WM-Qualifikant Honduras: Putschregierung verordnet Fußball-Feiertag

Von , Boston

"Das Fußballteam ist die Seele unseres Landes": Honduras hat sich zum zweiten Mal für eine WM qualifiziert. Für den Augenblick ist den Einwohnern der Militärputsch und das Drama um den entmachteten Präsidenten Zelaya egal - sie wollen nur noch jubeln.

Jubelnder Honduraner (r.): Fußball lenkt von den Problemen des Landes ab Zur Großansicht
AP

Jubelnder Honduraner (r.): Fußball lenkt von den Problemen des Landes ab

Im Estadio Cuscatlan von San Salvador stimmten mehr als 5000 Honduraner voller Stolz und mit Tränen in den Augen ihre Nationalhymne an. Im 230 Kilometer entfernten San Pedro Sula, der zweitgrößten Stadt Honduras', strömten zur selben Zeit Zehntausende auf die Avenida Circunvalación, um zu feiern, und in der Hauptstadt Tegucigalpa gab Übergangspräsident Roberto Micheletti umgehend seinem ganzen Volk für den heutigen Donnerstag frei.

Honduras ist im Fußball-Himmel und Carlos Pavon ab sofort heilig. Der 36-jährige Stürmer hat das kleine, lateinamerikanische Land zur Weltmeisterschaft nach Südafrika geköpft. Sein Treffer in der 64. Minute zum 1:0-Sieg im letzten WM-Qualifikationsspiel in El Salvador war das wichtigste Tor in der Fußballhistorie von Honduras.

"Viva Honduras! Estamos en el mundial!" (Es lebe Honduras! Wir sind bei der WM!), titelte die Tageszeitung "La Tribuna" auf ihrer ersten Seite und zeigte ein überdimensionales Foto von Pavon. "Danke USA, Honduras ist in Südafrika!", schrieb "La Prensa". Auch Machthaber Micheletti bedankte sich - erst bei Gott und dann bei den USA für "die schöne Gelegenheit, die uns Honduranern gegeben wurde".

"Wir sind das glücklichste Land des Kontinents"

Denn ohne den Ausgleich der Nordamerikaner in Washington zum 2:2 in der fünften Minute der Nachspielzeit gegen Costa Rica hätte Honduras in zwei Relegationsspielen gegen Uruguay um das letzte der insgesamt acht WM-Tickets für Nord- und Südamerika spielen müssen. So aber haben beide Nationen 16 Punkte, Honduras ist aufgrund der um sechs Treffer besseren Tordifferenz ebenso wie Mexiko und die USA direkt qualifiziert, Costa Rica muss in die K.o.-Runde.

"Wir sind das glücklichste Land des Kontinents", jubelte Alfredo Hawit vom honduranischen Fußballverband ausgelassen in den Katakomben des Estadio Cuscatlan. Sein Hemd war durchnässt von einer Mischung aus Champagner und Bier. Die WM-Qualifikation ist nicht nur sportlich wichtig für die Los Catrachos. Sie gibt den rund 7,8 Millionen Menschen des armen Landes etwas Zeit zur Ablenkung. Zeit, die politischen Probleme für einige Tage zu verdrängen.

Finanzhilfen eingefroren und die Visa der Übergangsregierung annulliert

Präsident Manuel Zelaya wurde am 28. Juni von der Armee abgesetzt und ins Flugzeug nach Costa Rica gesteckt. Es war der erste Militärputsch in Zentralamerika seit dem Ende des Kalten Krieges. Zwar betonte Zelaya bei seiner Ankunft in Costa Rica, dass er immer noch Präsident von Honduras sei, doch der Kongress ernannte umgehend Roberto Micheletti zum Übergangs-Staatschef. Amerika hatte den Coup d'Etat kritisiert, Finanzhilfen in Höhe von 30 Millionen Dollar umgehend eingefroren und die Visa der Übergangsregierung annulliert.

Politisch ist Honduras seitdem isoliert, sportlich jedoch mittendrin - dank der guten Nachrichten, die am Mittwochabend ausgerechnet aus Washington kamen. "Der Donnerstag ist eine gute Möglichkeit, um sich zu erholen, nach all den Sorgen, die wir uns alle heute gemacht haben", sagte Micheletti nach dem Sieg in San Salvador. Stunden zuvor hatte er noch verhandelt. Es ging um die Frage, ob das gestürzte Oberhaupt Zelaya als Chef einer Regierung der nationalen Versöhnung ins Präsidentenamt zurückkehren könne. Zelaya befindet sich seit dem 21. September wieder in Tegucigalpa, hat Asyl in der brasilianischen Botschaft bekommen.

