WM 2018 ohne Niederlande Schuld ist Johan Cruyff

Niederländischer Fußball - das war mal ein Gütesiegel für modernes Spiel. Doch die gleichen Männer, die einst den Erfolg brachten, stellten später die falschen Weichen.

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Ein Gastbeitrag von


Wenn man einen Blick auf das niederländische Team wirft, das am Dienstagabend einen nutzlosen 2:0-Sieg gegen Schweden errang und damit die WM 2018 verpasste, drängt sich der Eindruck auf: Das muss die B-Elf sein.

Das würde wenigstens einige der Namen aus der Aufstellung erklären: Kenny Tete von Lyon, Herthas Karim Rekik und den ewigen Journeyman Ryan Babel, den Gary Neville einst mit den Worten bedachte, er trage einen dauernden Kampf mit seinen eigenen Füßen aus.

Aber nein. Es spielte ja auch noch der niederländische Fußballer dieses Jahrhunderts mit, Arjen Robben.

Autoren-Info
    Simon Kuper, geboren in Uganda, aufgewachsen in den Niederlanden. Der britische Journalist und Schriftsteller beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Thema Fußballkultur. In seinem Erstlingswerk "Football against the enemy - Oder: Wie ich lernte, Deutschland zu lieben" widmete er sich ausgiebig der deutsch-niederländischen Rivalität. Kuper schrieb unter anderem für "The Observer" und "The Guardian", aktuell ist er Sport- und Wochenendkolumnist bei der "Financial Times".

Diese Mannschaft war wirklich die erste Elf. Wir sind derzeit einfach nicht besser, vor allem jetzt, nachdem der 33 Jahre alte Robben, Doppeltorschütze gegen Schweden, seine internationale Karriere beendet hat (ich bin kein Niederländer, aber habe meine Kindheit in dem Land verbracht und bin seitdem ein Fan der Nationalmannschaft).

Die Krise im niederländischen Männerfußball (die Frauen sind Europameister) ruft Erinnerungen wach an die Beschwerden, die Johan Cruyff 1981 aus dem US-amerikanischen Fußball-Exil in leicht holprigem Englisch über den Sport in seiner Heimat äußerte: "Why should I gone back when everything they are doing with soccer in Holland is wrong now?"

Der Vater des modernen niederländischen Fußballs ist vergangenes Jahr verstorben. Doch die fußballerische Krise von heute ist zum Teil auch seine Schuld. Der niederländische Fußball ist in der Hand eines Altherrenklubs von Ex-Profis, die gar kein Interesse daran haben, mit den besten ausländischen Experten mitzuhalten.

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Endstation WM-Qualifikation: Kopf hoch, Niederlande

Der traditionelle niederländische "Fußball Total", wie er auf der ganzen Welt genannt wird (die Niederländer selbst sprechen von der "Hollandse school") funktioniert schon lange nicht mehr. In den vergangenen zehn Jahren hat die Nationalmannschaft dann am besten gespielt, wenn die Abwehr dicht stand und schnell gekontert wurde, meist über Robben. So war es bei den hohen Siegen in den Gruppenspielen bei der EM 2008 gegen Italien (3:0) und Frankreich (4:1), in der zweiten Hälfte gegen Brasilien im Viertelfinale der WM 2010 (2:1) und während 28 glorreichen Minuten beim 5:1-Sieg gegen Spanien bei der WM 2014 in Brasilien.

Der niederländische Fußballexperte Pieter Zwart hat die Abhängigkeit der Nationalmannschaft von Robben untersucht. Sein Ergebnis: Seit 2014 hat das Team ein Tor pro Spiel mehr erzielt, wenn Robben auf dem Platz stand.

Es sagt alles, dass Robben nie ein typisch niederländischer Spieler war. Er wuchs in Bedum auf, einem abgelegenen Dorf nahe der deutschen Grenze. Dort war er das einzige große Talent, es gab keine professionellen Trainer und so durfte Robben so viel dribbeln, wie er wollte. Wäre er im Westen des Landes aufgewachsen, hätte ihn sich eine der Fußballakademien geschnappt und ihm das Dribbeln verboten. So wäre aus Robben einfach nur ein weiterer niederländischer Stürmer geworden, der Querpässe spielt, statt es selbst zu versuchen. Robben konnte nur deshalb Robben werden, weil er dem niederländischen System entkam.

Die Lösung wäre naheliegend - über die Grenze schauen und Ideen klauen

Derzeit gibt es neben dem Bayern-Angreifer keinen anderen niederländischen Stürmer, der etwas taugt. Dazu noch ein paar schockierende Fakten vom Experten Zwart:

  • Die Anzahl der Torvorlagen von niederländischen Angreifern in der Bundesliga, Premier League, Serie A und Primera División: null.
  • Die Anzahl der Tore, die niederländische Angreifer in diesen Ligen geschossen haben: eins (Robben, wer sonst?).

Dem entgegen steht die Tatsache, dass - wie Zwart zeigt - die Spielzeit von niederländischen Verteidigern in diesen Ligen (zum Beispiel Daley Blind bei Manchester United, Virgil van Dijk bei Southampton und Lazios Stefan de Vrij) noch nie höher war. Es ist schön, dass junge Kreativspieler nachkommen. Allerdings sind sie alle weiblich.

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Johan Cruyff: Visionär, Nörgler und Genie

Die Lösung wäre eigentlich naheliegend für ein so weltoffenes Land: über die Grenze schauen und Ideen klauen. So wie Deutschland es gemacht hat, als dort der Fußball nach der EM 2004 am Boden lag. Seitdem blicken die Deutschen über den Tellerrand hinaus. Trainer müssen nicht zuvor als Spieler Superstars gewesen sein, sondern vor allem clever, so wie Joachim Löw, Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann. Und wenn die Deutschen clever sind, wird es für alle anderen sehr schwer.

