Italiens Endspiel um die WM-Teilnahme Azzurri vor der Apokalypse

Eine WM ohne Italien? Hat es seit fast 60 Jahren nicht gegeben. Wenn der viermalige Weltmeister am Abend gegen Schweden nicht gewinnt, ist das Debakel perfekt. Wie wahrscheinlich ist das?

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Simone Zazas Trippelschritte sind längst Fußballgeschichte. Der Italiener war erst spät in der Verlängerung des EM-Viertelfinalspiels 2016 gegen Deutschland eingewechselt worden, extra für das Elfmeterschießen. Lange verzögert, weit drüber gezielt - Zaza wurde mit reichlich Spott bedacht, fühlte sich im Anschluss gar genötigt, die Anhänger um Entschuldigung zu bitten. Drei weitere Italiener scheiterten damals vom Punkt, ihr Turnier endete an diesem Abend in Bordeaux.

Unzufrieden waren die Tifosi trotzdem nicht: 18 Elfmeter waren im Duell gegen den Weltmeister nötig gewesen, um einen Gewinner zu finden. Die Azzurri hatten zuvor in der Gruppenphase Geheimfavorit Belgien die Grenzen aufgezeigt, im Achtelfinale Titelverteidiger Spanien kaputtgepresst. Kurzum: Italiens Fußball schien auch jenseits des legendären Juventus-Defensivblocks wieder gut aufgestellt. Jetzt, nur 16 Monate später, steht er plötzlich vor der "Apokalypse" (Verbandschef Carlo Tavecchio), vor einer der größten Blamagen der Verbandsgeschichte.

Wie konnte es so weit kommen?

Die Ausgangslage: Im WM-Playoff-Rückspiel gegen Schweden (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL Nitro) muss nach dem 0:1 im Hinspiel unbedingt ein Sieg her - sonst findet die WM-Endrunde 2018 ohne Italien statt. Gelingt den Schweden am Abend in Mailand ein Treffer, braucht Italien mindestens drei eigene Tore. Eines dieser Spiele, "in denen du siehst, was richtige Spieler sind", wie Andrea Pirlo, der in der vergangenen Woche seine Profikarriere beendet hatte, aus dem Ruhestand kommentierte.

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Endstation WM-Qualifikation: Große Teams, große Blamagen

Die Gruppenphase: Italien war bei der Auslosung der europäischen Qualifikationsgruppen nicht im ersten Topf gelandet und bekam den schweren Gruppenkopf Spanien zugelost. Ihr "Endspiel" um den Gruppensieg verloren die Italiener im September in Madrid 0:3 - es war allerdings die einzige Niederlage der gesamten Qualifikation. 23 Punkte, damit mehr als Serbien oder Island, die in leichteren Gruppen die Direktqualifikation für Russland schafften. Das peinliche 1:1 im Heimspiel gegen Mazedonien und ein mühevolles 1:0 in Albanien ließen die Stimmung im Land des vierfachen Weltmeisters dann endgültig kippen. Trainer Gian Piero Ventura war schon vor dem Hoffnungslauf gegen Schweden in die Kritik geraten.

Der Conte-Faktor: Im ersten Duell mit Schweden war die italienische Startelf im Schnitt 30,5 Jahre alt. Gehobenes Alter allein führt im Fußball aber längst nicht automatisch zu Misserfolg. In die EM 2016 ging die Squadra Azzurra sogar mit einem noch älteren Team (Altersschnitt im Eröffnungsspiel gegen Belgien: 31,5 Jahre). Damals war die Mannschaft schnell im Kopf und vor allem den meisten Teams taktisch überlegen. Das lag an Trainer Antonio Conte, der mit seinem 3-5-2-System gegnerische Sturmreihen zur Verzweiflung trieb und aus einem mäßig talentierten Kader das Optimum herausholte.

Daniele De Rossi (M.)
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Daniele De Rossi (M.)

Das Problem: Von taktischer Stärke und Gedankenschnelle war beim Playoff-Hinspiel in Schweden nichts mehr zu sehen. In Solna agierten die Italiener zwar im gleichen System wie bei der EM. Doch sie spielten auch eindimensional. Die Verteidiger blieben im Aufbau gefühlte Ewigkeiten am Ball, ehe sie ihn weiterpassten. Taktische Fehler wie die Positionierung des Sturmduos Andrea Belotti und Ciro Immobile, die oft auf demselben Fleck verharrten, blieben von Trainer Ventura unkorrigiert. Und die vielen Versuche, Schweden über die Außenbahnen zu bespielen um dann Flanken in den Strafraum zu schlagen, passten weder zum Profil des eigenen Kaders noch zu dem des Gegners. Die Folge: Italien wirkte zwar defensiv recht stabil, das Tor resultierte aus einem abgefälschten Schuss von außerhalb des Strafraums. Offensiv blieb das Team jedoch harmlos.

Italienischer Fan in Solna
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Italienischer Fan in Solna

Der Hoffnungsschimmer: All das sind keine guten Voraussetzungen für das Rückspiel, in dem Schweden wohl defensiv antreten und den Azzurri die Aufgabe überlassen wird, das Spiel zu gestalten. Fehlende Automatismen und langsamer Aufbau könnten Italien dann besonders schmerzen. Allerdings kam Italien im Hinspiel nach dem Rückstand auch ohne guten Taktikplan zu mancher Chance, weil Schweden zunehmend passiv spielte, tief verteidigte und seine Angriffsbemühungen einstellte. Und so überschaubar die Qualität des italienischen Kaders sein mag: Sie ist noch immer höher als die des Gegners. Die Rede ist von Schweden - ohne Zlatan Ibrahimovic.

Das Gesetz der Serie: 2018 hatte eigentlich wieder ein Jahr der Azzurri werden sollen. Alle zwölf Jahre nämlich bringt der italienische Fußball etwas Besonderes hervor: 2006 erreichte Italien das WM-Finale, 1994 ebenfalls, genauso 1982 und 1970. Und 1958? Verpasste Italien zum einzigen Mal eine Endrunde. Bislang.

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schmus 13.11.2017
1. Da mache ich mir keine Sorgen...
...da macht halt ein Schwede den Kaladze* und hoppla, schon ist Italien gerettet. ;-) * Georgischer Nationalspieler, der - damals beim AC Mailand unter Vertrag - am 05.09.2009 im WM-Qualifikationsspiel zur WM 2010 2 Eigentore schoß.
spmc-125536125024537 13.11.2017
2. Heute Abend bin ich Schwede
es gibt keine schwachen italienischen Mannschaften. Verteidigen können die immer, und vorne hilft der liebe Gott.
satissa 13.11.2017
3. Ciao Italia
Es würde mich freuen, wenn eines der unsportlichsten und hässlich spielenden Teams der Welt nicht dabei sein wird. Statt dramaturgischer Schwalben, endlosen Lamentierens hat der schöne und schnelle Fußball eine Chance. Die 4 WM Titel sind ohnehin lachhaft. Der erste Titel wurde von Mussolino gekauft, der letzte auf Grund von unsportlichem Verhalten. Ich drücke Schweden die Daumen.
rainerwäscher 13.11.2017
4.
Ein Gesetz der Serie existiert nicht. Italien muss nur mithilfe der eigenen Leistung gewinnen. Gerechter geht es nicht.
yoda56 13.11.2017
5. Aber was mache ich nächstes Jahr, wenn...
...ich wieder diese herrliche Atmosphäre bei meinem Italiener genießen und mit den Azzurri leiden und jubeln möchte (außer gegen uns natürlich)? Nee - heute bin ich Italiener und gehe essen :-))
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