Fußball setzt mitunter sogar Gesetze außer Kraft

Am heutigen Donnerstag wollten die Konfliktparteien ihre Verhandlungen fortführen. Doch in Honduras interessiert sich heute niemand für Politik und präsidiale Probleme. "Das Fußballteam ist die Seele unseres Landes. Wenn wir gewinnen, ist das ganze Land happy, egal was gerade mit dem Präsidenten passiert", sagt Nationalspieler Roger Espinoza. Und Fußball setzt mitunter sogar Gesetze außer Kraft.

Als Honduras im Juli beim Gold-Cup, der Kontinental-Meisterschaft von Nord- und Mittelamerika, antrat, wurde in der Heimat die Ausgangssperre aufgehoben, damit die Fans zusammen die Spiele verfolgen konnten. "Manchmal kommt es mir so vor, dass in kritischen Situationen wie dieser die Nationalmannschaft für die Leute hier die einzige Genugtuung ist - eine Art emotionaler Ausgleich", meint Mario Gutierrez Pacheco, Herausgeber der englischsprachigen Zeitung "This Week".

Doch die Fußballgeschichte Honduras hat auch Schattenseiten. 1969 kam es zum sogenannten Fußballkrieg zwischen El Salvador und Honduras. Die beiden Mannschaften traten in der WM-Qualifikation gegeneinander an, nach dem dritten und entscheidenden Spiel kam es zu Ausschreitungen mit Todesopfern. Die eigentliche Ursache war eine Vorverlagerung der Siedlungsgrenze El Salvadors in das Staatsgebiet von Honduras. Die honduranische Regierung forderte die illegalen Einwanderer auf, das Land zu verlassen, daraufhin eskalierte der Konflikt, und die salvadorianische Regierung entschloss sich zur militärischen Intervention. Der Krieg dauerte etwa hundert Stunden und wurde durch die Intervention der Organisation Amerikanischer Staaten beendet.

Bislang war Honduras einmal bei der WM dabei. 1982 schied die Mannschaft zwar nach der Vorrunde aus, holte aber gegen Gastgeber Spanien und Gruppensieger Nordirland jeweils ein respektables 1:1-Unentschieden. Trainiert wurde das Team damals von José de la Paz Herrera. Er arbeitet mittlerweile als Anwalt und freut sich genauso wie seine Landsleute über den Sprung nach Südafrika. Allerdings befürchtet Herrera, dass der als Fußballfanatiker bekannte Micheletti den jetzigen Hype in Honduras ausnutzen und trotz der angespannten Lage und der politischen Isolation die WM-Qualifikation missbrauchen könne, um Nationalismus zu schüren. "Wir haben ein Minderwertigkeitsgefühl. Aber Fußball verbindet uns und lässt uns denken, wir sind die Besten", so Herrera.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball-News
RSS
alles zum Thema WM-Qualifikation 2010
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

Playoff-Teilnehmer
Acht europäische Teams spielen in zwei Playoff-Partien gegeneinander. Das Hin- und Rückspiel finden am 14. und 18. November statt. Die Paarungen werden am 19. Oktober in Zürich ausgelost.

- Portugal

- Griechenland

- Bosnien-Herzegowina

- Frankreich

- Irland

- Russland

- Ukraine

- Slowenien

WM-Qualifikation 2010
AFP

Auf dem Weg zur WM 2010 nach Südafrika: 13 Teilnehmer aus Europa werden in neun Gruppen ermittelt.

WM-Qualifikation 2010: Alle Tabellen hier!


Teilnehmer WM 2010

25 Länder haben sich schon neben WM-Gastgeber Südafrika qualifiziert.

ASIEN (4)

- Australien

- Japan

- Nordkorea

- Südkorea

EUROPA (9)

- Deutschland

- Niederlande

- England

- Spanien

- Dänemark

- Serbien

- Italien

- Schweiz

- Slowakei

SÜDAMERIKA (4)

- Brasilien

- Paraguay

- Chile

- Argentinien

AFRIKA (5)

- Südafrika

- Ghana

- Elfenbeinküste

- Nigeria

- Kamerun

AMERIKA (3)

- Mexiko

- USA

- Honduras

Ozeanien (1)

- Neuseeland