Den einzigen Vorteil, den die kleinen Niederlande jemals im Fußball hatten, war Brainpower. Aber die Männer, die das Sagen haben, scheinen Angst zu haben vor schlauen Ausländern, die neue Ideen mitbringen könnten.

Im Frühling habe ich den niederländischen Fußballverband, den KNVB, mit Jorge Sampaoli in Kontakt gebracht. Der Argentinier trainierte den FC Sevilla und hat zuvor mit Chile den Copa América gewonnen. Er hatte großes Interesse daran, niederländischer Nationaltrainer zu werden. Ich bin nur ein Journalist, aber ich hätte gedacht, der KNVB würde sich über einen Trainer freuen, der den "Hollandse School"-Fußball so verinnerlicht und anschließend auf Top-Niveau ans moderne Spiel angepasst hat. Sampaolis Mannschaften spielen so etwas wie "Fußball Total 3.0".

Es herrscht der "Gentlemens Club"

Der KNVB beschnupperte Sampaoli kurz, dann verpflichtete er Dick Advocaat (der vergangenen Monat 70 wurde) als Nationaltrainer - zum dritten Mal. Sampaoli trainiert jetzt Argentinien.

Die Niederlande weigern sich, sich weiterzuentwickeln. Zum einen, weil sie sich als kleines Land niedrige Ziele setzen. Zum anderen, weil die Fußballwelt dort sehr klein ist. Der niederländische Journalist Michiel de Hoog nennt es einen "Gentlemens Club", in dem jeder jeden kennt, oftmals schon seit Jugendzeiten. Drei der vergangenen vier Nationaltrainer - Advocaat, Danny Blind und Louis van Gaal - haben sogar 1981 bei Sparta Rotterdam zusammengespielt. Man hilft sich unter alten Freunden.

Ajax Amsterdam - der einzige niederländische Klub mit genug Geld, um international halbwegs zu bestehen - ist sogar extra auf dieses Freundschaftssystem ausgerichtet. Als Cruyff dort 2011 putschartig die Kontrolle übernahm, verfügte er, dass künftig nur ehemalige Ajax-Spieler Posten im Klub übernehmen dürfen, das galt auch für den Trainerjob. Marc Overmars, Edwin van der Sar und Dennis Bergkamp bilden derzeit das "technische Herz", und Marcel Keizer, auch ein Ex-Spieler, trainiert die erste Mannschaft. In den vergangenen 20 Jahren hat Ajax in Europa so gut wie nichts erreicht, mit Ausnahme der vergangenen Saison, unter Peter Bosz - der nie für Ajax gespielt hat.

Bosz machte die Spieler superfit und ließ auch "Fußball Total 3.0" spielen. Sie kamen bis ins Finale der Europa League. Jetzt trainiert Bosz Borussia Dortmund, und Ajax ist unter Keizer zum langsamen Flügelspiel zurückgekehrt.

Dick Advocaat und sein Assistent Ruud Gullit
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Dick Advocaat und sein Assistent Ruud Gullit

Der niederländische Altherrenklub schert sich wenig ums Verlieren. Nachdem die Niederlande in der WM-Qualifikation 0:4 gegen Frankreich verloren hatten, präsentierte Advocaat seinen Wunsch-Nachfolger: seinen Assistenten, Ruud Gullit. "Die Niederlande", schwärmte Advocaat in einem niederländischen Magazin, "vergessen, was Gullit für eine großartige Figur ist. Nach dem Spiel gegen Frankreich kamen alle französischen Spieler zuerst zu Ruud. Wenn man so einen Botschafter hat, muss man das nutzen, würde ich sagen."

Es spielt keine Rolle, dass Gullit so gut wie keine Erfahrung als fortschriftlicher oder erfolgreicher Trainer hat. Oder dass er seit Jahren überhaupt nicht als Cheftrainer gearbeitet hat. Das einzige, was eine Rolle zu spielen scheint, ist, dass Gullit ein "Botschafter" ist - und dass er und Advocaat sich seit 30 Jahren gut kennen.

Ich habe das niederländische Magazin, in dem Advocaat zitiert wurde, seit den Siebzigern abonniert. Es heißt "Voetbal International", und ich habe es jahrzehntelang sofort verschlungen, sobald ich es in die Hände bekam. Jetzt traue ich mich kaum noch, es aufzuschlagen. Wir werden wohl für immer auf die Zeit von 1974 bis 2014 als die verlorene Goldene Generation des niederländischen Fußballs zurückdenken.

insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
atlantus 11.10.2017
1. Ohne Holland
fahrn' wir zur WM! schade eigentlich..
lollopa1 11.10.2017
2. Ahnung hat der Autor nicht....
Europameister 1988, Vizeweltmeister 2010, dritter 2014, noch mehr? Und dann zu sagen verlorene Generation......
n.a.max 11.10.2017
3. Das "für immer"...
... im letzten Satz ist sehr übertrieben.
AntiMonetarist 11.10.2017
4.
Unsinn! Cruyff ist für die gute Jugendarbeit in Ajax Amsterdam und FC Barcelona verantwortlich gewesen, die in diesen Vereinen über viele Jahre geleistet wurde! Dank Cruyff hatten diese Vereine viele Edeltalente und Superstars hervorgebracht!
bucketfor99 11.10.2017
5. Ricky van Wolfswinkel
ist Top Torjäger in der Schweiz und spielt beim CL Teilnehmer FC Basel. Keine Topliga zwar, aber immerhin eine Option im Sturm.
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