Druck von außen. Löw, Assistent Hans-Dieter Flick, Torwartcoach Andreas Köpke und Manager Oliver Bierhoff sehen sich in der alleinigen Verantwortung für sämtliche sportlichen Fragen - im Erfolgsfall, aber auch wenn es in Südafrika nicht funktionieren sollte. Löw ist keiner, der an seinem Stuhl klebt. Aber auch einer, der alle Spielräume einfordert, die ein Trainer haben kann. Manchmal wirkt die sportliche Leitung wie eine Wagenburg.

Als der DFB im Februar den Vertrag mit dem Bundestrainer nicht wie geplant verlängerte, haben Bierhoff und Löw dies als massiven Angriff auf die Wagenburg wahrgenommen. Als Misstrauensvotum gegen das geschlossene System Nationalmannschaft, wie es Trainer und Manager verstehen. Man kann sich vorstellen, dass Löw und Bierhoff in diesem Moment beschlossen haben, sich von nichts mehr irre machen zu lassen auf ihrem Weg, eine Nationalelf nach ihren Vorstellungen zu bauen. Nicht von der "Bild"-Zeitung, nicht von Fußball-Majestät Franz Beckenbauer, nicht von DFB-Chef Theo Zwanziger.

Eine Trotzreaktion, aber eine, die aus der Mentalität der sportlichen Leitung heraus folgerichtig erscheint. Löw lässt sich nicht verbiegen. Das reicht bis an die Grenze zur Sturheit. Manchmal geht es darüber hinaus.

Löw arbeitet schon an seinem Abgang

2008 hat Bundestrainer Joachim Löw gegen alle Expertenmeinungen auf den Innenverteidiger Christoph Metzelder als Stammspieler bei der Europameisterschaft gesetzt. Obwohl der Abwehrspieler zuvor monatelang verletzt war und anschließend bei Real Madrid auf der Ersatzbank versauerte. Egal. Löw hatte sich auf Metzelder festgelegt. Da gibt es kein Wanken und kein Zögern. Der Verteidiger spielte genau die schwache EM, die alle befürchtet hatten. Danach spielte Metzelder in Löws Planungen keine Rolle mehr.

Was, wenn er sich mit dem Verzicht auf Kuranyi nun ein ähnliches Problem eingehandelt hat? Vieles spricht dafür, dass Löw seine eigene Zukunft nach diesem WM-Sommer schon deutlich vor Augen hat. Entweder wird die Weltmeisterschaft ein Misserfolg. Dann wird die sportliche Leitung ohnehin die Konsequenz ziehen und gehen. Oder die WM wird ein Sommermärchen fürs DFB-Team - das wäre dann der persönliche Triumph des Trainers. In diesem Fall könnte Löw als der große Stratege abtreten, als derjenige, der unbeirrt seinen Weg geht. Mit einem entsprechend gestiegenen Marktwert in ganz Europa.

Mit der Entscheidung im Fall Kuranyi arbeitet der Bundestrainer an seinem eigenen Abgang. Er will ihn lediglich selbst bestimmen.

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haltetdendieb 13.04.2010
1. Im Tor Tim Wiese
...in der Abwehr Tasci Lahm Mertesacker Fritz ...im Mittelfeld Özil Westermann Tesche Kroos ...im Sturm Kießling und Kuryani! Auswechsler: Adler, Neuer (je nachdem, wer gerade schlechter hält) Friedrich Badstuber Boateng Riether Hilbert Schweinsteiger Trochowski Hunt Klose Podolski Ich spiele 4-4-2!
Zero Thrust 13.04.2010
2. re
Zitat von haltetdendieb...in der Abwehr Tasci Lahm Mertesacker Fritz ...im Mittelfeld Özil Westermann Tesche Kroos ...im Sturm Kießling und Kuryani! Auswechsler: Adler, Neuer (je nachdem, wer gerade schlechter hält) Friedrich Badstuber Boateng Riether Hilbert Schweinsteiger Trochowski Hunt Klose Podolski Ich spiele 4-4-2!
Interessant. Doch wo ist Ballack? Nicht mal auf der Bank?? :D Ansonsten gar keine so schlechte Auswahl. Nur der Sturm gefällt mir nicht. Kevin Kuranyi will ich nicht und Hunt.. ist nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Wobei man das derzeit ja leider von keinem deutschen Stürmer behaupten kann; so gesehen scheint Hunt fast schon wieder sinnvoll. Ich würde mich bis zum Angriff durchaus anschließen. Stürmen würd' ich vermutlich eher mit Völler und Klinsmann. Löw hat tatsächlich einige Probleme. Und sollte es stimmen, dass er jetzt erst(malig) verunsichert ist, fänd' ich das sehr überraschend. Die meisten dieser Probleme sind doch keine Neuheiten. Viele bestehen seit langem, manches hat sich lange abgezeichnet. Ja und von nirgendwo kommt keine Lösung. Das in meinen Augen größte Problem überhaupt ist, dass es nun zu spät ist. Für große Umstellungen, für nennenswerte Neueinberufungen, ja eigentlich für irgendwas. Die Mannschaft sollte längst stehen?! Wann sollten die sich noch einspielen? Die WM steht vor der Tür! Sollte da wirklich erst ein "Torso" stehen (und womöglich nicht mal das) - zu diesem Zeitpunkt - seh' ich schwarz für Südafrika. Aber so richtig. :-(
Ernst Wurscht 13.04.2010
3. Hoffentlich fliegen die Deutschen gleich raus
Dann ist Ruhe auf den Strassen, Plätzen und nach Pisse und Bier stinkts dann auch nicht tagelang. Werde nie verstehen wie so eine asoziale Veranstaltung wie 'public viewing' auch noch massiv unterstützt wird. Spass haben wollen aber den Dreck und Krach anderen aufhalsen, widerlich!
Eppelein von Gailingen 13.04.2010
4. Trainer Cool (?) im Charaktertest?
Zitat von sysopDie WM rückt näher und damit auch die Entscheidung, wer im deutschen Team mitfahren darf. Springt Kevin Kuranyi noch auf den WM-Zug auf, welche Innenverteidiger sind dabei? Welche Spieler sollten Ihrer Meinung nach in Südafrika um den Titel spielen?
http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,426373,00.html Heute Trainer "Cool" genannt; wurden Löw, wie Klinsmann, aus der Trickkiste gezogen und von vornherein überbewertet? Klinsmann warf das Handtuch als lizenzloser Fußballtrainer. Noch kläglicher versagte Mr. Spleen beim FC Bayern. Ob nochmal ein Bundesligaverein auf das Abenteuer mit dem Huntington Beach Boy anspringt? Hertha BSC könnte er z.B. aus der Zweiten Liga zurück in die Erste hieven. Er würde auch sehr gut zur Berliner Großmannssucht passen. Hat er denn mittlerweile den nötigen Fußballtrainerschein erworben? Es gibt bereits jetzt einen Sündenbock, falls unsere Nationalmannschaft bei der WM abstürzt - der gegenwärtige DFB-Präsident. Sein Theater um die Vertragsverlängerung mit Löw und seinem Tross, das Herumturnen mit dem Schiedsrichter Kempter, der nicht astrein zu sein scheint. Und nicht zuletzt sein Verhalten vor dem LG Augsburg, was einem ehemaligen Regierungspräsidenten und nachfolgendem Verwaltungsrichter von Koblenz nicht passieren darf. Die Deutsche Fußbllnationalmannschaft wird wieder einmal zu hoch gehandelt und ist brüchig wie schon lange nicht mehr. Dann kann man gleich den McBerti reaktivieren. Ob ein Kevin Kuranyi nochmal in der Deutschen Mannschaft auftreten darf, ist völlig unerheblich. Seine gesagten Worte und sein Verhalten hätte er sich vorher überlegen müssen. Einfach dafür entschuldigen, damit kann ein jeder kommen.
Zero Thrust 13.04.2010
5. re
Zitat von Ernst WurschtDann ist Ruhe auf den Strassen, Plätzen und nach Pisse und Bier stinkts dann auch nicht tagelang. Werde nie verstehen wie so eine asoziale Veranstaltung wie 'public viewing' auch noch massiv unterstützt wird. Spass haben wollen aber den Dreck und Krach anderen aufhalsen, widerlich!
Als ob. Dann hauen eben die Italiener auf die Pauke. Hier geht's doch gar nicht um Public Viewing, oder damit angeblich einhergehende Umweltverschmutzung. Sondern um die Sorgen und Leiden des Joachim "Jogi" Löw. Und die können Ihnen ja *Wurscht* sein, also *Ernst*-haft.
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